Nanotechnologie, die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts, boomt. Velorahmen werden dank Nanopartikeln härter, Scheiben bruchsicherer, Nahrungsmittel und Kosmetika geschmackvoller, homogener, «besser».

Doch die Wirkung der winzigen Teilchen – ein Nanometer entspricht einem milliardstel Meter und verhält sich zum Meter wie ein Heissluftballon zur Erdkugel – ist noch wenig erforscht. Von den Kleinstpartikeln gehen möglicherweise Gefahren für Gesundheit und Umwelt aus. Eine Studie der Universität Lausanne von 2011 zeigte, dass Nanopartikel in Kosmetika – ähnlich wie Asbest – die Lunge schädigen können. Auch über die Haut können Nanopartikel in den Körper gelangen, wo sie Entzündungen auslösen oder toxisch wirken können. Normalerweise bietet die gesunde Haut genügend Schutz, wie das EU-Projekt «Nanoderm» untersucht hat. Ist die Haut jedoch verletzt oder gereizt, etwa nach der Rasur oder einem Sonnenbad, können die Partikel in tiefere Hautschichten vordringen.

In der Schweiz gibt es noch keine Deklarationspflicht für Nanopartikel. Der Bund appelliert an die Selbstkontrolle der Hersteller. «Es liegt in der Verantwortung der Industrie zu gewährleisten, dass ihre Produkte die Gesundheit des Menschen nicht gefährden», heisst es auf Anfrage beim Bundesamt für Gesundheit. In der EU ist man schon einen Schritt weiter: Ab Juli 2013 müssen alle Kosmetikartikel die verwendeten Nanopartikel in der Inhaltsstoffliste aufführen, ab Herbst 2014 auch alle Lebensmittel.

«Diese Transparenz wäre auch bei uns wünschenswert, gerade für sensible Bereiche wie Lebensmittel oder Kosmetika», sagt Josiane Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz. Einzelne Hersteller kommen diesem Wunsch bereits freiwillig nach. Etwa die Migros-Tochter Mibelle. «Die Mibelle deklariert heute schon zahlreiche Kosmetikartikel, da sie die Produkte auch ins nahe Ausland exportiert», sagt Migros-Sprecherin Christine Gaillet.

Migros und auch Coop listen ihre Nanoprodukte auf ihren Webseiten auf, darunter eine Sonnenschutzcreme und eine Tagescreme mit Sonnenschutzfunktion. Beide Produkte enthalten Nanopartikel aus Titandioxid.

Titandioxid und Zinkoxid werden in Sonnenkosmetik seit Jahren als mineralische Lichtschutzfilter eingesetzt. Die Partikel bieten der einfallenden Strahlung über ein breites Spektrum Schutz, ohne die Haut zu irritieren, wie es bei chemischen Filtern vorkommen kann. «Nanotechnologie in Kosmetika bietet Vorteile», sagt Bernard Cloëtta, Direktor des Schweizerischen Kosmetik- und Waschmittelverbandes. Erlaubt seien nur die Inhaltsstoffe, die auf einer Positivliste der Kosmetikverordnung stünden. «Die Anwendung von Nanomaterialien in kosmetischen Mitteln ist gesundheitlich unbedenklich und gesetzlich geregelt», sagt Cloëtta.

Zu einem anderen Schluss kommt der Grundlagenbericht über «Synthetische Nanomaterialien. Risikobeurteilung und Risikomanagement», den das Bundesamt für Umwelt und das Bundesamt für Gesundheit 2007 gemeinsam publizierten. Nanoskalige Inhaltstoffe in Kosmetika würden «oft nur ungenau charakterisiert», schreiben die Experten. Und weiter: «Viele Hersteller betonen oft die positiven Effekte der Produkte, ohne Details zu den Bestandteilen oder den nanotechnologischen Komponenten zu machen.» Fazit des 280-seitigen Reports: «In Anbetracht der grundsätzlich unsicheren Risikosituation sind diese Anwendungen als potentiell konfliktträchtig einzustufen.» Peter Wick, Nanotechnologie-Experte bei der Empa, betont hingegen, dass jeder Stoff einzeln betrachtet werden müsse. «Eine pauschale Bewertung von Nanoteilchen ist nicht möglich.»

Der Aktionsplan «Synthetische Nanomaterialien» des Bundes will nun die Grundlagen für einen verantwortungsvollen Umgang mit synthetischen Nanomaterialien schaffen. In einer ersten Phase soll die Industrie zu mehr Eigenverantwortung aufgefordert werden; in einer zweiten sollen die rechtlichen Rahmenbedingungen erarbeitet werden.

Gemäss BAG-Sprecherin Eva van Beek wird die Schweiz die Deklarationspflicht von Nanomaterialien bei Kosmetika mit der Totalrevision der Lebensmittelgesetzgebung übernehmen. Die neue Verordnung tritt voraussichtlich 2015 in Kraft. Bis dahin müssen sich Schweizer Konsumentinnen, die auf Nummer sicher gehen wollen, an Naturkosmetik halten. Bei Produkten, die nach dem Cosmos-Standard zertifiziert sind und die Signatur «Cosmos natural» oder «Cosmos organic» tragen, ist die Verwendung von Nanomaterialien verboten.


Gesichtscreme
: Nanopartikel aus Silber und Aluminium sorgen für eine glatteres Hautgefühl.
Körperpflegeprodukte: Nanopartikel verbessern den Transport von Wirk- und Nährstoffen durch die Haut; so können selbst wasserunlösliche Substanzen vom Körper aufgenommen werden.
Seifen: Silber-Nanopartikel verstärken die antibakterielle Wirkung.
Lippenstifte: Nanopartikel sorgen für Glanz.
Zahnpasta: Titandioxid dient als Weissmacher; Silica-Granulat (hydrated Silica) verbessert die Reinigungsfunktion.
Sprays: Antibakteriell wirkendes Silber soll Schweissgeruch verhindern.