Man sah es ja kommen und ­hätte darauf wetten ­können. Hatte sich nicht in letzter Zeit das Bild vom dumpfen Höhlenmenschen gewandelt – zu fast fein­fühligen ­Brüdern und Schwestern von uns? Zu an ein tragisches Schicksal ­geketteten Ähnlichen, die lieber mal zur Schminke aus der Muschel statt zur ­groben Keule griffen – und am Schluss auch die schöneren Pfeilspitzen hatten? Deren Schädel erst noch für mehr Hirn Platz boten als die unsrigen, heutigen. Hatten nicht erst kürzlich US-Fernsehsender virtuelle ­Moderatoren gezeigt, die dem Urmenschen glichen? Wir würden, so hiess es zum Experiment, kaum aufblicken, begeg­nete er uns in Anzug und Krawatte im Tram. Da kann nicht mehr furchtbar über­raschen, dass vor Urzeiten offenbar ­nachweislich auch mal was zwischen unseren Verwandten vom Stamm Homo sapiens und dieser strammen Sippe mit der fliehenden Stirn lief – den Neandertalern.

Das Schweigen der Gene: Wild blüht die Phantasie der Nachgeborenen

Woher kommen wir, wer sind wir, und wohin gehen wir? Das sind die Fragen, die den Menschen vor allen anderen seit Ewigkeiten bewegen. Darüber grübeln wir nach, wenn wir nicht gerade von anderem abgelenkt werden. Darum ist das wachsende Wissen über die ­Evolution des Menschen so ungemein ­faszinierend. Dass wir eine Menge alter Erbschaften mit uns tragen, ist eigentlich klar. Dass sich aber bei europäi­schen Menschen offenbar deutliche Spuren früher, enger Treffen mit ­Neandertalern im Nahen Osten finden lassen, das ist neu. Die Nachricht verbreitete sich rasch. Auch Paläosex macht Schlag­zeilen. Erst recht, weil ­niemand weiss, was da genau geschah. War Gewalt im Spiel oder etwa doch Liebe – über ­alle Widrigkeiten hinweg? Da schwei­gen die Gene. Die Phantasie blüht dafür umso wilder.

Was der in Leipzig tätige Evolutionsgenetiker Svante Pääbo und seine 78 Mitstreiter da Anfang Mai im Wissenschaftsmagazin «Science» ausbreiteten, ist zweifellos ein grosser Schritt in ei­nem den Menschen ergreifenden Unternehmen – und die Frucht einer Herkulesarbeit: Aus wenigen Milligramm Knochenpulver des Neandertalers – mit Zahn­arzt­bohrern aus kroatischen Funden gewonnen – wurden mit modernsten Instrumenten rund 60 Prozent des ­Genoms entschlüsselt. Das ist schier unglaublich, weil bis zu 99 Prozent der ur­alten Reste nicht von Neander­talern, sondern von Mikro­organismen stammen, die sich in den Knochen­fragmen­ten eingenistet hatten. Ein Job, wie wenn man aus hundert eng mit Abfolgen von vier Buchstaben beschriebe­nen Seiten eine einzige richtig zusammenpuzzeln müsste, nachdem der ­Aktenvernichter zum Einsatz kam.

Sind wir so besonders? Nur 78 Gene machen den feinen Unterschied

Nicht umsonst liess sich Svante Pääbo in der klassischen Pose mit dem Schädel eines Neandertalers in der Hand ­abbilden. Lachend, obwohl die traditionelle Nachdenklichkeit besser gepasst hätte. Denn prompt hatten einige die Nachricht vom frühen geschlechtlichen Umgang mit «Höhlenmenschen» als Herabstufung des Menschen gesehen. Doch erst jetzt lasse sich untersuchen, was das allenfalls Besondere an uns ist. Gerade mal 78 Gene sollen beim modernen Menschen – modern bezieht sich in diesem Fall auf die Anatomie – in Frage kommen. Vom Antrieb der Spermien bis zur geistigen Entwicklung reichen die Möglichkeiten. Vielleicht steckt hier eine Antwort auf die Frage, warum wir so erfolgreich und fast zur Plage des Planeten geworden sind.

Doch auf neue Antworten folgen neue Fragen: Wenn die beiden sich vermeintlich fremden Homo-Arten Kinder haben konnten, warum finden sich dann nur so geringe Spuren der möglichen Gemeinsamkeiten? Was hielt die nahen Zweige voneinander fern? Waren sie einfach zu wenige, allzu oft radikal gefährdet, oder trennten sie frühe kulturelle Barrieren? Stecken gar andere Dramen dahinter? Wir werden es nie erfahren.

Dennoch ist die Antwort auf die Frage nach dem Woher mit dem Blick in die alten Gebeine ein Stück klarer geworden. In der Frage nach dem Wohin aber hilft uns das Grübeln in alten und auch neuen Knochen nicht weiter.