Leute, die einen Nobelpreis bekommen, erhalten eine schöne Aufgabe: Sie dürfen eine Autobiografie schreiben – und diese wird auf der Website der Nobelstiftung fortan auch den Ungenobelten präsentiert. Ein guter Lesestoff. Denn seit den 1970er Jahren haben persönliche Lebensschilderungen die einstigen steifen Biografien abgelöst: Es wird auch über die Familie und die ersten Karriereschritte erzählt. Wer das liest, erkennt bald: Zum Nobelpreis gibt es so viele Wege, wie es Preisträger gibt. Zu- und Glücksfälle spielen eine wichtige Rolle. Es kommt auf den Witz, das Umfeld und den richtigen Zeitpunkt an – wie auch sonst im Leben. Nobelpreisträger (Frauen sind immer noch seltene Solitäre in der langen Kette brillanter Männer) sind eben auch nur Menschen.

Das kreative Spiel mit dem Feuer

Heute wird oft in Sorge davon gesprochen, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr so einfach wie früher den Weg zu Natur und Forschung finden. Dass ihnen die Welt am Computer zwar virtuell vor den Fingerspitzen liege, der praktische Zugang dafür aber schwierig geworden sei. Das Feuerfangen auch.

Das war früher einfacher. Wer in den noblen Erinnerungen blättert, findet manchen Preisträger, der in jungen Jahren mit freundlicher Duldung hoffnungsvoller Eltern mit dem Feuer spielen durfte.

So half etwa der Vater von Sheldon Lee Glashow (Nobelpreis für Physik, 1979) seinem damals 15-jährigen Sohn, im Keller ein Labor zu bauen. So auch der Vater von Richard John Roberts (Medizin, 1993): Dieser beschaffte sogar noch die benötigten Chemikalien. Oder Godfrey Newbold Hounsfield (Medizin, 1979), der wassergefüllte Teerfässer mit Karbid zum Fliegen bringen durfte.

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Chemiekasten statt Violoncello-Unterricht

Auch Hamilton Othanel Smith, der mit dem Basler Werner Arber 1978 seine Auszeichnung erhielt, hatte ein Heimlabor, das er dank seinem Zeitungsbotenverdienst stetig ausbaute. Richard Royce Schrock (Chemie, 2005) erhielt im Alter von acht Jahren von seinem Bruder einen Chemiekasten und führte im Keller Experimente durch. Richard Robert Ernst (Schweizer Chemie-Nobelpreisträger, 1991) fand mit 13 Jahren auf dem Estrich die chemischen Hinterlassenschaften eines Onkels und war bald sicher, dass fortan die Chemie die erste und das Violoncello nur noch die zweite Geige spielen würde. Horst Ludwig Störmer (Physik, 1998) wiederum baute ein Radio nach dem anderen und versuchte, mit selbstgebastelten Raketen seine Modelleisenbahn zu beschleunigen. Robert Betts Laughlin (Physik, 1998) zerlegte Fernsehgeräte – nach dem Motto «Was man nicht auseinandergenommen hat, versteht man nicht». Und Richard Edward Taylor (Physik, 1990) experimentierte gerne mit allerlei Sprengstoffen.

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Jetzt sind die Erwachsenen gefordert

Das alles gibt es nicht mehr. Chemiekästen, klagen die Liebhaber dieser Spielsachen, haben heute ihren Reiz verloren, weil sie zu sicher geworden sind. Und in Zeiten, wo im Flugverkehr bereits Haarbleiche und Nagellackentferner Terror verbreiten, kann ein Privater – und erst recht ein Halbwüchsiger – seine Chemikalien nicht mehr in der Drogerie nebenan beschaffen. Wer dennoch mit Chemikalien hantiert, riskiert, dass beim ersten verdächtigen Duft Polizei und Chemiewehr im Heimlabor stehen. Kommt dazu, dass in heutigen Radios und elektronischen Geräten Leiterplatten und kalte Chips statt glühender Röhren stecken. Reparieren ist zum Fremdwort geworden.

Doch eine sicherere Welt muss nicht langweiliger sein: Noch immer bleibt die Natur aufregend. Dringend braucht es aber begeisternde Erwachsene, die die Jungen handfeste Forschungserfahrungen machen lassen. Und so warten wir gespannt darauf, was künftige Preisträger in ihre Stockholmer Autobiografien schreiben werden. Anders als etwa Taylor und Störmer werden sie es wahrscheinlich, zumindest körperlich, in unversehrtem Zustand tun: Dem einen hatten bei der Medaillenübergabe drei Finger gefehlt, der andere hatte nur noch einen halben Daumen.

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