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Raumplanung«Hochhäuser sind wieder cool»

Es wird viel gebaut. Aber oft ohne Plan. Architekt Roger Diener sieht deshalb den Charakter der Schweiz gefährdet. Trotzdem gibt er die Hoffnung nicht auf.

Roger Diener, 60, machte ab 1980 das von seinem Vater übernommene Büro Diener & Diener Architekten zu einer weltweit gefragten Adresse. Der Basler lehrte an verschiedenen europäischen Architekturschulen sowie in Harvard. 2002 erhielt er für sein Gesamtwerk den Architekturpreis der Académie française.

Von und

Beobachter: Roger Diener, wenn das so weitergeht, ist das Mittelland bald nur noch ein gesichtsloser Siedlungsbrei. Muss das sein?
Roger Diener: Es scheint fast, als würden wir unser Erbe verspielen und die Eigenheiten des Landes aufs Spiel setzen. Eine beklemmende Entwicklung. Und niemand scheint die Konsequenzen ziehen zu wollen.

Beobachter: Lässt sich das nicht ändern?
Diener: Diese Entwicklung war der Grund, warum ich zusammen mit meinen Kollegen vor sechs Jahren das Buch «Die Schweiz ein städtebauliches Portrait» gemacht habe. Wir wollten darlegen, dass die Schweiz eine planerische Gestaltung verdient, damit sie gedeihen und man sie weiterentwickeln kann.

Beobachter: Passiert ist seither aber nicht viel. Es ist bei der Absicht geblieben.
Diener: Manchmal ist es tatsächlich frustrierend, dass man sich ständig damit konfrontiert sieht, dass die öffentliche Planung vor allem ein Beschränkungsinstrument ist. Bauverbote braucht es selbstverständlich. Aber es wäre wichtig, über die Planung ein vertieftes Bewusstsein entstehen zu lassen über die Frage, wohin wir uns entwickeln wollen.

Beobachter: Sind es die rigorosen Bauordnungen, die planerische Visionen verhindern?
Diener: Das nehme ich so wahr. Und solange wir keine Vision entwickeln, machen uns solche Beschränkungen noch ohnmächtiger.

Beobachter: Sind Sie frustriert?
Diener: Nein, nein, in der Schweiz sind Dinge in Bewegung gekommen, wie wir uns das vor 15 Jahren nicht vorgestellt hatten. Deshalb halte ich es für sinnvoll, dass wir uns mit unseren Zukunftsperspektiven auseinandersetzen. Aber als Architekten können wir nicht einfordern, dass man unsere Ideen unmittelbar umsetzt. Längerfristig allerdings haben wir durchaus die Kraft, im Bewusstsein etwas zu verändern.

Beobachter: Und kurzfristig?
Diener: Zürich zum Beispiel entwickelt sich eindrücklich, kraftvoll und auch erfolgreich. Die Stadt ist extrem offen, ähnlich wie Berlin. Wie dynamisch der Prozess der Stadterneuerung abläuft, sieht man etwa in Zürich West. Dort wirken Investitionskräfte, die bedeutend grösser sind als jene am Potsdamer Platz in Berlin.

Beobachter: Während der Potsdamer Platz einen einheitlichen Eindruck macht, sieht Zürich West aber eher wie Stückwerk aus.
Diener: Die Voraussetzungen sind anders. In Zürich West wird ein altes Industriequartier erneuert, das von seiner Erinnerung, von seinem Erbe leben soll. Von daher ist es nicht einfach nur schlecht, wenn sich dieses neue Quartier aus ganz unterschiedlichen Teilen heraus entwickelt. Selbstverständlich muss man sich dafür einsetzen, dass die Idee der ursprünglichen Planung nicht verloren geht.

Beobachter: Was meinen Sie konkret?
Diener: Bei Grossprojekten werden sehr grosse Energien freigesetzt, die sich mit planerischen Mitteln dann nicht immer steuern lassen. Wie und wie schnell ein Gebiet überbaut wird, hängt vielfach vor allem von wirtschaftlichen Faktoren ab, von der Konjunktur.

Beobachter: Die Planung spielt nur die zweite Geige?
Diener: Sie kann und soll Ziele vorgeben. Wichtig bei der Urbanisierung alter Industriegebiete ist immer eine gesunde Mischung von Dienstleistung und Wohnen. Bei der Planung des ABB-Bereichs in Baden etwa schrieb man einen minimalen Wohnanteil von 35 Prozent vor und glaubte, man könne Wohn- und Bürobauten gleichzeitig realisieren. Das war anfänglich nicht möglich, es entstanden primär Büros. Wenige Jahre später änderte sich die Nachfrage, plötzlich waren Wohnungen gefragt.

Beobachter: In Zürich West läuft es umgekehrt.
Diener: Ganz genau. Auch hier stritten sich die Eigentümer und die Stadt während Jahren. Die Investoren wollten einen Wohnanteil von maximal 20 Prozent, die Stadt verlangte – vernünftigerweise – mindestens 28 Prozent. Irgendwann wurde diese Diskussion aber hinfällig, weil die Nachfrage nach Wohnungen plötzlich derart stark gestiegen ist. Auf einzelnen Arealen wird der Wohnanteil deshalb am Schluss bei rund 60 Prozent liegen.

Beobachter: Planung findet also auf dem Papier statt, gebaut wird aber nur, was der Markt verlangt?
Diener: Stadtentwicklungen werden tatsächlich praktisch ausschliesslich von aktuellen Vermarktungschancen getragen. Wenn man sieht, dass in Zürich pro Jahr 4000 neue Bewohner zuziehen, weiss man, dass die Produktion von Wohnungen gross bleiben wird.

Beobachter: Ist diese konsequente Ausrichtung nach dem Markt typisch schweizerisch?
Diener: Die Entwicklung läuft auf der ganzen Welt nach diesem Muster ab. Das war auch früher nicht anders. Die Basler Aussenquartiere etwa, die zwischen 1860 und 1930 entstanden, wurden aufgrund der grossen Nachfrage nach Wohnraum so gebaut. Das Resultat ist trotzdem nicht schlecht. Die Quartiere aus der Gründerzeit empfinden wir noch heute als hochwertige bürgerliche Wohnquartiere.

Beobachter: Stimmt es Planungsarchitekten wie Sie nicht nachdenklich, dass so oft nicht über die Nasenspitze hinaus geplant wird?
Diener: Ich kann diese Frage nur für mich beantworten: Beim Bauen orientiere ich mich immer am gesellschaftlichen Umfeld. Daran, wie sich ein Stadtkörper entwickelt hat. Deshalb war für mich die Vision der Klassischen Moderne, sich eine Stadt ohne ihre mittelalterlichen und gründerzeitlichen Quartiere ganz neu zu denken, nie wirklich interessant. Mit Ausnahme von zwei, drei grandiosen Leistungen wie Chandigarh oder Brasilia, wo Städte wie Kunstwerke entstanden, waren deren Ergebnisse ja auch nie wirklich überzeugend.

Beobachter: Wenn man durch die Schweiz fährt, bekommt man auch nicht den Eindruck, dass dieses historische Erbe gepflegt wird.
Diener: Das ist leider so. Wir sollten die spezifischen Qualitäten der Schweiz pflegen. Die Schweiz ist ein vollständig urbanisiertes Land geworden, mit Industrielandschaften, die sehr schön sein können, unberührten Landschaften, mit Städten. Auch für schöne Quartiere mit Einfamilienhäusern ist Raum. Entscheidend ist, dass wir versuchen, die verschiedenen Räume in ihrem Zusammenhang zu sehen. Sie sind miteinander vernetzt, bedingen einander. Darum sind für uns auch die Alpen ein Teil der urbanisierten Schweiz.

Beobachter: In welche Richtung soll sich die Schweiz denn entwickeln?
Diener: Ich halte es für verfehlt, wenn man jetzt ein fixes Bild entwickeln würde, wie die Schweiz einmal zu sein hat. Es geht mir darum, ein Bewusstsein für planerische Prozesse zu schaffen und dass diese Planungsabläufe offen gestaltet werden. Denn dabei können sich immer wieder unerwartete Möglichkeiten auftun. Die gesamte Planung unter Kontrolle bringen wäre falsch. In der Schweiz ist tendenziell alles unter Kontrolle. Es gibt ja kaum noch einen Quadratmeter, der nicht jemandem gehört, der nicht schon verplant und über den nicht verfügt wird. Zuerst geht es darum, Freiräume zu schaffen. Was nicht heisst, dass man in die alten Muster einer unreflektierten Entwicklung zurückfällt, wo man nur das Nächstmögliche unternimmt und einer kleinen Entwicklung zuliebe wichtige Räume preisgibt.

Beobachter: Ein anderer Traum ist die 2000-Watt-Gesellschaft. Lässt er sich mit planerischen Mitteln erreichen?
Diener: Wenn es um eine energiebewusste Besiedlung geht, ist die Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr zentral, wie man am Beispiel der S-Bahn im Kanton Zürich sehen kann. Der öffentliche Verkehr funktioniert sehr gut. In dieser Hinsicht ist die Schweiz in der Lage, das Ziel einer 2000-Watt-Gesellschaft zu erreichen. Genauso wichtig ist, dass man in einer sinnvollen Dichte baut. Auch das spart Energie. Für mich als Architekt bedeutet das aber eine grosse Herausforderung, im städtischen Raum ökologisch zu bauen. Bisher war ökologisches Bauen eher eine ländliche Architektur mit hohem Materialbewusstsein, die sich weniger um urbane Fragen kümmerte.

Beobachter: Der Inbegriff des verdichteten Bauens sind Hochhäuser. Sind Sie glücklich darüber, dass nun auch in der Schweiz plötzlich überall in die Höhe gebaut wird?
Diener: Das ist ein Missverständnis. Mit der Frage der Dichte hat das Hochhaus bei uns wenig zu tun. Die gesetzlichen Vorgaben sind so, dass dort, wo Hochhäuser gebaut werden, grosse Freiräume entstehen müssen. Umgekehrt gibt es Städte mit hoher Dichte ohne Wolkenkratzer. Paris zum Beispiel ist doppelt so dicht gebaut wie die am dichtesten überbauten Quartiere um den Zürcher Hauptbahnhof.

Beobachter: Warum werden dann plötzlich wieder Hochhäuser gebaut?
Diener: Stadtplanung war lange Zeit eine Domäne der 68er, die Planungsämter der grösseren Städte waren oft in sozialdemokratischer Hand. Für sie waren Hochhäuser keine geeignete Wohnform, insbesondere nicht für Familien. Zudem war den 68ern suspekt, dass Firmen mit einem Hochhaus protzen konnten wie etwa Sulzer in Winterthur. In den letzten 15 Jahren gab es zu Recht ein Umdenken, zumal das Wohnen im Hochhaus ja schon immer erfolgreich war. Es ist auch nicht sicher, dass man in einem banalen vierstöckigen Block mit einer Strasse vor und einem kleinen Garten hinter dem Haus glücklicher wäre. Sicher hat auch der neoliberale Geist dazu beigetragen, dass man Hochhäuser wieder cool findet.

Beobachter: Finden Sie Hochhäuser cool?
Diener: Wir selber haben in Zürich auch ein Hochhaus gebaut, den Mobimo Tower, gestalterisch eine grosse Herausforderung. Wichtig ist uns, dass wir das Hochhaus nicht dafür missbrauchten, eine skulpturale Figur in den Stadtraum zu setzen. Über die Bestrebungen von Architekten, sich mit einem Hochhaus ein Denkmal zu setzen, wie in Frankfurt zum Beispiel, bin ich entsetzt. Hochhäuser sollten zurückhaltend sein. Ihre Form sollte sich aus ihrer Organisation heraus ergeben. Ein Hochhaus ist primär ein städtisches Haus, das einfach etwas höher gebaut ist.

Beobachter: Architekten sollten sich also etwas mehr zurücknehmen?
Diener: Es gibt Bauaufgaben und Momente, bei denen eine gewisse Monumentalität wichtig und notwendig ist. Eine Stadt soll schliesslich erkennbar bleiben. Und von einer Stadt behalten wir ja nicht zuletzt Monumente und Plätze in der Erinnerung. Umgekehrt muss eine Stadt in ihrer Vielfalt den Hintergrund dafür bieten, dass einzelne, spezifische Konstellationen möglich werden. Das kann sehr bereichernd sein, wie man in Paris sehen kann: Die Strassenräume besitzen eine hervorragende Qualität. Die Häuser folgen Regeln und individualisieren sich auf einer äusserst eleganten Ebene, ohne dass sie die Gesamtwirkung überspielen würden. Das ist eine Qualität der europäischen Stadt, die man unbedingt pflegen sollte. Gerade auch in der Schweiz.

Roger Diener, Jacques Herzog, Marcel Meili, Pierre de Meuron, Christian Schmid: «Die Schweiz – ein städtebauliches Portrait»; Birkhäuser-Verlag, 2005, 1016 Seiten, 81 CHF

Veröffentlicht am 31. Dezember 2010