BeobachterNatur: Herr Kersten, was geht in unserem Kopf vor, wenn wir Schönes betrachten?
Bernd Kersten: Das ist abhängig davon, um welche Art von Gefallen es sich handelt. Ein mildes Gefallensurteil aktiviert das limbische System. Dieses reagiert unter anderem auf symmetrische geometrische Figuren – sehr wahrscheinlich, weil sie die Informationsverarbeitung erleichtern. Es ist diese flüssige Wahrnehmung, die als angenehm empfunden wird. Oft nehmen wir dieses Gefühl nicht bewusst wahr. Das ist typisch für das limbische System, ist es doch entwicklungsgeschichtlich betrachtet ein sehr alter Teil unseres Gehirns, der für Instinkte zuständig ist.

BeobachterNatur: Was geschieht, wenn wir jemanden besonders attraktiv finden?
Kersten: Sexuelle Anziehung kann sehr heftige Reaktionen hervorrufen. Sie aktiviert neben dem limbischen System auch den orbitofrontalen Kortex, also einen Teil der Grosshirnrinde, der entwicklungsgeschichtlich betrachtet sehr jung ist. Dieses Hirnareal bewältigt komplexe Aufgaben – wie Urteile fällen, Erinnerungen abrufen und Informationen verknüpfen. Das ästhetische Empfinden, das uns angeboren ist, wird hier also durch Erfahrungen verändert und gestaltet.

BeobachterNatur: Und was geschieht, wenn wir Kunst betrachten?
Kersten: Um das zu ergründen, müssten wir das Gehirn vollständig verstehen. Denn die Kunstwahrnehmung gehört zu den komplexesten Leistungen des menschlichen Denkens überhaupt. Da ist das ganze Gehirn beteiligt. Zudem setzen Künstler zwar auf ästhetische Vorlieben, die uns angeboren sind; aber sie verwenden auch Stilmittel, die nicht in der Natur vorkommen.

BeobachterNatur: Geben Sie uns bitte ein Beispiel.
Kersten: Die Perspektiven im Porträt der Mona Lisa etwa. Wenn Sie das Bild genau betrachten, stellen Sie fest, dass der Horizont auf der rechten Seite schräg ist. Zudem sind die Perspektiven auf der rechten und linken Seite verschoben. Das ist kein Fehler, sondern Absicht. Diese Unstimmigkeit irritiert den Betrachter, macht ihn aber auch neugierig. Natürlich trägt das berühmte Lächeln dazu bei – das übrigens so mysteriös ist, weil nur die Augen lächeln, der Mund aber nicht.

BeobachterNatur: Bedient Leonardo da Vinci auch unsere angeborenen Vorlieben?
Kersten: Natürlich, zum Beispiel mit Mona Lisas Augen. Zeigt man männlichen Testpersonen Fotos attraktiver Frauengesichter, wird das Belohnungszentrum besonders dann aktiv, wenn die abgebildete Schönheit dem Betrachter in die Augen schaut – und das macht Mona Lisa, egal, ob Sie links oder rechts vor dem Bild stehen. Das rechte Auge befindet sich übrigens exakt in der vertikalen Bildmitte – was die Wirkung verstärkt.

BeobachterNatur: Aktiviert da Vincis Bild unser limbisches System?
Kersten: Genau. Die Bildaufteilung löst mildes Wohlgefallen aus. Neben dem Anklang an die Symmetrie in der Bildaufteilung wirkt gerade die geringfügige Abweichung nicht nur gefällig, sondern besonders interessant.

BeobachterNatur: Was finden Sie persönlich schön?
Kersten: Abgesehen von meiner schönen Frau? Für mich ist die wichtigste Form der Schönheit das Rätselhafte – etwa, warum ein Bild emotionale Reaktionen auslöst und eine «tiefere» Bedeutung hat. Schöner als ein Rätsel ist nur noch das Gefühl, es gelöst zu haben.