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TierversucheGegenwind für Geheimniskrämer

Tierschützer fordern ein öffentliches Register, in dem Projekte und Ergebnisse von Tierversuchen publiziert werden müssten. Das Bundesamt für Veterinärwesen will jetzt darauf eintreten.

78 Prozent der in Tierversuchen im Jahr 2008 «verwendeten» Tiere waren Nagetiere.
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Was in der Schweiz hinter den Türen der Tier­versuchslabors von Industrie und Forschung geschieht, ist geheim. Zwar publiziert das Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) alljährlich eine Tierversuchsstatistik. Diese enthält jedoch nur nüchterne Zahlenangaben. Die Art der Ver­suche, ihre Ziele und ob sie erfolgreich waren, erfährt die Öffentlichkeit nicht.

Dies führt etwa zur ­absurden Situation, dass die Mitglie­der der kantonalen Tierversuchs­kommissionen nicht wissen, ob ein Versuch, den sie bewilligen sollen, nicht andernorts bereits durchgeführt wurde. Auch Forscher können sich nicht informieren, ob ein ähnliches Projekt bereits an einem anderen Institut geplant ist. Die unnütze Verschwendung von Tierleben ist so programmiert.

Transparenz fördert Austausch

Schon lange drängen deshalb Tierschutzorganisationen wie der Schweizer Tierschutz (STS) oder die Ärztinnen und Ärzte für Tierschutz in der Medizin (ATM) auf die Einführung eines öffentlichen Studienregisters. In einem solchen wären alle geplanten, aktuellen, aber auch bereits abgeschlosse­nen Tierversuche mit ihren Ergebnissen verzeichnet. «Solche Transparenz ist in der klinischen Forschung am Menschen längst Realität und hat sich bewährt», sagt Markus Deutsch vom ATM. Negative Resultate von Tier­versuchen verschwinden heute laut Julika Fitzi vom STS auf Nimmerwiedersehen in den Schubladen der Forscher. «Weil mit dem Register auch diese Ergebnisse publiziert würden, könnten Doppelspurigkeiten vermieden werden», so Fitzi.

Zu den Befürwortern eines öffentlichen Studienregisters gehört auch der Ethiker und Präsident der Zürcher Tierversuchskommission, Klaus Peter Rippe: «Das Register könnte die Zahl der Tierversuche senken. Zudem fördert Transparenz in einem Forschungsbereich den Austausch von Ideen.»

Das BVET scheint nun auf die Forderungen der Tierschützer einzutreten: «Wir stehen der Veröffentlichung von Tierversuchsdaten grundsätzlich positiv gegenüber. Die Tierschutzinteressen müssen aber gegen Forschungsinteressen, wirtschaftliche Interessen und den Datenschutz abgewogen werden. Diese Frage ist politisch zu entscheiden», sagt BVET-Sprecherin Cathy Maret.

Hintergrund: Tierversuche 2008

Die Zahl der Tierversuche stieg in der Schweiz um 0,8 Prozent gegenüber 2007. 731'883 Tiere wurden verwendet; 78 Prozent waren Nagetiere. Dem Wachstum
in der Grund­lagen­forschung (+8 Prozent) steht eine Abnahme in der medi­zini­schen Forschung gegen­über (–11 Pro­zent). Knapp die Hälfte der Versuchstiere
wur­de in der Industrie eingesetzt (–9 Prozent), gut ein Drittel in Hoch­schulen und Spitälern (+7 Prozent). Laut BVET widerspiegelt ­dies die Ausweitung der Forschung.

Veröffentlicht am 18. August 2009