Eine bisher unbekannte Menschenart soll vor 40'000 Jahren zeitgleich mit Neandertalern und modernen Menschen gelebt haben. Dies schliessen Anthropologen aus Deutschland aufgrund fossiler Reste eines Fingers  aus Südsibirien, in denen sie Spuren von Erbgutsubstanz analysiert haben. Die im renommierten britischen Wissenschaftsmagazin «Nature» publizierte Untersuchung hat in der Fachwelt eingeschlagen. «Ein sensationeller und überraschender Befund», sagt Christoph Zollikofer, Professor für Anthropologie an der Universität Zürich. Bestätigen sich die Ergebnisse, so lebten zu jener Zeit in Eurasien nicht wie bisher angenommen zwei, sondern drei Hominiden-Arten. Auch die Hauptautoren gaben sich an einer Pressekonferenz diese Woche über ihre Ergebnisse überrascht: Man habe vor der Untersuchung nie an eine neue Art gedacht, so Johannes Krause und Svante Pääbo vom Max Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Die Fingerreste stammen aus der Denisova-Höhle im Altai-Gebirge im Süden Sibiriens, das sich zwischen Russland, der Mongolei und Kasachstan hinzieht. Sie diente während 12'5000 Jahren als Unterschlupf für Menschen. Steinwerkzeuge und Knochenutensilien lassen sich dort finden und dazwischen auch den einen oder anderen Knochen. Die hat man bisher den beiden Arten Homo sapiens oder Homo neanderthalensis zugeordnet, bis sich Johannes Krause daran machte, einen Fingerknochen zu untersuchen. Er analysierte dazu Rückstände der Erbgutsubstanz DNA in 30 Milligramm Knochenpulver, wobei es sich nicht um DNA aus dem Kern, sondern aus sogenannten Mitochondrien handelt, die sich in der Zellflüssigkeit befinden. Diese ist etwa einfacher zu untersuchen, enthält aber weniger Gene als die Kern-DNA. Die technisch anspruchsvolle Sequenzierung ergab nun deutliche Unterschiede sowohl zum Erbgut moderner Menschen als auch zu jenem des Neandertalers. Da sie sich nicht den beiden genannten Hominiden zuordnen liess, musste sie zwangsläufig von einer dritten bisher unbekannten Art stammen, so die Forscher. Wie dieser Vorfahr ausgesehen haben könnte und wie nahe verwandt er mit uns war, lässt sich aufgrund der bisherigen Erbgut-Analysen nicht sagen. Die Forscher sprechen vorsichtig vom unbekannten Hominiden aus Denisova.

Bisher ging man davon aus, dass Homo erectus der erste Hominide war, der vor rund 1.9 Millionen Jahren aus Afrika auszog und nach Asien zog, er dürfte in Indonesien noch bis vor 100'000 Jahren gelebt haben. Die Neandertaler wanderten vor etwa einer halben Million Jahre aus Afrika aus und drangen nach Eurasien, sie sind vor rund 25'000 Jahren ausgestorben, wieso ist noch immer nicht klar. Anatomisch moderne Menschen (Homo sapiens) schliesslich haben Afrika vor über 50'000 Jahren verlassen. Deshalb ging die Anthropologen-Zunft bisher davon aus, dass vor 40'000 Jahren in Eurasien nur moderne Menschen und Neandertaler nebeneinander gelebt haben können. Der Finger aus Denisova zeigt nun, dass es zu jener Zeit offenbar mehr Populationen verschiedener Hominiden gab. Aufgrund der genetischen Unterschiede in der mitochondrialen Erbsubstanz lässt sich abschätzen, dass sich die Entwicklungslinie der neuen Art aus Denisova und der anderen Hominiden vor rund einer Million Jahre getrennt haben muss. Der Unbekannte aus Sibirien wäre somit Abkömmling einer dritten Hominiden-Art, die während langer Zeit Afrika und Eurasien belebt haben könnte. Ein Befund, so Christoph Zollikofer, der nur dank Genuntersuchungen fossilierten Materials möglich wurde, denn äussere, anatomische Merkmale von Fossilien haben diese Unterschiede bisher nicht offenbart. «Die DNA-Studien werfen ein völlig neues Licht auf die noch wenig verstandene Evolution des Menschen in Zentralasien», kommentierte der renommierte britische Anthropologe Chris Stringer.

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Blick aus der Denisova-Höhle (Bild: Johannes Krause)

Quelle: Bence Viola