«Wir brauchen den Wald», sagt Nilia. «Wir brauchen ihn für die Häuser. Wir brauchen ihn für die Möbel. Wir brauchen ihn für die Särge.»

«Aber der Wald braucht uns nicht», ergänzt Aléis.

Das ist viel Philosophie hier, in einer Lichtung mitten im Forêt des Pins, dem hoch gelegenen Föhrenwald im Südosten Haitis, vor der schmutzig weissen Wand eines winzigen Hauses. In der gleissenden Sonne stehen Kinder und warten auf nichts. Zu den Kindern von Nilia und Aléis sind im Lauf des Vormittags ein halbes Dutzend Buben und Mädchen gekommen, die von ihren Eltern – Tagelöhnern – für ­einige Stunden hier gelassen wurden. Ein Kleinkind beginnt zu weinen. Ein zweites fällt mit ein. Nilia verteilt Brot, jedem Kind ein nussgrosses Stück, das sie aus einem Brötchen bricht. Es geht gegen Mittag.

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Die Waldlichtung Savane de Cheval, in der Nilia und Aléis leben, ist so gross wie zwei oder drei Fussballfelder. Hier weiden ihre paar Schafe, und hier pflanzen sie an, was sie zum nackten Überleben brauchen, Mais, Erbsen, Kartoffeln.

Wenn Werkzeug kaputtgeht, eine Hose endgültig durch­gescheuert ist oder wenn sie eine ­Tablette gegen Bauchschmerzen brauchen, verkauft Nilia ein paar Kilogramm Kartoffeln, oder Aléis bringt ein Schaf auf den Markt. Eigentlich würden sie in so einem Fall auch gerne auf den Wald zurückgreifen und Holz verkaufen. Doch der Forêt des Pins steht unter Schutz. Jede Nutzung ist verboten. Einzig das Sammeln von Fallholz ist noch erlaubt.

Entwaldung hatte dramatische Folgen

Es ist Nilia, die das Brennholz sammelt, und es ist auch sie, die in der Trockenzeit das Wasser von weit her holt. Sie gräbt ­Kartoffeln aus. Sie kocht. Sie versorgt die Kinder. Aléis sitzt unterdessen vor dem Haus, blättert in der Bibel und blinzelt in die Sonne, so, wie er es immer tut, wenn er nicht gerade einen der kleinen Äcker bearbeitet. In der Gegend heisst es von Aléis, er sei ein fauler Kerl.

Als Christoph Kolumbus vor mehr als 500 Jahren auf Hispaniola landete, war die Insel von Wald bedeckt. Doch im 19. und 20. Jahrhundert wurden die Wälder abgeholzt, um Land für Zuckerplantagen zu schaffen. Die Folgen der Entwaldung sind die gleichen wie überall auf der Welt. Hänge erodieren. Böden verarmen. Quellen versiegen.

Ein Szenario, das im 19. Jahrhundert auch der Schweiz drohte. Für die Schmelzöfen der Metallminen und für die Eisenbahn waren zahlreiche Wälder abgeholzt worden. In den verbliebenen Wäldern holten sich Bauern, Landlose und städtische Arme, was sie benötigten. Brennholz, Streue und Harz. Sie rodeten Wald, um neues Ackerland zu gewinnen. Sie trieben ihr Vieh zur Waldweide.

Naturwissenschaftler warnten, die Übernutzung der Wälder werde zu Lawinen, Überschwemmungen und Erdrutschen führen. Die Resonanz war mager, und erst als im Jahr 1868 ein Unwetter mit Hochwasser und Murgängen 50 Todesopfer forderte und Schäden in Milliardenhöhe verursachte, reagierte die Politik. 1876 wurde ein Waldgesetz erlassen, das bis heute als vorbildlich gilt. «Die Schweiz hat den Wald reden gehört, seine Warnungen ernst genommen und mit dem modernen Umweltschutz begonnen», schrieb Bundesrat Moritz Leuenberger zum 125. Jahrestag des Waldgesetzes. Die wichtigsten Eckpfeiler dieses beispielhaften Gesetzes gelten noch heute: Rodungsverbot, Gebot zur nachhaltigen Waldbewirtschaftung, Verbot des Weidgangs, berufliche Ausbildung, Organisation des Forstdienstes. Die Wälder erholten sich, und bald waren ehemals kahle Berghänge wieder durch Wälder geschützt.

Quelle: Flurina Rothenberger
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Einer der ganz wenigen Wälder, die überlebt haben

Auch in Haiti werden Gesetze und Verordnungen zum Schutz der Wälder erlassen, doch der Staat ist zu schwach, um sie auch durchzusetzen. So ist der Forêt des Pins einer der ganz wenigen Wälder, die überlebt haben.

«Was ist wichtiger: der Wald oder der Mensch?»

«Früher konnten wir im Wald frei arbeiten», sagt Nilia.

«Der Wald schützt uns», betont Aléis und lobt die von oben verordneten Verbote. «Er ist kräftiger geworden.»

«Früher rodeten die Männer ein Stück Wald, damit wir Petersilie anbauen und verkaufen konnten», entgegnet Nilia. «Und dort» – sie zeigt auf einen Flecken mit jungen Bäumen –, «dort haben wir früher Kartoffeln gepflanzt.»

Dass der Forêt des Pins und die lokale Föhrenart Pinus occidentalis seit 1997 unter Schutz stehen, ist keine Garantie für die Erhaltung des Waldes. Heute bedrohen nicht grosse Holzgesellschaften, sondern viele kleine Waldfrevler den Fortbestand des Waldes.

Waldfrevler. Das klingt nach Skrupel­losigkeit und Gier. Doch die Frevler im Forêt des Pins sind bitterarme Bauern, die um das Überleben kämpfen. Ihre Parzellen sind klein und steinig. Der Mais braucht mehr als ein Jahr, um reifen zu können. Die Kinder sind zahlreich. Da ist die Versuchung gross, den letzten verbliebenen Reichtum zu ­nutzen, den Wald, der sich in zwei grossen Parzellen über ein Gebiet von 12'000 Hektaren erstreckt. Bäume werden heimlich gefällt. Weidende Tiere zerstören den Jungwuchs. Männer hauen grüne Äste als Tierfutter ­aus den Baumkronen. Andere hauen tiefe, hässliche Kerben in die Stämme der Föhren, um das harzreiche Kienholz heraus­zuholen, das Bois gras, das in der Stadt als Anfeuerholz gute Preise erzielt.

Auch die Bauern kämpfen ums Überleben

Im Westteil des Waldes wachen drei Dutzend uniformierte Forstwächter über 5000 Hektar Wald. Sie tun ihr Bestes, gehen jede Nacht auf Patrouille. Erst kürzlich ­haben sie vier Männer gestellt, die Bois gras geerntet hatten. Die Holzdiebe ver­teidig­ten sich mit einer selbstgebastelten Schusswaffe, doch als sie verhaftet waren, zitterten sie.

So viel Dramatik ist die Ausnahme. Normalerweise ergeben sich die Ertappten. Jonas zum Beispiel. Er ist gekommen, um die Auslösesumme auszuhandeln für seine acht Schafe, die er im Wald weiden liess und die konfisziert wurden. Jetzt liegen sie im Halbschatten einer Föhre vor dem Forsthaus. Magere Tiere, denen das Winterfell in Fetzen herunterhängt.

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Jonas weiss, dass die Busse für die acht Schafe 1200 Gourdes beträgt, 24 Franken. Das ist der offizielle Tarif.

«Ich gebe 500», sagt Jonas. «Mehr habe ich nicht.»

Jean-René, der Koordinator der Parkwache, lächelt.

«Die Kinder haben die Tiere ohne mein Wissen in den Wald gebracht», verteidigt sich Jonas.

«Ja, ja, die Kinder», sagt Jean-René. «900 Gourdes.»

«Ich habe sie nicht», sagt Jonas, und es ist ihm zu glauben, so, wie er dasteht, in den zu grossen Kleidern und den schadhaften Schuhen, die vor Monaten oder Jahren ein Nordamerikaner in die Kleidersammlung seiner Gemeinde gebracht hat. Jonas erzählt von den zweieinhalb Hektar Land, die nicht genügen, um die Familie zu ernähren. Vom schlechten Preis für Schlachttiere. Vom Gesetz, das alles verbietet. Von den Forstwarten, die alles verhindern.

«700 Gourdes», sagt Jean-René.

Jonas geht achselzuckend weg.

Am Abend sind die Schafe nicht mehr da. Die beiden haben sich geeinigt. Jonas hat die 700 Gourdes gebracht. Ausserdem muss er zwei Tage lang im Aufforstungsprogramm mitarbeiten.

Er wird sich am Morgen um neun Uhr mit anderen Männern auf einer Lichtung treffen. Mit der Hacke werden sie Löcher in die karge Erde zwischen den Steinbrocken graben. Die Frauen werden die winzigen Föhren hineinsetzen, die sie auf dem Kopf herangetragen haben. Am Anfang wird die Arbeit zügig vorangehen, dann wird sie ins Stocken geraten. Und doch wird am Abend wieder eine Lichtung geschlossen sein. 25 Hektar Wald wurden letztes Jahr auf­geforstet. Auf dem Heimweg wird Jonas vielleicht die Schafe mitnehmen, die er an einem versteckten Ort angebunden hat.

Quelle: Flurina Rothenberger
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«Pas d’alternative économique», steht in einer Projektstudie von Helvetas und Deza aus dem Jahr 2005 (siehe «So hilft die Schweiz»). Die Bauern haben keine Wahl. Sie müssen auf den Wald zurückgreifen, wenn sie überleben wollen. Da genügt es nicht, Verbote zu erlassen und Forstwächter einzustellen. Die Erfahrung zeigt, dass die Bauern bereit sind, den Wald zu respektieren oder sogar zu schützen, wenn sie mit ihren Produkten oder mit Arbeitseinsätzen Geld verdienen können.

Im Schutzprojekt für den Forêt des Pins erhalten die Bauern die Möglichkeit, ihre kleinen Betriebe mit neuem Saatgut und neuen Kenntnissen zu verbessern.

Oalis und Anaïs, zwei Bauern aus dem Weiler Mara gleich an der Waldgrenze, erzählen von der ers­ten Zusammenkunft mit den Vertretern des neuen Projekts. Man sei skeptisch gewesen. Man habe schon viele Versprechungen ­gehört, ohne dass sich in ihrem Leben ­irgend­etwas verändert hätte. «Doch diese Versammlung war anders», sagt Oalis. «Die Agronomen baten uns um Hilfe», sagt Anaïs, und in seiner Stimme klingt das ­Erstaunen nach, das die 200 Bäuerinnen und Bauern erfasste, die zur ersten Zusammenkunft erschienen waren.

Studierte Leute aus der Stadt hatten sich zu ihnen heraufbemüht, um sie um Hilfe zu bitten. Das war etwas ganz Neues. Auch dass jemand sie aufforderte, ihre Bedürfnisse zu formulieren. Den wichtigsten Wunsch äusserten sie schon an der ersten Versammlung: einen Trinkwassertank für den Weiler, um die acht Monate dauernde Trockenzeit zu überbrücken.

Vom Waldfrevler zum Waldschützer

Anaïs und Oalis sind begeistert von dem, was seither in Mara geschehen ist. Jahrelang haben sie Bois gras geschlagen und Föhrenstämme aus dem Wald gestohlen. Doch jetzt gehören sie zu den Trägern des Waldschutzprogramms. Oalis als Prä­sident einer Bauernvereinigung, Anaïs als Freiwilliger, der mit seinem Betrieb zeigt, was selbst ein kleiner Bauer mit neuem Saatgut, Ausbildung und Arbeit erreichen kann. Dem Projekt haben sich inzwischen 500 Bauernfamilien angeschlossen.

Es hat geregnet, und zwischen den bizarren Steinen in Anaïs’ Garten liegt ein feiner Nebel. Anaïs geht stolz durch sein traumhaftes Reich. Da ist Thymian, ein wichtiges Gewürz in der haitianischen ­Küche. Da sind Artischockenpflanzen, winzige Lauchpflänzchen in hellem Grün, Karottenreihen. Er zeigt auch die Bienenstöcke, die er sich anschaffen konnte.

«Anaïs, geht es dir besser als ­früher?»

«Es geht uns besser», sagt er.

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«Ich habe etwa gleich viel Geld wie früher», präzisiert Oalis. «Aber ich fühle mich besser, weil ich den Wald nicht mehr kaputt mache.»

Zurück in der Savane de Cheval. Eine Wolke hat sich vor die Sonne geschoben, und es ist angenehm warm. «Wir sind gekommen und haben diesen Wald gefunden», sagt Aléis. «Wenn wir gehen, ist der Wald immer noch da.» Nilia steigt hinauf in den Buschwald, um im Unterwuchs Feuerholz zu schlagen. «Wir halten uns an die Vorschriften, doch es gibt immer ­andere, die dem Wald schaden», sagt sie. Sie führt mit der Machete zehn schnelle und kräftige Hiebe gegen ein kurzes, abgestorbenes Aststück. Zehn Hiebe für eine Viertelstunde Herdfeuer. «Es gibt überall böse Menschen, und das Böse ist überall», sagt Nilia. Sie braucht Brennholz für mehrere Stunden und haut energisch auf die zähen Äste ein, zehn Hiebe da, zwanzig dort. Mit ihrem Kopftuch bindet sie das Holz zu einem Bündel und schwingt es sich auf den Kopf. Das alles ist harte Arbeit, doch ihr Atem bleibt ruhig. Nilia ist kräftiger, als sie aussieht. «Ich habe einen Traum», sagt sie, «den Traum, dass der Wald wieder so wird wie früher, dicht und undurchdringlich.»

So hilft die Schweiz

Die Entwicklungsorganisation ­Helvetas setzt sich für Wasserversorgung und sanitäre Infrastruktur ein sowie für Berufsbildung und ländliche Entwicklung. Im Rahmen eines von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) initiierten Projekts zum Schutz des Forêt des Pins sensibilisiert Helvetas die Bauern für den Waldschutz, hilft bei der Verbesserung der wenig produktiven Betriebe und verschafft den Bauern mit der Arbeit an Bach- und Hangverbauungen ein zusätzliches Einkommen. Die ­Kooperation mit den haitianischen Behörden ist eng. So können über das Projekt hinaus Informationen über die Waldbewirtschaftung und über Erfahrungen mit dem Wald­gesetz einfliessen. Weil das Ministe­rium kaum Geld hat, werden das Programm und die Löhne der Parkwächter vor allem von der Schweiz aus finanziert.