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HandyantennenBundesämter streiten über Strahlenwerte

Ein stärkeres Netz für das Internet der Dinge: Das Bundesamt für Kommunikation ist dafür, jenes für Umwelt dagegen.

Kontrovers: Das neue 5G-Netz soll mehr Strahlung bringen.
von aktualisiert am 16. September 2017

Wenn Sie zu schnell essen, piepst Ihre Gabel. Der Regenschirm färbt sich blau, weil er eine Unwetterwarnung empfangen hat. «Internet der Dinge» heisst diese Vision, bei der Alltagsgegenstände miteinander kommunizieren und uns so das Leben erleichtern sollen. Voraussetzung dafür: der Aufbau von 5G, dem Mobilfunknetz der neusten Generation.

In der Schweiz drohe die Umsetzung dieser Vision zu scheitern, warnten Anfang September das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) und die Mobilfunkanbieter Swisscom, Salt und Sunrise – wegen des strengeren Strahlenschutzes. Das geht nur über eine Erhöhung des Grenzwerts. «Die maximal zulässige Strahlenbelastung ist bei uns zehnmal geringer als im Ausland», sagt Philippe Horisberger. Der Bakom-Vizedirektor fordert eine breite Diskussion über das widersprüchliche Verhalten der Bevölkerung: In jeder abgelegenen Berghütte wolle man Videos streamen, störe sich aber an minimer, gesundheitlich unbedenklicher Strahlung.

«Ein Schwindel»

«Das ist Unfug», ereifert sich Hansueli Jakob. Der hierzulande angeblich strengere Strahlenschutz beruhe auf einem Schwindel, sagt der Präsident des mobilfunkkritischen Vereins Gigaherz.ch. «In der Schweiz messen wir die Grenzwerte in viel grösserem Abstand zur Antenne, wo die Strahlung aus rein physikalischen Gründen viel schwächer ist – ohne Zutun der Betreiber.» Wenn man Autolärm in einer Wohnung messe, könne man tiefere Grenzwerte ansetzen, als wenn man direkt am Auspuff messe.

«Die reale Strahlenbelastung durch Mobilfunknetze in einem Stadtgebiet dürfte im nahen Ausland tatsächlich kaum höher sein», sagt Jürg Baumann vom Bundesamt für Umwelt (Bafu). «Der Unterschied liegt bei jenen Orten unmittelbar neben Mobilfunkantennen, wo sich Menschen lange aufhalten, insbesondere in Wohnungen: Dort darf die Belastung im Ausland viel höher sein als in der Schweiz. Ein genaueres Monitoring haben wir aber nicht.» Erschwert wird ein direkter Vergleich zudem dadurch, dass die Grenzwerte in der Schweiz in Volt pro Meter (Feldstärke) angegeben werden, in den Nachbarländern aber oft in Watt pro Quadratmeter (Bestrahlungsstärke).

Mehr Antennen?

Das Bafu teilt die Risikoeinschätzung des Bakom nicht. «In der Forschung werden bei Zellexperimenten Effekte auch bei tiefen Strahlenintensitäten beobachtet. Dazu gehören Veränderungen beim Genmaterial oder bei Reparaturvorgängen der Erbsubstanz», so Baumann. 

Das Bafu lehnt eine Erhöhung der Grenzwerte ab. Der Ausbau des 5G-Netzes könne statt mit höherer Sendeleistung auch durch den Bau zusätzlicher Antennen realisiert werden. Für die Anhänger von piepsenden Gabeln besteht also Hoffnung.

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Reto Stauffacher, Online-Redaktor

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