Beobachter: Herr Karrer, andere Leute in Ihrem Alter haben vor 30 Jahren in Kaiseraugst oder Graben gegen die Atomkraft demonstriert. Waren Sie auch an solchen Demonstrationen?
Heinz Karrer: Nein, ich habe damals Handball gespielt und habe nicht an Demonstrationen teilgenommen.

Beobachter: Aber dem Vernehmen nach standen Sie damals der Atomenergie kritisch gegenüber.
Karrer: Ich war der Kernkraft gegenüber kritisch eingestellt, so wie man das in jenem Alter vielen Dingen gegenüber ist, aber ein Gegner der Kernkraft war ich nicht.

Beobachter: Jetzt sind Sie quasi der Wegbereiter des neuen Atomkraftzeitalters in der Schweiz. Sie haben so lange die Stromlücke thematisiert, bis die Bevölkerung den Eindruck haben konnte, 2012 würden die Lichter ausgehen, wenn wir kein neues AKW bauen.
Karrer: Das Problem ist nicht, dass 2012 die Lichter ausgehen, das Problem ist, dass wir im Extremfall mit Versorgungsunterbrüchen rechnen müssen. Zu wenig eigene Produktionskapazitäten bedeuten eine höhere Abhängigkeit vom Ausland. Da man aus physikalischen Gründen nicht beliebig Strom importieren kann, führt dies automatisch zu einer höheren Versorgungsunsicherheit.

Beobachter: Ein neues AKW würde doch vor allem Ihre Geschäfte im Stromhandel besser abstützen.
Karrer: Nein. Wir benötigen die Kernenergie für die Grundlast in der Schweiz, also Strom, der uns während 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr zur Verfügung steht. Wenn das Kernkraftwerk Beznau dereinst vom Netz gehen wird, fallen Produktionskapazitäten im Umfang von 730 Megawatt weg. Hinzu kommen jene 1500 Megawatt, die wir heute noch aus Frankreich beziehen. Doch diese langfristigen Verträge laufen aus.

Beobachter: Es wäre noch zu diskutieren, wann und wie dieser Wegfall tatsächlich stattfindet.
Karrer: Übers ganze Jahr hinweg gesehen, wird es ungefähr 2020 so weit sein. Vielleicht auch bereits 2017, vielleicht erst 2023, aber in diesem Zeitraum werden die ältesten Kernkraftwerke Beznau und Mühleberg vom Netz gehen. Der genaue Zeitpunkt hängt von ihrem Zustand ab.

Beobachter: Sie brauchen den Stromhandel doch, weil Sie sonst Ihre Wasserkraft nicht voll ausschöpfen könnten. Ihre Handelstätigkeit ist unbestritten ein gutes Geschäft.
Karrer: Das ist zweifellos ein gutes Geschäft. Dank unserer erfolgreichen Handelstätigkeit können wir attraktive Preise bieten. Hätten wir diese nicht, wären die Preise in der Schweiz deutlich höher. Unser Handelsgeschäft löst das Problem der Versorgungssicherheit in keiner Art und Weise.

Beobachter: Ihre Argumentation führt auf einen Punkt hinaus: Es geht nur mit einem neuen AKW.
Karrer: Der Ersatz eines bestehenden Kernkraftwerks ist ein Element. Den Strom-Mix, den wir mit Wasserkraft, Kernkraft und neuen erneuerbaren Energien haben, sollte man als Ganzes nutzen.

Beobachter: Mit der Atel und der BKW wollen noch zwei andere Stromunternehmen neue AKWs bauen. Brauchen wir demnach drei neue AKWs?
Karrer: Nach übereinstimmenden Prognosen brauchen wir den Ersatz von etwa 3200 Megawatt Leistung. Das entspricht zwei neuen Kernkraftwerken.

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Beobachter: Die Atel hat bereits ein Rahmenbewilligungsgesuch für ein neues AKW eingereicht. Man hat den Eindruck, Axpo und BKW seien dadurch auf dem falschen Fuss erwischt worden.
Karrer: Atel, BKW und Axpo haben vor zwei Jahren beschlossen, über einen Ersatz von Mühleberg und Beznau zu reden, weil wir alle der Meinung sind, es brauche zwei Ersatz-Kernkraftwerke. Wir finden es deshalb unglücklich, dass die Atel nun ihr Gesuch für ein neues Kernkraftwerk ohne Absprache mit uns eingereicht hat. Das lässt den Eindruck aufkommen, die Branche sei sich nicht einig. Aber es finden weitere Gespräche statt, und ich bin zuversichtlich, dass wir eine Einigung erzielen werden.

Beobachter: Verschont eigentlich ein neues AKW die Bevölkerung vor steigenden Strompreisen?
Karrer: Vergleicht man die Produktionskosten der verschiedenen Technologien, zeigt sich, dass Strom aus Kernkraftwerken sehr attraktiv ist.

Beobachter: Die Strompreise bleiben also unverändert tief, wenn man neue AKWs bauen kann?
Karrer: Leider deuten die meisten Indikatoren auf eine Erhöhung der Strompreise hin. Die Investitionen in die Netzanlagen werden sicher teurer werden, ebenso die Investitionen in die Wasserkraft. Zudem wollen wir in die erneuerbaren Energien investieren. Auch das wird sich letztlich auf den Strompreis auswirken.

Beobachter: Und wie stark wird er steigen?
Karrer: Sagen Sie mir, wie viele Kraftwerke wir bauen können, und ich nenne Ihnen den Strompreis... Wenn die Schweiz nicht genügend eigene Produktionskapazitäten hat und demzufolge auf Importe angewiesen ist, wird sich der Strompreis innerhalb der nächsten zehn Jahre verdoppeln.

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Beobachter: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sehen, dass das neue AKW in Finnland statt drei Milliarden Euro heute bereits 4,5 Milliarden kostet - noch bevor es fertiggebaut ist?
Karrer: Es wurden schon lange keine so grossen Anlagen mehr realisiert, wie jetzt in Finnland eine gebaut wird. Der Erbauer hatte deshalb zum Zeitpunkt des Verkaufs die Detailplanung nicht abgeschlossen. Ein Grossprojekt dieser Art bedingt zudem eine riesige, extrem anspruchsvolle Baulogistik. Wenn es dann in einzelnen Bereichen nicht gut funktioniert, kommt es sofort zu Verzögerungen, was wiederum zu Mehrkosten führt. Bei unserer Ausschreibung werden wir diese Elemente sicher berücksichtigen.

Beobachter: Die geschätzten Kosten von fünf bis sieben Milliarden Franken sind für die Axpo also kein Problem?
Karrer: Die Axpo-Gruppe befindet sich in einer finanziell soliden Lage. Zusammen mit Partnern können wir deshalb solche Investitionen tragen. Zudem haben wir bereits erste Gespräche mit verschiedenen Banken geführt, und die Signale sind sehr positiv.

Beobachter: Damit bleibt als wunder Punkt der radioaktive Abfall.
Karrer: Der Abfall ist generell ein wunder Punkt, nicht nur bei der Atomenergie. Der Entsorgungsnachweis ist erbracht. Wir sind deshalb sicher, dass sich ein Lager für hochaktive Abfälle technisch realisieren lässt. Und: 95 Prozent dieser radioaktiven Abfälle sind theoretisch wiederverwertbar. Abgebrannte Brennelemente sind letztlich pure Energie. Irgendwann wird man in einer neuen Generation von Kernkraftwerken diesen Abfall als Brennstoff nutzen können.

Beobachter: Aber jetzt befinden Sie sich im Reich der Utopien.
Karrer: Überhaupt nicht, dafür gibt es bereits technische Lösungen. Zudem: Radionuklide, wie sie in Kernkraftwerken anfallen, sind nichts anderes als langlebige Batterien, die beispielsweise im medizinischen Bereich eingesetzt werden können. Und bereits heute gibt es erste Verfahren, die sogenannte Transmutation, die es ermöglichen, radioaktive Abfälle so zu bearbeiten, dass sie nicht mehr eine Million Jahre, sondern «nur» noch 500 Jahre lang strahlen. Die Forschung und Entwicklung muss weitergehen.

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Beobachter: Im grossen Massstab ist das noch Zukunftsmusik. Sie klingen fast wie die Verfechter von erneuerbaren Energien. Die argumentieren auch immer, man stünde technologisch kurz vor dem Durchbruch.
Karrer: Wir brauchen eine Lösung, um die Abfälle sicher zu lagern. Das ist die technische, gesetzlich vorgeschriebene Lösung, also der Entsorgungsnachweis. Aber die Verantwortung der Kraftwerkbetreiber geht weiter. Wir müssen permanent an der Lösung des Abfallproblems weiterarbeiten.

Heinz Karrer, 49, ist seit 2002 CEO des Stromkonzerns Axpo. Der Abbruch des Nationalökonomie-Studiums hinderte den Ex-Spitzenhandballer nicht am Aufstieg: Er war Vorsitzender der Geschäftsleitung der Intersport Holding, Chef von Ringier Schweiz und Konzernleitungsmitglied der Swisscom. Karrer ist verheiratet und hat drei Kinder.