Beobachter: Die Biotechkonzerne sagen, mit gentechnisch verändertem Saatgut könne der Ernteertrag deutlich erhöht werden. Also hilft Gentechnik, den Hunger zu bekämpfen?
Angelika Hilbeck: Als Doktorandin habe ich schon 1990 in den USA an den ersten Feldversuchen mit Gentechtabak teilgenommen und die phantastischen Versprechungen der Firmenvertreter gehört. Fast nichts davon wurde eingelöst. Das liegt daran, dass die Entwicklung technologisch schwieriger ist als angenommen. Vor allem aber lohnt sich kommerziell ausschliesslich Massenproduktion. Genmais und herbizidresistentes Soja lassen sich nur in industriellem Ausmass gewinnbringend anbauen, kaum aber in armen Ländern mit kleinbäuerlichen Strukturen. Meine Untersuchungen haben ausserdem gezeigt, dass der Einsatz von Gentechpflanzen auch Risiken birgt, so schaden sie beispielsweise Nützlingen wie der Grünen Florfliege. Die Auswirkungen für die Umwelt sind zu wenig abgeklärt.

Beobachter: Syngenta will noch 2008 einen «dürretoleranten» Mais auf den Markt bringen. Es wäre doch gut, wenn nicht mehr jede Trockenperiode gleich die halbe Ernte vernichtet?
Hilbeck: Jene Bauern, die sich diesen Genmais werden leisten können, hatten schon bisher Möglichkeiten, das Wasserproblem zu lösen. Wer kein Land hat, dem nützt auch eine Wunderpflanze nichts. Dazu kommt: Wenn ein Bauer Gentechpflanzen einsetzen will, muss er einen Vertrag unterschreiben. Kennen Sie sich aus mit Patent- und Lizenzrechten?

Beobachter: Nein.
Hilbeck: Ich auch nicht. Wir könnten uns jedoch immerhin juristisch beraten lassen, um die Konsequenzen abschätzen zu können. Eine afrikanische oder indische Bäuerin hingegen, die weder lesen noch schreiben kann, hat diese Chance nicht. Wenn sie dann noch etwas nicht exakt richtig macht, sinkt vielleicht sogar der Ernteertrag - den Kredit für das Saatgut muss sie aber trotzdem zurückzahlen. Also nimmt sie einen zweiten Kredit auf. Sie begibt sich in eine langfristige Abhängigkeit, aus der sie kaum wieder herausfinden wird.

Beobachter: In einem kürzlich erschienenen Bericht, an dem Sie mitgearbeitet haben, propagiert der Weltagrarrat stattdessen den Biolandbau. Aber mit diesem lassen sich doch kaum genügend hohe Erträge erzielen?
Hilbeck: Afrika hat Dutzende wunderbare Nutzpflanzen, die auch unter schwierigen Bedingungen gedeihen würden, nur sind sie in Vergessenheit geraten. Wenig züchterische Bearbeitung könnte schon genügen, um sie den heutigen Verhältnissen besser anzupassen. Aber daran verdient halt niemand.

Beobachter: Ist denn Biolandbau nicht einfach Luxus?
Hilbeck: Es geht nicht darum, die Bio-Knospe als Label nach Afrika zu exportieren. Die Ernährungssicherung in Ländern mit einem tiefen Bildungsstand und einer suboptimalen Entwicklung muss lokal verankert sein, mit traditionellen Pflanzensorten und Anbaumethoden, die die Leute kennen und beherrschen. Hier nennt man das Bio, dort ist es einfach die richtige Lösung.

Beobachter: Bis das funktioniert, dauert es aber lange. Was muss jetzt unternommen werden, um den Hunger zu bekämpfen?
Hilbeck: Kurzfristig geht es natürlich nicht ohne die bekannten Nahrungsmittelhilfen. Mittelfristig führt kein Weg daran vorbei, die Rahmenbedingungen vor Ort zu verbessern: mit mehr Bildung, mit stabileren, sichereren Verhältnissen. Dort, wo die Strukturen noch einigermassen intakt sind wie in einigen Ländern Westafrikas und Sambia, könnte rasch damit begonnen werden. Ich hoffe, dass mehr Gelder in diese Art der Entwicklungshilfe fliessen.

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