Beobachter: Wenn man die Bilder der ver­hungernden Kinder sieht, möchte man etwas tun. Aber kann man überhaupt helfen?
Félix Bollmann: In den Flüchtlingslagern nahe der somalischen Grenze schon. In den Kriegsgebieten selber ist das allerdings nicht möglich, sieht man von der Luftbrücke der Uno ab.

Beobachter: Was geschieht mit dem gespendeten Geld?
Bollmann
: Mit dem bereits eingezahlten Geld finanzieren wir zurzeit Nothilfeprojekte. Wir arbeiten mit anderen Schweizer Hilfswerken zusammen und planen grössere Projekte, die die Situation in den Lagern hinsichtlich Lebensmittel, gesundheitlicher Versorgung und Wasser verbessern sollen.

Beobachter: Das klingt nach einem hohen administrativen Aufwand. Wie viel von einem Spendenfranken kommt denn am Ende bei den Betroffenen an?
Bollmann
: Zwischen 88 und 95 Rappen.

Beobachter: Laut Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon braucht Somalia mindestens 1,6 Milliarden Dollar. Da sind die über zehn Millionen aus der Schweiz doch nur ein Tropfen auf den heissen Stein.
Bollmann
: Wenn Sie den Beitrag des Bundes und ­anderer Länder und Hilfsorganisationen dazurechnen, kommt natürlich mehr zusammen. Die Engländer haben bisher am meisten gespendet: 30 Millionen Pfund.

Beobachter: Das ist extrem wenig.
Bollmann
: Ja, extrem wenig. Ohne staatliche Hilfen könnten die Hilfswerke die Logistik gar nicht finanzieren, die für Hilfslieferungen benötigt wird. Das können sich höchstens World Vision oder das IKRK leisten.

Beobachter: Europa unterstützt Griechenland mit bis zu 70 Milliarden Euro, um dessen Wirtschaft zu ­retten, während es für das hungernde Afrika nur Brosamen übrig hat?
Bollmann
: Nun gut, die 70 Milliarden sind vorerst nur eine buchhalterische Grösse. Die 1,6 Mil­liarden Dollar müsste tatsächlich jemand bezahlen. Die Verhältnismässigkeit ist allerdings ein Problem. In dieser Frage verspüren wir eine gewisse Ohnmacht.

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Beobachter: In den Flüchtlingslagern floriert der Schwarzhandel. Hilfsgüter werden abgezwackt und ­weiterverkauft. Fördert das Spendenwesen nicht letztlich die Korruption?
Bollmann
: Was uns angeht, gibt es keine Indizien, dass darunter unsere Arbeit leiden würde. Anderseits ist kaum zu verhindern, dass Nahrungsmittel verschwinden. Wenn sie auf den Schwarzmarkt gelangen, werden sie am Ende trotzdem gegessen. Ich schätze die fehlenden sanitären Einrichtungen und die Hygiene in den Lagern als viel problematischer ein. Was die Lage in Somalia angeht, können westliche Hilfswerke dort ohnehin keinen Einfluss nehmen.

Beobachter: Nach den Geschehnissen in Norwegen und dem Tod einer Popsängerin haben sich die Medien schnell wieder anderen Themen zugewandt.
Bollmann
: Die Glückskette ist von den Berichterstattungen in den Medien abhängig. Wir versenden keine Bettelbriefe und haben keine Mitglieder, die wir anschreiben könnten. Zumal sich die Thematik ja nicht nur auf Somalia beschränkt. Kenia und Äthiopien sind ebenfalls von der Dürre betroffen.

Beobachter: Frustriert Sie das nicht?
Bollmann
: Es ist sehr frustrierend. Ich bin kritisch - aber auch optimistisch. Ich bin überzeugt, dass sich die Hilfe auf jeden Fall lohnt.

Quelle: Tony Karumba/AFP

Hintergrund

Nach einer zweijährigen Dürreperiode herrscht im Süden von Somalia Hungersnot. Die den Taliban nahestehende Shabab-Miliz kontrolliert die Region und lässt keine Hilfslieferungen zu. Hunderttausende flüchten deshalb nach Kenia und Äthiopien in Flüchtlingslager, wo sie Nahrungsmittel und medizinische Versorgung benötigen. Seit Ende August fliegt die Uno zudem Hilfsgüter in die Hauptstadt ­Mogadischu ein.

Spenden: Postkonto 10-15000-6 (Vermerk «Afrika») oder per Internet unter www.glueckskette.ch/de