Beobachter: Herr Trittin, als Umweltminister der Regierung Schröder haben Sie in Deutschland den Atomausstieg ausgehandelt. Jetzt diskutiert man den Ausstieg aus dem Ausstieg. Tut es weh, wenn das eigene Lebenswerk demontiert wird?
Jürgen Trittin: Da wird nichts demontiert, ich bin da ganz gelassen. Für eine Änderung dieses Konsenses braucht es eine Mehrheit des Deutschen Bundestags, und die sehe ich jetzt nicht.

Beobachter: Offensichtlich sind die Leute nicht bereit, im grossen Stil Strom zu sparen. Ist Kohle die Alternative zu Atom?
Trittin: Nein, Kohle soll nicht die Alternative sein. Als wir den Atomausstieg beschlossen haben, gingen wir davon aus, dass 2010 insgesamt 12,5 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energien stammen sollte. Damals lag dieser Anteil bei nur vier Prozent. Jetzt sind wir in diesem Jahr bereits bei über 15 Prozent. Die grosse Koalition geht inzwischen sogar davon aus, dass im Jahr 2020, also wenn fast alle AKWs vom Netz sind, 30 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Es wundert mich, dass nun Leute auf die Idee kommen, wir hätten in Deutschland ein Versorgungsproblem.

Beobachter: Und weshalb dann der Bauboom bei Kohlekraftwerken?
Trittin: Wir haben ja noch gar keinen Bauboom. Deutschland ist ein boomender Markt für Energieanlagen im Bereich der erneuerbaren Energien. Leider hat aber die grosse Koalition mit einer Regelung über die CO2-Zertifikate einen neuen Anreiz geschaffen, in Kohlekraftwerke zu investieren. Neu werden Kohlekraftwerke gegenüber Gaskraftwerken sogar stark bevorzugt.

Beobachter: Die Atomindustrie hat ein schlagendes Argument: das Klima und den niedrigen CO2-Ausstoss der Atomkraftwerke.
Trittin: Das Klima ist doch ein globales Problem. Schauen Sie, der Anteil der Atomkraft an der weltweit verbrauchten Energie liegt bei 2,5 Prozent. Das ist ein lächerlicher Anteil. Würden wir die Produktion von Atomenergie verdoppeln, würde uns das nur gerade 2,5 Prozent mehr Energie bringen. Mit einem Neubau von Atomanlagen würden wir uns zudem auf eine Technologie festlegen, die nach Expertenmeinung das Dreifache an CO2 pro Kilowattstunde Strom emittiert wie eine durchschnittliche Windenergieanlage. Einsparungen und erneuerbare Energien sind billiger als Investitionen in AKWs.

Beobachter: Trotzdem: Wir sind abhängig von der Atomwirtschaft.
Trittin: Wir haben uns abhängig gemacht. Wir haben uns eingebrockt, dass nach dem Ende der AKW-Betriebszeiten fast 4600 Tonnen hochwärmeaktiver Atommüll übrig bleibt, bei dem wir heute noch nicht wissen, wo wir damit hinwollen. Ich kenne kein Land der Erde, vielleicht mit Ausnahme von Schweden, wo das anders ist. Die USA haben in den Yucca Mountains in Nevada ein wunderschönes Endlager, das sie wegen Sicherheitsbedenken aber nicht benützen dürfen.

Beobachter: Die Welt-Klimakonferenz in Bali hat aber die Atomenergie als einen Pfeiler des Klimaschutzes definiert.
Trittin: Ach, das sind die üblichen diplomatischen Formulierungen, die man anwendet, um 191 Länder unter ein Dach zu kriegen. Sogar die Internationale Energieagentur - eine Pro-Atom-Behörde - kommt zum Schluss, dass langfristig der Anteil der Atomenergie an der weltweiten Energieproduktion sinkt. Bei der Debatte um längere Laufzeiten bei AKWs geht es den Betreibern im Kern darum, ihre veralteten Anlagen, die ihnen pro Tag Betrieb einen Gewinn von ein bis zwei Millionen Euro bringen, als Gelddruckmaschinen zu erhalten. Es geht einzig um Marktmacht.

Beobachter: In der Schweiz fordert die Stromwirtschaft gleich drei neue Atomkraftwerke. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Trittin: Heute findet in Europa faktisch kein Neubau mehr statt. Es gibt zwei Ausnahmen: eine in Frankreich und eine in Finnland. Der Bau in Frankreich wurde richterlich gestoppt, in Finnland sind die Bauzeiten verdoppelt worden, und der Preis stieg von 3 auf 4,5 Milliarden Euro. Es ist doch so: Unter den Bedingungen des freien Wettbewerbs und der Nichtsubventionierung und der langen Kapitalbindung wird kaum noch in Atomkraftwerke investiert. Sie können das in den USA sehen. Seit den späten siebziger Jahren wurde kein einziges neues Atomkraftwerk in Auftrag gegeben - trotz den Ankündigungen von Präsident George W. Bush.

Beobachter: Begibt sich die Schweizer Energiewirtschaft mit ihren Plänen in eine Sackgasse?
Trittin: Für die Schweiz gilt, was für alle anderen Länder auch gilt: Das Atommüllproblem ist ungelöst. In der Schweiz müssen Sie sich fragen: Was ist es Ihnen wert, neuen hochaktiven Atommüll zu produzieren, ohne eine Lösung dafür zu haben? Das heisst: Sie müssen auch die Menge des Mülls definieren, den Sie dereinst in einem Endlager für eine Million Jahre sicher von der Umwelt abschliessen wollen.

Beobachter: In Italien kündigt Regierungschef Silvio Berlusconi neue Atomkraftwerke an, in Frankreich denkt niemand über einen Ausstieg nach, Grossbritannien schmiedet ebenfalls Pläne für neue AKWs...
Trittin: Wir haben eine Renaissance von Ankündigungen. Aber diese Renaissance gab es schon vor 20 Jahren - passiert ist nichts.

Beobachter: Wollen Sie damit sagen, dass wir europaweit längst mitten im Ausstieg sind und es nur noch nicht gemerkt haben?
Trittin: Viele Staatsmänner wie Berlusconi oder Sarkozy gefallen sich in der Rolle, über die Pläne der Atomindustrie zu sprechen. Italien, Frankreich - aber auch die Schweiz - müssen zuerst noch Unternehmen finden, die vier bis fünf Milliarden Euro für 15 Jahre fest anlegen wollen und bis dahin keine einzige Kilowattstunde Strom verkaufen können. Die Pseudo-Renaissance der Atomenergie verhindert in Europa die notwendigen Investitionen in eine dezentralere Produktionsstruktur, in mehr Effizienz und in erneuerbare Energien.

Beobachter: Die allermeisten Störfälle in AKWs wurden auf der internationalen Bewertungsskala mit «0» eingestuft. Was muss die Atomwirtschaft noch beweisen, damit ihre Technologie als sicher gilt?
Trittin: Sie kann es gar nicht beweisen. Ein AKW-Betreiber kann es schlicht nicht ausschliessen, dass es zu einem Unfall kommt, der über das Betriebsgelände hinausreicht. Natürlich liegen viele Störfälle in niedrigen Stufen. Aber ich kann Ihnen sagen: Was ich in meiner Amtszeit als Bundesumweltminister auch an subjektivem Versagen erlebt habe, war teilweise haarsträubend. Oft ist es nur deshalb nicht zum schweren Störfall gekommen, weil man das Problem am Ende durch Zufall oder durch rigide Aufsicht bemerkt hat.

Beobachter: Das zeigt, dass die Kontrolle funktioniert.
Trittin: Nein, die Kontrolle funktioniert teilweise nur durch Zufall. Bei vielen Störfällen ist Glück im Spiel oder eine Indiskretion aus einer Betriebsmannschaft. Dass bisher noch nie etwas schiefgegangen ist, ist jedenfalls nicht das Verdienst der Atomwirtschaft.

Beobachter: Was denken Sie über die Schweizer Atomwirtschaft, die AKWs 50 oder 60 Jahre betreiben will?
Trittin: Entschuldigen Sie, aber das mit den 60 Jahren Laufzeit, das glaube ich einfach nicht. Die durchschnittliche Laufzeit eines AKWs liegt weltweit bei 23 Jahren. Vor dem Bau eines AKWs wird immer viel versprochen. Bei näherer Betrachtungsweise sind solche Versprechen nicht viel wert.

Anzeige