Voller Zuversicht versprach Bundesrat Flavio Cotti 1992 am Erdgipfel in Rio de Janeiro den Aufbruch in eine ökologische Zukunft. Die Schweiz werde Verantwortung wahrnehmen, den Klimawandel bekämpfen, die Ressourcen schonen und Tiere und Pflanzen schützen, versprach der damalige Umweltminister.

Er mahnte in jenen Junitagen, man müsse künftigen Generationen ein ökologisch intaktes Land hinterlassen. Statt kurzfristiges sei lang­fristiges Denken nötig. Cotti kündigte eine wirkungsvolle CO2-­Abgabe an sowie die Erhöhung der Entwicklungshilfe, um ärmere Länder beim Aufbau einer umweltverträglichen Wirtschaft zu unterstützen. In seinem Appell nahm er die wichtigsten Punkte der «Agenda 21» auf, eines Ak­tionsplans zur nachhaltigen Entwicklung, der in Rio verabschiedet wurde. Und er liess keinen Zweifel offen, dass die Schweiz diese Ziele energisch anstreben werde.

20 Jahre nach dem denkwürdigen Erdgipfel sieht die Bilanz durchzogen aus. Das geht aus dem «Bericht über die nachhaltige Entwicklung 2012» des Bundesamts für Statistik hervor. In einigen Bereichen wurden die Ziele knapp, in den meisten aber deutlich verfehlt. Dafür erhält die Schweiz Noten von «ungenügend» bis «zufriedenstellend».

Die Durchschnittstemperaturen sind in der Schweiz im 20. Jahrhundert um über ein Grad gestiegen, die Gletscher schmelzen. Klimatologen machen dafür die Treibhausgase mitverantwortlich. Eine entscheidende Rolle spielt das Kohlendioxid, das bei der Verbrennung von Erdöl, Benzin, Gas und Kohle entsteht.

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Um eine gefährliche Erwärmung der Erdatmosphäre zu verhindern, verabschiedete die Weltgemeinschaft 1992 in Rio die Klimakonvention, 1997 folgte das Kyoto-Protokoll. Darin verpflichtete sich auch die Schweiz, die Emission von Treibhaus­gasen bis 2012 gegenüber 1990 um acht Prozent zu senken. Wenn überhaupt, erreicht sie dies nur, weil der Bund Emissionsrechte im Ausland kauft und wenn man die wachsende Waldfläche als CO2-Speicher anrechnet. Zurzeit ist noch nicht ganz klar, ob die Schweiz die Verpflichtungen erfüllen wird.

Sicher ist hingegen, dass die Treibhausgasemissionen seit 1990 nicht gesunken, sondern gestiegen sind. 52,8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente im Jahr 1990 stehen 54,2 Millionen Tonnen im Jahr 2010 gegenüber. CO2-Äquivalente sind ein Mass für die potentielle Erwärmungswirkung, das auch auf Klimagase wie Methan, Lachgas und Fluorkohlenwasserstoffe angewendet werden kann.

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Betrachtet man das CO2 aus Brenn- und Treibstoffen allein, hat die Schweiz die Emissionen ­zwischen 1990 und 2010 um gerade mal 2,3 Prozent ­reduziert. Angesichts der Zunahme von Energieverbrauch und Mobilität ist diese Entwicklung wenig erstaunlich. Der Verkehr ist für fast ein Drittel der gesamten CO2-Emissionen verantwortlich, das sind zehn Prozent mehr als noch 1990. Die Industrie und die Haushalte dagegen konnten ihren CO2-Ausstoss leicht reduzieren.

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FAZIT: Die Schweiz erreicht die minimalen Kyoto-Ziele nur mit Schwierigkeiten. Hauptursache ist der Verkehr.

Die Schweiz rühmt sich gern, Weltmeisterin im Recycling zu sein. Und tatsächlich ist die Recyclingquote seit 1992 von 30 auf 50 Prozent gestiegen. Diese Quote ist in den umliegenden ­Ländern tiefer und auch weltweit unerreicht. Wir entsorgen die Hälfte unseres ­Abfalls in separaten Sammlungen für Papier, Glas, Alu, Blech, Kunststoff und Batterien. Die Stoffe werden für die erneute Nutzung aufbereitet, was Ressourcen schont und die Umwelt entlastet.

Getrübt wird das vorbildliche Verhalten durch eine stete Zunahme des Konsums, der die Abfallberge wachsen lässt: In den vergangenen 20 Jahren hat die Menge des Siedlungsabfalls um 34 Prozent auf jährlich 5,6 Millionen Tonnen oder 706 Kilogramm pro Person zugenommen. In der gleichen Zeit ist die Bevölkerung um 13 Prozent gewachsen. Hauptursachen sind: verkürzte Lebensdauer der Produkte, übermässige Verpackungen und der Trend Richtung Fertigprodukte.

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Interessante Einsichten gibt ein Blick auf verbrauchte Ressourcen wie Beton, Kies, Stahl, Holz oder Kunststoff. Zwar ist der Materialaufwand seit 1992 um 22 Prozent auf 330 Millionen Tonnen im Jahr 2009 gestiegen. Betrachtet man aber, wie viel von diesen Stoffen es braucht, um einen Franken Wertschöpfung zu erzielen, zeigt sich eine positive Tendenz. Die Wirtschaft erreicht heute mit weniger Ressourcen die gleiche Produktivität. Es ist gelungen, die Leistungs­fähigkeit zu steigern und gleichzeitig den Materialverbrauch zu senken. Seit 1992 hat diese Materialintensität um sechs Prozent abgenommen. Dies ist im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung. Zu beachten ist allerdings, dass mehr Materialien und Güter aus dem Ausland importiert werden.

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FAZIT: Wir trennen unseren Abfall vorbildlich, verursachen aber grössere Mengen davon.

Jede Einwohnerin und jeder Einwohner der Schweiz legt pro Jahr 20'500 Kilometer zurück. Das entspricht einer halben Erdumrundung. Zwei Drittel der Strecke absolvieren wir im Inland, ein Drittel im Ausland. Diese Werte aus dem Jahr 2010 verdeutlichen: Wir bewegen uns gerne und viel. Am liebsten mit dem Auto oder dem Motorrad, mit denen wir die Hälfte der Strecke zurücklegen. Ein Viertel bewältigen wir mit dem Flugzeug, den öffentlichen Verkehr benutzen wir für ein Fünftel der Strecke. Zu Fuss oder mit dem Velo legen wir nur vier Prozent unseres täglichen Weges zurück. Unterwegs sind wir vor allem für Vergnügen und Freizeit, aber wegen immer grösserer Entfernungen zwischen Wohn- und Arbeitsort auch als Pendler. Freizeitaktivitäten beanspruchen 45 Prozent der zurückgelegten Wegstrecke, Arbeit und Ausbildung 27 Prozent, Einkaufen elf Prozent.

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Das Bedürfnis nach Mobilität im Inland hat seit 1992 stetig zugenommen. Legte ein Durchschnittsbürger 1994 täglich 31,3 Kilometer zurück, betrug diese Tages­distanz 2010 schon 36,7 Kilometer. Grösser geworden ist der Anteil der mit der Bahn zurück­gelegten Kilometer – ein positiver Trend. An der Spitze steht aber immer noch unangefochten der motorisierte Individualverkehr. Entsprechend ist die Zahl der Personenwagen gestiegen: 2010 zählten die Statistiker 4,1 Millionen Autos, 32 Prozent mehr als 1992. Da erstaunt es wenig, dass sich 1,2 Millionen Menschen tagsüber durch Strassenlärm gestört fühlen. Konstant klein ist der Anteil des Langsamverkehrs: Wir sind pro Tag während 35 Minuten zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs. 1994 waren es noch 30 Minuten, 2005 hingegen 39 Minuten. Nach einem leichten Anstieg hat der Langsamverkehr also wieder an Boden verloren.

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FAZIT: Obwohl der ÖV rege genutzt wird, ist der Anteil des motorisierten Individualverkehrs zu gross.

Über 40'000 Tier- und Pflanzenarten leben in der Schweiz. 244 Arten sind in den vergangenen 150 Jahren ausgestorben, weil naturnahe Lebensräume wie Auen oder Trockenwiesen verlorengingen. Heute gilt ein Drittel der beob­ach­teten Tier-, Pflanzen- und Pilzarten als vom Aussterben bedroht. Sie müssen gemäss Biokonvention geschützt und erhalten werden. Am stärks­ten gefährdet sind Reptilien und Amphibien. Das liegt vor allem daran, dass die Zersiedelung ungebremst weitergeht. Seit 1988 wurden jährlich 17,5 Quadratkilometer Landwirtschafts­fläche verbaut. Es fehlen grosse, zusammenhängende Schutzgebiete, und der Eintrag von Düngestoffen ist noch immer zu hoch.

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Andernorts breitet sich die Natur aus. So hat die Waldfläche zugenommen. In den Alpen und auch im Mittelland wachsen heute mehr naturbelassene Wälder als noch vor zehn Jahren. Sie bieten Kleinlebewesen und Vögeln neuen Lebensraum. Auch ökologische Ausgleichsflächen machen ­einen Teil der Habitatsverluste der letzten Jahre wett. Schliesslich leben und gedeihen auch in Wohngebieten erstaunlich viele Tiere und Pflanzen, wenn die Böden nicht mit Beton und Asphalt versiegelt sind. In den Städten ist die Artenvielfalt grösser als in intensiv bewirtschaftetem Landwirtschaftsgebiet.

Ein Gradmesser für die positive Entwicklung der Artenvielfalt ist der Gesamtbestand von Brutvögeln. Dieser hat in den letzten 20 Jahren um sieben Prozent zugenommen. Dies ändert aber wenig an der Bedrohung der Lebensräume – die Bio­diversität umfasst nicht nur die einzelnen Tiere und Pflanzen, sondern deren gesamte Lebensräume in ihrer ganzen genetischen Vielfalt. Darüber ist noch wenig bekannt. Wir wissen gar nicht, was alles verlorengeht.

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FAZIT: Der Artenschutz macht Fortschritte, die Ziele der Biokonvention wurden aber nicht erreicht.

Mit dem 2011 ins Auge gefassten Atomausstieg stellt die Schweiz die Weichen vielleicht in Richtung ­erneuerbare Energien. Noch immer aber decken wir unseren Energiebedarf zur Hauptsache mit fossilen Brennstoffen und Kernenergie. Fossile Energieträger sind nicht nur endlich, wir verbrauchen mit unserem hohen Lebensstandard auch zu viel davon. In den vergangenen 20 Jahren bewegte sich der jährliche End­energieverbrauch pro Person zwischen 31 000 und 34 000 Kilowattstunden. Dieser Wert liegt ein Mehrfaches über dem Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft, das eine langfristig nachhaltige Energienutzung definiert. Insgesamt ist der Energieverbrauch hierzulande zwischen 1992 und 2010 um neun Prozent gestiegen. Zurückführen lässt sich das auf das Bevölkerungswachstum von 13 Prozent sowie auf die Zunahme der Mobilität und der Wohnfläche pro Person.

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Wie beim Ressourcenverbrauch hat eine leichte Entkoppelung von Energieverbrauch und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit stattgefunden. Um einen Franken Wertschöpfung zu erzielen, wird heute 18 Prozent weniger Energie verbraucht als vor 20 Jahren. Eine positive Entwicklung, die zu Hoffnung Anlass gibt.

Auch die erneuerbaren Energiequellen haben seit 1992 zugelegt. Sie lieferten 2010 knapp ein Fünftel der verbrauchten Energie. Zwei Drittel davon entfallen auf die Wasserkraft, ein weiteres Drittel auf die Verbrennung von Holz oder Abfall, die Nutzung von Umweltwärme und die neuen erneuerbaren Energien. Wind, Biomasse und Sonne liefern zurzeit aber nur 0,26 Prozent des verbrauchten Stroms. Diese neuen Technologien werden erst in den kommenden Jahren zum Zug kommen und den auf 2034 terminierten Atom­ausstieg mittragen.

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FAZIT: Die in Rio postulierte Energiewende ist vertagt worden. Erneuerbare Energie wird zu wenig genutzt.

1992 verkündete die Weltgemeinschaft den Aufbruch in die ökologische Zukunft. Der Optimismus von damals hat Ernüchterung Platz gemacht.

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Als der brasilianische Präsident Fernando Collor de Mello 1992 zum Erdgipfel nach Rio de Janeiro rief, kam, wer Rang und Namen hatte. Am Zuckerhut herrschte Optimismus. Die ­Vision einer nachhaltigen Entwicklung beflügelte über 100 Staatspräsidenten und Regierungschefs sowie Tausende von Unterhändlern aus 178 Ländern. Nicht nur Öko­fundis und Entwicklungshelfer verkündeten damals die Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung. Auch konservative Politiker wie Helmut Kohl oder George Bush ­senior redeten davon, wirtschaftliche Entwicklung und Ressourcenverbrauch voneinander zu trennen. Diese Entkop­pelung ist nötig, um einer wach­senden Weltbevölkerung bescheidenen Wohlstand bei intakten Ressourcen zu garantieren. Und so produzierte eine grün gesinnte «Weltregierung» gleich ein ganzes Bündel wohlgemeinter Erklärungen und unverbindlicher Dokumente: die Rio-Deklara­tion zu Umwelt und Entwicklung, die Klimaschutzkonvention, die Konvention zum Erhalt der Biodiversität, die Walddeklaration sowie als Hauptwerk die «Agenda 21»: 300 Seiten, 40 Kapitel, ein Aktionsplan für den Weg zur nachhaltigen Gesellschaft. Die Ökologie erhielt für einmal Vorrang vor der Ökonomie. Der Kanadier Maurice Strong, Konferenzleiter mit Vergangenheit in der Ölwirtschaft, bezifferte die Kosten für die Umsetzung dieser Agenda auf 120 Milliarden Dollar. Eine astronomisch ­hohe Summe.

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Der Umschwung hat nicht stattgefunden

Wenn sich die Weltgemeinschaft vom 20. bis 22. Juni zum 20-Jahre-Jubiläum erneut in Rio trifft, ist von dieser Aufbruchstimmung wenig zu spüren. Wirtschaftswachstum hat Priorität, die Ökonomie hat das Primat über die Ökologie zurückerobert. Die Prinzipien der nachhaltigen Gesellschaft und der Erhalt der natürlichen Lebensgrund­lagen sind aus dem breiten Bewusstsein verschwunden. Und so wie die «Agenda 21» nur noch Insidern ein Begriff ist, weisen viele Indikatoren zur nachhaltigen Entwicklung in die falsche Richtung: Die Erdbevölkerung ist um knapp 30 Prozent auf über sieben Milliarden gewachsen. Sie verschlingt 40 Prozent mehr Energie als vor 20 Jahren und verbraucht mehr als eineinhalbmal so viele Ressourcen, wie die Erde langfristig bieten kann. Die Biodiversität nimmt ab. Der CO2-Ausstoss hat neue Höhen erreicht, und das Ziel der Klimakonvention, die Erde vor einer gefährlichen Erwärmung um über zwei Grad zu schützen, ist praktisch unerreichbar geworden. Gerade die stocken­den Klimaverhandlungen zeigen das Scheitern der Bemühungen: Seit 1992 verbeissen sich die Staaten in immer komplexer werdenden Verhandlungen. Die grossen Verbraucher unter den Industrieländern sind nicht bereit, ihren Energieverbrauch zuguns­ten der Entwicklungs- und Schwellenländer zu senken.

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Wichtige Akteure bleiben zu Hause

Zu feiern gibt es an der Konferenz Rio+20 wenig. Nur in einzelnen Bereichen sind zaghafte Fortschritte erkennbar. Wind- und Solarenergie sind dank technischer Innovation und Förderung billiger geworden und können herkömmliche Stromquellen bald konkurrenzieren. Technischer Fortschritt erlaubt auch eine effizientere Nutzung von Landressourcen. Einstige Entwicklungsländer wie Brasilien, China oder Indien haben Hunderte von Millionen Menschen aus der Armut befreit.

Dieser Prozess wird weitergehen, allerdings um den Preis steigenden Energieverbrauchs. Angesichts dieser Vorzeichen schraubt man die Erwartungen an Rio+20 besser hinunter. Dass die Neuauflage des Erdgipfels der «grünen Wirtschaft» neues Leben einhaucht, wie die Organisatoren hoffen, ist unrealistisch. Gastgeber Brasilien rückt sich gerade mit einem skandalösen Waldgesetz, das grossflächige Rodungen erlaubt, in ein schlechtes Licht. Ins Bild passt die Absage wichtiger Akteure wie etwa der Bundeskanzlerin Angela Merkel oder des britischen Premiers David Cameron. Dennoch wird in Rio die Nachhaltigkeit gepriesen werden. Wer die Sonntagsreden aus Brasilien weder ernst nehmen kann noch hören will, hat eine ­Alternative: Zur gleichen Zeit wie der Umweltgipfel findet in Polen und der Ukraine die Fussball-EM statt.

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