1. Home
  2. Umwelt
  3. Klimawandel: Nachgefragt beim Regisseur von «ThuleTuvalu»

KlimawandelNachgefragt beim Regisseur von «ThuleTuvalu»

Filmstills aus der Dokumentation «ThuleTuvalu».

Demnächst im Kino, ein Film über zwei Orte mit dem selben Problem: Durch die Klimaerwärmung verlieren sowohl Grönländer als auch Inselbewohner im Pazifik ihren Lebensraum.

BeobachterNatur: Matthias von Gunten, in Ihrem Film «ThuleTuvalu» thematisieren Sie den Klimawandel, indem Sie Menschen aus dem grönländischen Thule und dem Inselstaat Tuvalu im Pazifik portraitieren. Weshalb so unaufdringlich?
Matthias von Gunten: Weil ich weder ein Klimaaktivist, noch ein Volkserzieher bin. Der Klimawandel ist dauernd in den Medien präsent, erst kürzlich wieder mit dem UN-Klimagipfel in New York. Da wird mit grossen Worten alles Mögliche besprochen und beschlossen. Aber es gibt eine Realität dieses Klimawandels. Es gibt Menschen, die ihn täglich am eigenen Leib erleben. Ich wollte wissen, wie es denn für sie ist. Dieser Aspekt kam bislang kaum zur Sprache. Und ich wollte, dass man als Zuschauer mit diesen Menschen mitleben und mitfühlen kann.

BeobachterNatur: Der Film hat trotzdem eine Leichtigkeit. Da ist der Nachwuchsjäger ohne Schiessglück, der 71-jährige Inselbewohner, der grinsend von seinen Frauenbekanntschaften und 21 Kindern erzählt oder die Mutter, die Videokassetten auseinander nimmt und aus den Magnetbändern ein Baströcklein bastelt.
von Gunten: Die Bewohner leben ja nicht in einer permanenten Depression. Das würden sie nicht aushalten. Die Leute wollen Freude am Leben haben, auch wenn die Umstände schwierig sind. Aber ich glaube, dass auch Verdrängung eine grosse Rolle spielt. Das ist menschlich.

BeobachterNatur: Ist das Thema Klimawandel in Thule und Tuvalu also nicht omnipräsent?
von Gunten: Nein. Aber die Leute, die im Film vorkommen, beschäftigen sich zweifellos damit. Ausser der Kanubauer, der will nichts davon wissen. Aber dass ihn die Ungewissheit plagt, ist offensichtlich. Sowohl in Thule, als auch in Tuvalu spielt sich ein grosses Drama ab, aber ohne, dass es auf spektakuläre Weise sichtbar wäre. Dem entspricht der Film.

BeobachterNatur: Am Ende des Films blenden Sie die Botschaft der UNO ein, wonach die Klimaerwärmung mit raschen und drastischen Massnahmen gestoppt werden kann. Sie verzichten jedoch darauf zu erwähnen, wie. Vergeben Sie da nicht eine Chance?
von Gunten: Nein. Der Film soll keine Handlungsanleitung sein. Ich mag es nicht, wenn man die Leute über das schlechte Gewissen mobilisiert. Das geschieht ja permanent, und es bleibt trotzdem fast ohne Wirkung. Ich möchte lieber dazu beitragen, dass die Zuschauer sich ein Bild machen können. Wenn sie handeln wollen, haben sie dazu längst genügend Informationen, wenn nicht, ändert mein Film wahrscheinlich nichts daran.

BeobachterNatur: Thule und Tuvalu sind völlig gegensätzliche Orte. Umso überraschender sind die vielen Gemeinsamkeiten: Die Selbstversorgung, die Wichtigkeit der Familie, selbst die Physiognomie der Menschen sind beinahe identisch.
von Gunten: Das hat mich auch fasziniert. Ich glaube, sie würden sich auch sehr gut verstehen. Sie haben mich auch jeweils ausgefragt, wie es denn bei den anderen sei. Diese Ähnlichkeit, das Leben mit der Natur zu bewältigen, hat mir bei der Dramaturgie sehr geholfen, denn es ist ein Wagnis, einen Film über zwei Orte zu drehen, die sonst nichts miteinander zu tun haben. Das hätte auch schiefgehen können.

BeobachterNatur: Sie haben also nicht bewusst ähnliche Orte gesucht?
von Gunten: Nein. Ich wusste, dass die Lebensweise sowohl in Thule als auch Tuvalu relativ archaisch ist und verbrachte an beiden Orten relativ viel Zeit, je mindestens vier Mal. In Tuvalu war ich zuerst vier Wochen lang ohne Kamera, um eine Beziehung zu den Bewohnern aufbauen zu können. Man ist dort wirklich völlig abgeschottet. Höchstens alle vier Wochen kommt ein Schiff, aber man weiss nie genau, wann. Es können auch sechs Wochen vergehen. Es gibt weder einen Arzt, noch ein Rettungsflugzeug für den Notfall. Wenn man sich dort eine Blinddarmentzündung einfängt, stirbt man. Ich ging sozusagen mit Gottvertrauen hin und hoffte, dass mir nichts passiert.

BeobachterNatur: Und wenn jemand ernsthaft krank wird?
von Gunten: Dann stirbt er. Als ich das erste Mal dort war, starb ein 60-Jähriger. Niemand wusste, warum. Am Abend zuvor hatte er noch zusammen mit den anderen gegessen, tags darauf war er tot. Dann wurde er begraben, man machte ein Fest, und das Leben ging weiter. Das Sterben ist dort sehr, sehr normal. An einer Stelle im Film sagt eine Frau, sie habe genug gelebt, sie sei bereit, auf der Insel zu sterben. Die Frau ist erst 44 Jahre alt. Aber es ist keine depressive Äusserung. Sie ist zufrieden mit ihrem Leben.

BeobachterNatur: Es heisst, Thule und Tuvalu seien Fantasiedestinationen Ihrer Jugend gewesen. Ist das konstruiert oder tatsächlich so?
von Gunten: Das ist real. Ich habe als Kind immer gerne auf meiner Weltkarte spannende Orte gesucht, zum Beispiel den allernördlichsten Ort, an dem Menschen leben. Thule stellte ich mir als extremsten, kältesten, fürchterlichsten, beängstigendsten Ort vor, den es gibt. Genau deshalb war er so faszinierend für mich. Tuvalu fand ich, als ich einen Ort suchte, der genau auf der Datumsgrenze liegt. Inzwischen weiss ich, dass es eine Insel gibt, die noch näher dran ist. Aber auf meiner damals relativ schlechten Weltkarte war es Tuvalu.

BeobachterNatur: Die Bewohner von Thule und Tuvalu tragen wohl mit am wenigsten zum Klimawandel bei und sind trotzdem am stärksten betroffen. Ist ihnen das bewusst?
von Gunten: Ja und nein. In Tuvalu gibt es keine Zeitung, kein Fernsehen. Die Menschen leben in einer beinahe in sich geschlossenen Welt und befassen sich nicht intensiv mit der Nachrichtenlage. Aber sie sind nicht ahnungslos, weil viele der Männer als Seefahrer in allen Weltmeeren unterwegs waren. Sie wissen, wer die Klimaveränderung verursacht, aber sie leben nicht mit einem Vorwurf. Mit der Regierung auf der Hauptinsel Funafuti ist es ein wenig anders. Diese verlangt immer wieder, dass die Welt mehr Rücksicht nehmen soll auf die tief liegenden Staaten. Der Premierminister von Tuvalu hat an der Klimakonferenz in New York übrigens meinen Film erhalten. Er ist ganz begeistert und versucht, den Film Ban Ki Moon zu übergeben, um besser auf Tuvalus Situation aufmerksam zu machen.

BeobachterNatur: Im Film kommt Aromat vor. Haben Sie das nach Grönland gebracht?
von Gunten: Nein! Das ist tatsächlich ein absolut unentbehrliches Element der Inuit in Nordgrönland. Das ist wahrscheinlich die einzige Verbindung der Inuit zur Schweiz. Einmal waren wir vier Tage lang auf der Jagd nach Narwalen, und das Aromat war dabei. Es gilt als Delikatesse, von der äussersten Hautschicht des Narwals ein Stück abzuschneiden und es an Ort und Stelle zu verspeisen. Am liebsten mit Aromat.

BeobachterNatur: Sie waren wohl auch froh ums Aromat?
von Gunten: Ich musste mit und ohne Aromat relativ fest die Augen schliessen, um das rohe Fleisch hinunterzuschlucken.

Kinostart: 30. Oktober 2014
www.thuletuvalu.com

Trailer

Veröffentlicht am 07. Oktober 2014