Das noble Image des Weltklimarats (IPCC) ist angekratzt. In seinem vierten Bericht zum Klimawandel steht, dass die Gletscher im Himalaya rascher zurückweichen als alle anderen und bis 2035 mit grosser Wahrscheinlichkeit verschwunden sein werden. Die sechs Zeilen in dem fast 1000-seitigen Werk aus dem Jahr 2007 haben einen riesigen Wirbel verursacht. Denn die Aussage ist falsch, wie die Verantwortlichen Anfang Jahr zerknirscht einräumen mussten. Ein peinlicher Vorfall für das Gremium, das gesichertes Wissen über den Klimawandel zusammentragen soll und als Organ der Politikberatung fungiert. Erst im vorletzten Herbst wurde der von der Uno einberufene Rat mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Unter den Klimaexperten rumort es gehörig. «Da ist ein dummer Fehler passiert, der nicht passieren sollte», sagt etwa der deutsche Klimaforscher Hans von Storch. Und Hartmut Grassl, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg, höhnt, dass Menschenverstand ausgereicht hätte, um den Fauxpas zu verhindern: «Es ist offensichtlich, dass die Gebirgsgletscher im Himalaya die letzten sein werden, die verschwinden, da sie am höchsten gelegen sind.» Auch Andreas Fischlin, Professor für Systemökologie an der ETH Zürich und selbst IPCC-Autor, gibt zu, dass Fehler unterlaufen seien: «Die Autoren und Begutachter des Kapitels hätten bemerken müssen, dass die Evidenz der Gletscherprognose fehlt.»

Doch wie kam die falsche Aussage in den Text? Rekonstruiert man die Geschichte, stösst man auf den indischen Gletscherforscher Syed Hasnain. In einem E-Mail-Interview erklärte er 1999 gegenüber dem britischen Journalisten Fred Pearce, die Gletscher im zentralen und östlichen Teil des Himalaya könnten bis 2035 verschwinden. Pearce druckte das Zitat im Fachmagazin «New Scientist» ab, die Umweltorganisation WWF nahm die These 2005 in einen eigenen Bericht auf. Von dort gelangte sie in den IPCC-Bericht, der sie mit Verweis auf den WWF öffentlich machte.

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Pannenserie und kritische Fragen

Nun könnte man von einer Lappalie sprechen, doch seit der Fehler im Januar publik wurde, reisst die Kritik nicht mehr ab. Nach der Gletscherstory sind weitere Falschaussagen publik geworden: etwa eine übertriebene Prognose zum Anstieg des Meeresspiegels in den Niederlanden oder eine falsche Hiobsbotschaft zur Wüstenbildung in Afrika. Bereits im vergangenen Dezember musste in England der Direktor des Klimainstituts der Universität East Anglia, Phil Jones, wegen der sogenannten «Climategate»-Affäre zurücktreten. Er hatte, wie durch Computerspionage offengelegte Mails zeigten, nicht genehme Forschungsdaten ignoriert. «Der Weltklimarat gerät immer mehr unter Druck, die Farbe seiner Weste wandelt sich in der öffentlichen Wahrnehmung von Weiss zu Grau», sagt Hans von Storch. Obwohl die Aussagen zur menschengemachten Erwärmung gültig bleiben, wie der unabhängige Wissenschaftler betont.

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Die Fehler und Pannen wurden vor und nach dem hoffnungsvoll erwarteten und letztlich gescheiterten Kopenhagener Klimagipfel vom Dezember bekannt, wo wichtige politische Entscheidungen anstanden. Dass das nur Zufall ist, bezweifeln viele. Andreas Fischlin und der Berner Thomas Stocker, Co-Vorsitzender der ersten Arbeitsgruppe des Weltklimarats, die sich mit der Grundlagenforschung der Klimaentwicklung befasst, halten es für möglich, dass der IPCC mit einer konzertierten Aktion diskreditiert werden soll.

Der Verdacht darf allerdings nicht davon ablenken, dass sich das einflussreiche Gremium kritische Fragen gefallen lassen muss. Im Fall der Gletscher staunt man darüber, dass die Hundertschaften von Wissenschaftlern im Klimarat nicht in der Lage waren, die Falschaussage zu erkennen. Laut Informationen auf der Homepage der zweiten Arbeitsgruppe haben 454 Fachautoren am Bericht gearbeitet, darunter 176 Hauptautoren. Sie sichten Literatur und entscheiden, ob eine Studie gut genug ist, um berücksichtigt zu werden. Dazu können sie Fachkommentare einfordern. Die zweite Arbeitsgruppe rühmt sich, für ihren Bericht 8000 Publikationen gesichtet zu haben, erschienen in Qualitätsmagazinen, die nur das publizieren, was von Fachleuten geprüft (peer-reviewed) wurde. Insgesamt 40'000 Kommentare wurden verarbeitet. Die WWF-Publikation gehört allerdings in die Kategorie «graue Literatur», die keinen Peer-Review-Prozessdurchlaufen hat.

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Mangelhaftes Quellenstudium

Laut Thomas Stocker sind auf zwei Ebenen Fehler passiert: «Einerseits wurde die Glaubwürdigkeit der ursprünglichen Quelle nicht geklärt. Zudem haben es die Hauptautoren verpasst, einen Glaziologen zu konsultieren.» Ob geschlampt wurde, ist unklar. Hans von Storch stellt fest: «Alle bekannt gewordenen Fehler bestehen in einer Übertreibung der Folgen des Klimawandels.» Heikler ist die Unterstellung, die dramatisierende Passage sei in den Bericht aufgenommen worden, um die Politik unter Druck zu setzen.

Die Affären haben sich unterdessen zu einer handfesten Krise für den Weltklimarat und seinen Vorsitzenden – den Inder Rajendra Pachauri – ausgewachsen. Wenn Aussagen von Interessenverbänden oder Umweltorganisationen ungefiltert Einlass in die Berichte finden, steht seine Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. «Klimaforschung ist eine Wissenschaft, in der es unvermeidliche Unsicherheiten gibt», sagt Hans von Storch. Weil die Befunde für die Politiker grösste Bedeutung haben, sind Sorgfältigkeit, Transparenz und Unabhängigkeit der Forschenden umso wichtiger.

Es liegt eine gewisse Tragik in der aktuellen Vertrauenskrise, denn es gibt keine wissenschaftliche Organisation, die so sehr darauf bedacht ist, ihre Aussagen abzuwägen und Unsicherheiten zu benennen. So lautet eine der Kernaussagen im vierten Klimabericht, dass der Mensch mit «hoher Wahrscheinlichkeit» für die beobachtete Erwärmung im 20. Jahrhundert verantwortlich ist. Das heisst: mit einer Sicherheit von über 90 Prozent. Alle Kernthesen werden mit Wahrscheinlichkeitsaussagen versehen und offene Fragen thematisiert.

Die wahren Unsicherheiten

Das britische Fachmagazin «Nature» nannte die wichtigsten Unsicherheitsfaktoren: die Ungenauigkeit regionaler Klimaprognosen, die Veränderung der Niederschläge, die Wirkungen kleiner Luftpartikel (Aerosole) und Wolken sowie Baumringanalysen. Auf die offenen Fragen angesprochen, verweist Thomas Stocker auf den fünften Bericht, der 2015 erscheinen und diese ausführlich thematisieren soll.

Dies sei der richtige Weg, um die «unverzichtbare Organisation» aus der Krise zu holen, so Hans von Storch. Er verlangt einen offeneren Diskurs über kritische Fragen. Die IPPC hat unterdessen eine unabhängige Untersuchung eingeleitet; was sie dabei nicht braucht, sind überhebliche und kritikunfähige Gelehrte. Etwa den indischen Gaziologen, der unterdessen verlauten liess, man habe ihn falsch zitiert.

Mythen und Fakten zum Thema Klimawandel

Vieles in der Klimaforschung ist klar, einiges aber auch nicht. Auch Unsicherheiten und Wahrscheinlichkeitsaussagen gehören zum wissenschaftlichen Diskurs. Folgende Vorurteile und Vorwürfe der Skeptiker sind aber nachweislich falsch.

Die Klimaerwärmung stagniert – der vergangene kalte Winter beweist es

  • Auch wenn der diesjährige Januar der kälteste seit 20 Jahren war, so ändert dies nichts am langfristigen Trend in Richtung Erwärmung. Mit einem Wärme­überschuss von 1,2 Grad lagen die Temperaturen in der Schweiz im letzten Jahr deutlich über dem langjährigen Mittel. Sechs der ­sieben wärmsten Jahre seit Beginn der Temperaturmessung in der Schweiz im Jahr 1864 wurden im letzten Jahrzehnt verzeichnet. Die mittlere Temperatur ist seit 1864 um über ein Grad gestiegen. ­Weltweit ist der Trend ähnlich: 2009 war das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Messungen. In der südlichen Hemi­sphäre geht 2009 sogar als wärmstes Jahr in die Annalen ein. Die Dekade ­zwischen 2000 und 2009 ist weltweit die wärmste seit 1880.


In vorindustrieller Zeit waren die Temperaturen höher

  • Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent die wärmste 50-Jahre-­Periode der vergangenen 500 Jahre. ­In der Zeit davor gab es wärmere Phasen, ­allerdings unter anderen astronomi­schen und geologischen Bedingungen. Diese Warmperioden der Vergangenheit bedeuten allerdings nicht, dass der Mensch das Klima nicht beeinflusst.


Einige Grad Erwärmung sind kein Problem

  • Auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit, vor 21' 000 Jahren, war es im Schnitt nur drei bis fünf Grad kälter als heute. Bei einer ­mittleren Erwärmung um drei Grad innert 100 Jahren wird der Temperaturanstieg an den Polen höher ausfallen und der Anteil ­bewohnbarer Regio­nen sich verringern. Auch für die Schweiz wird eine höhere Erwärmung erwartet, die Gletscher und Permafrost in den Alpen besonders träfe.


Die Rekonstruktion der Temperaturwerte von 800 bis 1850 ist unzuverlässig

  • Verschiedene Analysen zur Temperaturentwicklung in den letzten 1000 Jahren ergeben teilweise unterschiedliche ­Werte. Besonders in Bezug auf die Wärmeperiode um das Jahr 1000 und die Kältephase um 1700 unterscheiden sich die Ergebnisse, die auf der Analyse von Baumringen, Seesedimenten und Gletscherbewegungen beruhen. Forscher fanden heraus, dass gerade Temperatur-Rekonstruktionen anhand von Baumringen teils widersprüchliche Resultate ergeben, vermutlich wegen äusserer ­Bedingungen, die das Pflanzenwachstum beeinflussen (Schädlinge). Die Unsicherheiten ändern nichts daran, dass die Temperaturen seit Mitte des 20. Jahrhunderts rascher denn je ansteigen.


(Quellen: Nature, IPCC, Nasa, MeteoSchweiz)