Hitze, Brände, Überschwemmungen – das verrückte und extreme Wetter dieses Sommers kann kein Zufall sein, denken viele. Auch Experten sind der Meinung, dass von Menschen verursachte Treibhausgasemissionen zumindest teilweise an den Extremen dieses Sommers schuld sind.

So hat die Meteorologische Weltorganisation (WMO) in Genf dieser Tage erklärt, dass das jüngste Wettergeschehen in verschiedenen Kontinenten wahrscheinlich mit dem allgemeinen Klimawandel zusammenhängt. Das nahezu gleichzeitige Auftreten solcher Extremereignisse könne eine Bekräftigung der Voraussagen in dem IPCC-Bericht von 2007 sein, wonach der Klimawandel eine erhöhte Häufigkeit von Hitzewellen und starken Niederschlägen mit sich bringen könne.

Deutlicher formuliert es Stefan Rahmstorf, Physikprofessor an der Universität Potsdam und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderung der deutschen Regierung. «Sich an die Hoffnung zu klammern, das sei alles Zufall und natürlich, scheint naiv», schrieb der Umweltphysiker Anfang Woche auf der Webseite von Pro Syndicate, einer internationalen Plattform für Vordenker.

Urs Neu, Proclim

Quelle: Harald Weber
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Dass der Klimawandel die Häufigkeit und Stärke von Extremereignissen beeinflussen kann, bestätigt auch Urs Neu von Proclim, dem Klimaforum der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz. «Schon rein aus physikalischen Gründen ist ein Einfluss der Klimaerwärmung naheliegend», so Neu. Denn: Wärmere Luft kann mehr Wasser aufnehmen, und demzufolge sind in wärmerer Luft auch stärkere Niederschläge möglich. Vom Wassergehalt in der Luft hängt auch die Intensität von Stürmen ab. Dieser Einfluss wirke sich jedoch hauptsächlich auf den Durchschnitt von Extremereignissen aus. Der Einfluss des Klimawandels auf die Entstehung eines Einzelereignisses sei jedoch kaum eruierbar. «Naturkatastrophen entstehen auch ohne Klimawandel. Deshalb kann man keine einzelne Naturkatastrophe wie in Russland oder Pakistan dem Klimawandel zuordnen», sagt Neu.

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Unklar ist, wie viel Einfluss der Klimawandel hat

Die Wissenschaftler sind sich darin einig, dass ein einzelnes Wetterereignis durch mehrere Faktoren verursacht wird. Welcher Anteil dabei aufs Konto des Klimawandels geht, kann kaum quantifiziert werden. Überlegungen wie «ohne Klimawandel wäre es in Russland zwei Grad kühler gewesen», sind rein hypothetischer Natur. Kommt dazu, dass der Zufall bei der Entstehung von solchen Einzelereignissen eine grosse Rolle spielt.

Der Zufall spielt auch bei der Entstehung von Wetterlagen mit. Zwar gibt es gewisse Regelmässigkeiten und Tendenzen. Etwa das sibirische Kaltlufthoch im Winter oder der Verlauf der atmosphärischen Hauptströmung, des sogenannten Jet-Streams, der dazu führt, dass Kalifornien ein viel wärmeres Klima hat als die amerikanische Ostküste auf gleicher geographischer Breite. Ansonsten verhalten sich die Wetterlagen unberechenbar, ja geradezu chaotisch. «Jede Wetterlage ist als Ganzes einzigartig und immer anders als alle, die vorher waren», betont Urs Neu.

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Es gibt zwar ähnliche Wettermuster, die sich wiederholen (in der Meteorologie werden sie als sogenannte «Grosswetterlagen» klassiert). Die Strömungslinien sind aber unregelmässig geschwungen und befinden sich nie am gleichen Ort. «Die mathematische Erfassung eines Gebildes, dass sich durch den Raum bewegt und seine Form immer wieder verändert, ist äusserst schwierig, vor allem, weil wir nur ortsfeste, punktförmige Angaben über das Wetter haben, nämlich dort, wo gemessen wird», sagt Urs Neu.

Eine kleine Abweichung von der Grosswetterlage kann zu einer völlig unterschiedlichen Entwicklung führen. Anders gesagt: Die Entstehung von Wetterlagen ist – wie die Entstehung von Naturkatastrophen – stark vom Zufall abhängig. Das macht, resümiert Urs Neu, die Zuordnung einer einzelnen Wetterlage zum Klimawandel genauso schwierig wie die Zuordnung einer Naturkatastrophe zur globalen Erderwärmung.

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