«Es wird kommen», sagt Christine Zobrist. «Dieses Jahr, nächstes Jahr oder in fünf Jahren.» Die Rentnerin sagts, als sei es das Normalste auf der Welt. Sie sitzt hinter ihrem Holzhaus im Schatten, spielt mit dem Handy in der Hand. «Ich hoffe, dass sie uns dann warnen.»

Zu spüren ist die Gefahr an diesem heissen Julitag nicht. Alles ist wie immer, hier im Weiler Boden an der Grimselstrasse, Gemeinde Guttannen, Kanton Bern. Harmlos plätschert die junge Aare an den rund 40 alten, fast schwarzen Holzhäusern vorbei, zwei Mädchen spielen auf der Wiese des Kindergartens, eine Katze schleicht über das enge Dorfsträsschen. Doch die Menschen, die hier wohnen, sitzen wie auf Nadeln. «Das belas­tet einen», sagt Christine Zobrist. «Aber wohin sollen wir?»

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Quelle: Oberingenieurkreis I, Tiefbauamt Thun

Im Sommer 2009 nahm das Ende seinen Anfang. Keine 200 Meter vor dem Haus der Zobrists polterten plötzlich Unmengen Geröll den Berg hinunter. Erst wälzte sich die Gesteinslawine über eine Galerie der Passstrasse. Dann blieb sie kurz vor den ersten Häusern in der Aare liegen. Ein Jahr später kam die Spreitlaui erneut. Am schlimms­ten aber tobte sie vor zwei Jahren: 100'000 Kubikmeter Lawinenmasse donnerten nieder. 1000 Tonnen schwere Felsbrocken fielen auf die Galerie, durchschlugen sie fast. Die Erdgasleitung Holland–Italien, ein eingegrabenes Stahlrohr, wurde teilweise freigelegt. Eine Stein- und Schlammlawine wälzte sich im Aarebett in Richtung Dorf.

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Christine Zobrist schaute an jenem Tag stumm zu, wie sich der Fluss über Stunden mit Geröll füllte. Zuletzt lag die Aare 20 Meter höher als wenige Jahre zuvor. Und Boden mit seinen 50 Einwohnern befand sich nun nicht mehr über, sondern am Fluss, direkt in der Gefahrenzone. Ein Haus musste abgebrochen werden: Es sei viel zu riskant, hier noch zu wohnen, so das Verdikt der Behörden. Seither ist es ruhig. Aber die Ruhe trügt. 500'000 Kubikmeter sind schon heruntergekommen. Drei Millionen Kubikmeter sind noch oben.

Schuld an der Misere, darin ist man sich einig, ist der Klimawandel. Oben am Ritzlihorn, wo das Geröll herkommt, lag früher während des ganzen Jahrs Schnee. Der Boden blieb sommers gefroren. Jetzt taut der Permafrost, und der Berg gerät ins Rutschen. Regnet es oberhalb von 3000 Metern, steigt die Murganggefahr markant an.

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Auch Josef Häfliger weiss das. Der Künstler steht in der Werkstatt seines Hauses, schleift einen grossen Bergkris­tall. «Mit den Schneelawinen haben wir zu leben gelernt», sagt er. «Aber die Murgänge sind neu.» Niemand wisse, wie damit umzugehen sei. Niemand könne voraussagen, wann etwas geschehe. «Diese Unsicherheit ist es, die uns zu schaffen macht.»

Früher suchte Häfliger beim Ritzlihorn nach Kristallen. Heute beschränkt er sich darauf, die Preziosen zu bearbeiten. «Im allerbesten Fall gibt es das Dörfchen noch 20 Jahre», sagt er. «Im schlimmsten Fall muss Boden schon demnächst evakuiert werden.» Dann bleibe ihnen nichts anderes übrig, als zuzuschauen, wie das Geröll die Häuser mitreisse. Häfliger lebt seit 35 Jahren in Boden. Er kennt die Nöte der Menschen hier. «Am besten wäre es, das ganze Dorf zu zügeln», sagt er.

Aber kann man das, ein Dorf verschieben? Was ist mit den Häusern? Nimmt man nur die alten Balken oder auch den Rest mit? Was ist mit dem Kindergarten? Dem Brunnen? Der Postautostation? Was mit den Ställen, den Kühen, den Schafen, den Ziegen, den Hunden und den Katzen? Wohin soll man überhaupt?

Über einen Umzug des Derfli, wie Boden auch genannt wird, hat die Gemeinde Guttannen schon nach­gedacht. Irgendwo auf dem Gemeindegebiet, fast so gross wie der Kanton Zug, sollte es doch möglich sein, ein neues Dörfchen hinzustellen. Vielleicht sogar in einem schöneren Ensemble als jetzt, mit einem schmucken Dorfplatz, die Häuser mit Minergiekomfort. Doch das ganze Tal ist weitgehend Lawinenzone – geeignete Orte sind rar. Zudem ist fraglich, wer den Umzug finanzieren würde: Die Gebäudeversicherung zahlt nicht präventiv, sondern erst nach einem Unglück.

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Ob der Kanton es richten könnte? «Der Schutz der Häuser ist Sache der Gemeinde», lässt Markus Wyss, Kreis­oberingenieur, verlauten. «Aber natürlich beraten wir die Gemeinde und subventionieren allfällige Schutzmassnahmen.» Aktiver ist der Kanton, wenn es um die Strasse geht. Die muss offen bleiben, wegen Guttannen, wegen der Töfffahrer, wegen der Kraftwerke Oberhasli, die die Stauseen betreiben, und als Verbindung ins Wallis.

Ende Mai erläuterte die Regierungsrätin Barbara Egger-Jenzer, man habe mehrere Szenarien geprüft. Lange Tunnel wären eine Möglichkeit, die Strasse vor neuen Murgängen zu schützen. Kosten: 300 Millionen Franken. Zu teuer. Brücken und Dämme könnte man bauen. 60 Mil­lionen, auch zu teuer. Daher habe man sich für eine dritte Variante entschieden: abwarten und überwachen. Dazu wurden im Bereich Spreitgraben Messgeräte aufgebaut. Sollte der Berg kommen, könne man die Strasse innert Sekunden sperren und dann behelfsmässig sanieren.

«Schön», sagt Oswald Zobrist, Christines Mann. Die beiden wohnen besonders nah am Fluss. «Für die Strasse ist gesorgt. Aber uns lässt man hängen.» Nichts sei bisher passiert. Dabei brauche es endlich eine Schutzmauer, «aber eine richtig gute, aus Beton». Und den Schutt aus der Aare baggern müsse man. «Dann müssten wir hier nicht weg.»

Hans Abplanalp, der Gemeindepräsident, versteht den Unmut. Er sitzt im Gemeindehaus von Guttannen, redet rasch, hat die Sätze schon oft gesagt. «Für die Leute im Derfli ist es verrückt», sagt er. «Das Warten macht sie kaputt.» Aber die Gemeinde sei nicht untätig. Projektentwürfe und Notfallszenarien lägen bereit. Für eine Umsetzung sei es aber noch zu früh.

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Hans Abplanalp hat die Dossiers in der Tasche. Aber er kennt die Fakten auswendig. Ers­tens: ausbaggern. Zu teuer. Zweitens: eine Schutzmauer errichten. Sechs bis sieben Millionen. Auch teuer. Und das Problem würde nur um ein paar Jahre hinausgezögert. Drittens: das Dorf versetzen. Ja, warum nicht? «Aber man kann die Leute nicht zwingen. Eine Evakuation kommt erst in Frage, wenn das Gebiet offiziell für unbewohnbar erklärt wird.»

Hans Abplanalp zögert, redet widerwillig über Eventualitäten. Dann spricht er doch aus, was wohl das einzig Machbare ist: «Wir überlegen uns, den Leuten die Grundstücke und Häuser abzukaufen.» Mit dem Geld könnten sie andernorts ein Zuhause bauen. Derzeit laufen Verhandlungen mit dem Kanton und der Versicherung.

Im Weiler Boden hält um 18.47 Uhr das letzte Postauto. Ein alter Mann steigt aus. Stummelzähne. Am Rücken ein Militärrucksack. Er lacht laut auf. Der Murgang sei doch halb so schlimm. Man wisse ja, wie es zu- und hergehe in den Alpen. «Wir sind keine Studierten, keine Theoretiker. Wir gehen nicht fort, unser Herz ist hier», sagt er. «Besser unter der Laui leben als unter Knechtschaft.»

Aus dem Nachbarhaus, Baujahr 1623, ist ein Radio zu hören. Die Wettervorhersage. Für die nächsten fünf Tage ist Sonne prognostiziert. Kein Regen, auch nicht oberhalb von 3000 Metern.