Noch bevor Davos erwacht, ist Gian Darms schon bei der Arbeit. Es ist 5.30 Uhr, minus 14 Grad. Es schneit. Zarte, sternförmige Schneeflocken. Im sogenannten Warnraum, dem Herzstück des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF), zieht Darms seine blauen Birkenstock-Sandalen an und schaltet die Monitore ein: das Niederschlagsradar, auf dem der Lawinenprognostiker sehen kann, wo es in der Schweiz gerade schneit. Ein weiteres Modell für die Wetterprognose und den Computer, auf dem nach und nach die Messresultate der externen Schneebeobachter eintreffen.

Die Beobachter, das sind 183 Frauen und Männer, verteilt über die Schweiz: Bauern, Lehrer, Bergführer, Leute von den Gemeindelawinendiensten, Skiliftbetreiber und -angestellte oder Sicherheitsfachleute von Skigebieten. Vom 1. November bis 30. April beobachten, messen und beurteilen sie jeden Morgen die für die Lawinensituation entscheidenden Faktoren wie Neuschneemenge, Schneehöhe oder Oberflächenstruktur. Noch vor acht Uhr früh schicken sie ihre Daten per Online-Formular ans SLF. «Die Leute da draussen machen einen super Job für uns. Sie sind extrem engagiert. Ohne sie ginge es nicht», sagt Darms.

Mit ihren Messungen schaffen die Beobachter eine der wichtigsten Datengrundlagen für die Lawinenbulletins. Sie verdienen ein Taschengeld, 1500 bis 4500 Franken pro Saison, je nachdem, ob sie nur die Schneemessungen oder auch Gefahreneinschätzungen, Daten zu Schneeprofilen und Resultate von Stabilitätstests beisteuern. «Mit diesen Messungen wird man nicht reich. Viele ­Beobachter können aber für ihre Firma oder einen privaten Zweck Nutzen daraus ziehen», sagt Darms.

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Neben den Beobachtern unterhält das SLF ein landesweites Netz von 90 automatischen Messstationen, auf deren Werte sich das Team im Warnraum bei seinen Prognosen stützt.

Forschung auf dem Weissfluhjoch: Ein SLF-Mitarbeiter untersucht die Schichten eines Schneeprofils.

Quelle: Archiv SLF

Wumm: Eine Schneeschicht bricht

«Wir tragen täglich unheimlich viele Daten zusammen. Das erleichtert es nicht gerade, sich in kurzer Zeit einen Überblick zu verschaffen», sagt Darms. Damit sich die Prognostiker nicht verlieren, helfe es, die Daten auf mehreren Karten räumlich darzustellen. Deshalb hängen im Warnraum viele Schweizer Karten, die alle etwas anderes zeigen: Neuschneemenge, Windrichtung und -stärke, gemeldete Lawinen-abgänge inklusive Lage und Ausrichtung, gemeldete «Wumm»-Geräusche, Lawinenabgänge, Schneedichten und Oberflächenstrukturen.

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Gian Darms schaut nochmals auf das Wetterradar. «Bis jetzt läuft heute alles wie vermutet», sagt er. «Mässiger bis starker Wind aus Nordost, nur wenig Neuschnee, und das schon seit einigen Tagen. Es hat ­also nur noch wenig losen Schnee, der verfrachtet werden kann. Die Lawinengefahr ändert sich heute kaum.»

Beim Verfassen der sieben regionalen Lawinenbulletins, die um acht Uhr veröffentlicht werden, wird Darms kaum grosse Korrekturen machen müssen. Es wird bei Warnstufe «mässig» bleiben, wie er und sein Team gestern Nachmittag im nationalen Bulletin um 17 Uhr bereits vorausgesagt haben. Doch bevor er die Bulletins schreibt, wird er seine Einschätzung noch mit seinem Chef Thomas Stucki besprechen. Um sieben Uhr trifft dieser im Warnraum ein.

«Tgau, Capo», grüsst Darms. Gestern musste er einem Beobachter im Tessin einen Brief schreiben, jetzt nennt er seinen Vorgesetzten nur noch «Capo». Er zeigt ihm aktuelle Karten und fasst die Grund­lagen für seine Analyse kurz zusammen. Pünktlich um acht Uhr gehen die regionalen Bulletins raus.

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Darms tauscht seine Sandalen gegen Skischuhe aus, schultert seine Skier und fährt mit der Parsennbahn auf das Weissfluhjoch. Unterhalb des Gipfels hat das SLF vor 76 Jahren ein Feld von 50 mal 50 Metern abgesteckt und darin seine erste Messstation errichtet. Die Messdaten für heute wurden bereits erhoben. Das machen jeweils die Doktoranden des Instituts.

Jeder zweite Verschüttete stirbt

Gegen neun Uhr trinkt Darms im Restaurant der Bergstation erst mal einen Kaffee und tauscht sich mit dem Rettungschef des Skigebiets über Triebschnee aus.

Um sich ein Bild von den Schneeverhältnissen zu machen, fährt er danach an einen typischen Lawinenhang, 35 Grad steil und Nordlage, etwas abseits der Piste. Hier will er ein Schneeprofil erstellen. «Die Profile erlauben zwar nur einen punk-tuellen Einblick in die Schneedecke, da bereits einige Meter entfernt der Schneeaufbau ganz anders aussehen kann. Aber sie vermitteln einen guten Eindruck von den Verhältnissen.» Mit einer Rammsonde misst Darms den Widerstand der Schneedecke; zu Beginn beträgt die Einsinktiefe 33 Zentimeter. Dann steckt er den ein Kilogramm schweren «Rammbär» auf die Sonde und schläg sie Schicht für Schicht – je nach Widerstand mit mehr oder weniger Fallhöhe – durch den Schnee bis auf den Boden. Er notiert jeden Schlag, jede Fallhöhe. Das wird später wichtig sein, um das Widerstandsprofil der Schneedecke am Computer grafisch darstellen zu können.

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Darms greift zur Schaufel und legt eine zwei Meter lange Schneekante frei. Mit blosser Hand tastet er den Schnee ab, bestimmt die einzelnen Schichten und deren Härte, misst die Luft- sowie alle zehn Zentimeter die Schneetemperatur. Mit einer Lupe beäugt er die Schneekörner jeder einzelnen Schicht durch einen Millimeterraster. Er notiert Grösse und Form: rund, kantig oder becherförmig. «Das sieht nach einer stabilen Schneedecke aus, kein Oberflächenreif, und auch die unterste Schicht ist nicht so warm und feucht, dass sie ­abzurutschen droht.» Trotzdem macht Darms den Stabilitätstest und hüpft mit den Skiern auf die Schneedecke. Nichts. «Vor diesem Hang muss man sich heute wie erwartet nicht fürchten.»

Auch wenn man bei Feldarbeiten keine Risiken eingeht: Nicht immer verläuft alles so glimpflich. Vor allem beim Rettungsdienst im Skigebiet Laax, beim Sichern der Pisten, löste Darms ab und zu selber Lawinen aus. Ein paarmal wurde er sogar mitgerissen. «Das fährt einem schon ziemlich ein. Zum Glück wurde ich noch nie ganz verschüttet.» Tatsache ist, dass 90 Prozent der Lawinenopfer in eine Lawine geraten, die sie selber ausgelöst haben. Und nur jeder zweite Verschüttete überlebt. Jährlich kommen so in der Schweiz durchschnittlich 25 Personen ums Leben.

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Doch wie kann man sich vor solchen Unfällen schützen? Die Frage beantwortet Darms in der Kantine des SLF. Es ist 12 Uhr. «Drei Sachen sind wichtig: die richtige Ausrüstung, eine gute Ausbildung und die richtigen Informationen.» Richtige Ausrüstung heisst: Verschüttetensuchgerät, Lawinensonde, Schaufel, Geländekarte und eventuell ein Rucksack mit Airbag-System. Der Schweizer Alpenclub und Bergsportschulen bieten Kurse an, um vor allem jungen Leuten beizubringen, wie man die Schneeverhältnisse richtig einschätzt. Und natürlich muss man vor jeder Tour die Wetterprognose anschauen und das Lawinenbulletin studieren.

Genau, das Lawinenbulletin. Es ist 13 Uhr. Auf dem Tisch im Warnraum liegen Dutzende von tagesaktuellen Karten: Wetter, Mittagstemperaturen, Sonnenscheindauer, Gefahreneinschätzung, «Wumm»-Geräusche, Schneestruktur, Triebschneeansammlungen, Niederschlagssumme, Niederschlagsprognose, Wind. «Ab morgen sind orkanartige Winde angekündigt, das muss ich im Hinterkopf haben und bei der Gefahreneinschätzung miteinbeziehen.» Während Darms die Karten betrachtet, kann man sich gut vorstellen, wie die verschiedens­ten Faktoren mit Höchstgeschwindigkeit durch seinen Kopf rattern; wie er sie gewichtet, miteinander verbindet, multipliziert und schliesslich zu einer Aussage zusammenfasst. «Es geht darum, zu interpretieren. Die gleichen Informationen bedeuten nicht immer das Gleiche. Wäre das so, könnte man längst alle Prognostiker durch einen Computer ersetzen.»

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Ein Restrisiko bleibt immer

Um 15 Uhr findet ein Briefing mit Darms, «Capo» Stucki und einem weiteren Prognostiker statt. Zu dritt legen sie die Gefahreneinschätzung für den nächsten Tag fest: Gefahrenstufe «erheblich» in den meisten Gebieten. Unter anderem wegen des aufkommenden Sturms und des zu erwartenden Neuschnees von bis zu einem halben Meter.

Um 15.45 Uhr schreibt Darms das natio­nale Lawinenbulletin. Stucki erstellt die Gefahrenkarte. Alles geht jetzt Schlag auf Schlag. Nach einer letzten Kontrolle wird das Bulletin veröffentlicht.

Um 16.50 ruft Radio DRS1 für ein Live-Interview an. Kurz darauf meldet sich ­Radio Rumantsch, dem Darms souverän auf Rätoromanisch Auskunft gibt.

Um 17 Uhr stellt Stucki die französische, italienische und englische Übersetzung des Bulletins auf die Website des SLF. Darms tippt die letzten Zahlen seines Schneeprofils in den Computer und löscht etwas später das Licht im Warnraum.

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«Was die Leute letztlich mit den Informationen machen, bleibt ihnen überlassen. Tatsache ist: Egal, wie gut man sich schützt, ein Restrisiko bleibt.»

Informationen zur aktuellen ­Lawinensituation auf www.slf.ch