Neulich strichen sie wieder um die Häuser: Journalisten aus der Stadt. Wollten wissen, wie sich das anfühlt, das Leben neben einem Atom­reaktor, ob man wegziehen wolle und andere dämliche Fragen. Keine 48 Stunden waren vergangen seit der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima, erzählt Gemeindeammann Christian Burger, und schon standen Reporter von ORF 1 vor der Tür. Ohne Anmeldung. Was er für die Sicherheit des Atomkraftwerks tue und was er unternehme, um es abzuschalten, wollten die Österreicher von ihm wissen.

Da wunderte sich der Dorfoberste über das schlüpfrige Wissen der Fernsehleute: Als ob es in seinen Ermessen läge, das Kraftwerk abzuschalten! Deshalb zog er es vor, das Interview zu beenden.

Stünde nicht dieser Kühlturm vor dem Dorf, in Leibstadt würden keine windigen Reporter um die Häuser schleichen, alles nähme seinen gemächlichen Lauf. Nach dem Schiessen oder dem Turnen trinkt man gemeinsam eine Stange im «Schützen» oder in der «Warteck», am Sonntag wird in der Kirche Eucharistie gefeiert, manchmal segnet der Dorfpfarrer gar ein neues Feuerwehrauto ein. Anfang Monat ist Blutdruckmessen, die Musikschule gibt ihr Abschlusskonzert, es findet eine Spül- und Saugaktion für Entwässerungsanlagen statt, Ende Monat wird abermals Blutdruck gemessen. Leibstadt steht für leicht gelangweilte Normalität. Nicht einmal Google Street View interessiert sich für das Dorf im Aargau, das Kameraauto hat es nicht bis in diesen entlegenen Winkel geschafft. Nur ein Foto gibt es: Es zeigt den Kühlturm.

Mit dem Topf kam das Gold

Der Kühlturm, dieser in der Taille geschnürte Betontopf! Er hat dem ehemaligen armen Bauerndorf einen enormen Geldsegen beschert – aber auch das Image als Atomdorf. Doch das miese Image lies­sen sich die Leibstädter vergolden. Paradiesische Zeiten brachen an, seit es 1984 aus dem Topf zu dampfen begann, und wenn man Geld nötig hat, ruft man nur «Atom, Atom!». Dann regnet es Geldstücklein, und man hat weiter nichts zu tun, als sie von der Erde aufzuheben. Nur das Beste ist gut genug, denn man hat immer einen vollen Beutel.

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Als Erstes wurde eine Zivilschutzanlage errichtet, braucht schliesslich jedes Kaff, dann gleich noch eine Mehrzweckhalle, eine Doppelturnhalle und ein neues Schulhaus. Die Dorfstrasse («Genuss-Strasse», wie ein Schild verkündet) wurde kanalisiert, melioriert und betoniert («komplätt uuspackt», sagt ein Gewährsmann), der Dorfbach neu angelegt. Das Schützenhäuschen musste gelupft werden, denn die Leibstädter Schützen zielen in Richtung Kühlturm, was den Bediensteten dort dann doch ein wenig zu scharf war. Deshalb entschärfte man den Abschusswinkel durch Anheben der Abschussposition – eben des Schützenhäuschens.

Die mit Atomgeld gegründete Stiftung Pro Leibstadt unterstützt alle Dorfvereine mit einem «Sockelbeitrag», wie der Gemeindeammann es formuliert, und vergibt Stipendien. Dank den Subventionen der Stiftung können Kinder in Frick für fünf Franken ins Kino und in der Nachbargemeinde Full zum Einheimischentarif in die Badi planschen gehen. Zwei Jahre nach Inbetriebnahme des AKWs senkte die Gemeinde den Steuerfuss auf 75 Prozent. Leibstadt war damit die mit Abstand steuergünstigste Gemeinde im Kanton. Doch seither ist sie finanziell vom Kraftwerk abhängig.

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Ist es ein Pakt mit dem Teufel? Hat das «Atom», wie der Volksmund das Kraftwerk nennt, den Leibstädtern Glück gebracht? «Sicher mehr Glück als Unglück», entgegnet Otto Vögele ohne jedes Zögern. «Otti», wie er hier im Dorf heisst, war fast ein halbes Jahrhundert lang Gemeindeschreiber von Leibstadt. Aber, auch das verhehlt er nicht, mit dem Geldsegen des Atoms seien auch der Neid und die Missgunst eingezogen im Dorf. Noch lange hiess es an den Stammtischen, der Gemeinderat sei gekauft worden («gchaufft ond gstüüret vom Atom»), damals, im Dezember 1972, als die Leibstädter mit 177 Ja- gegen 78 Neinstimmen für das Atom gestimmt hatten.

Warum hat der einen Mercedes?

Otti, 87, trägt eine Brille im Malcolm-X-Stil, eine graue Hose, von zweifingerdicken Hosenträgern gehalten, graues Jackett, blaues Hemd und einen schlohweissen Haarkranz. Otti turnte im Turnverein, radelte im Veloklub, schoss bei den Schützen und singt immer noch, im 54. Jahr, als zweiter Tenor im Männerchor. Als Gemeindeschreiber war er der ungekrönte König. Otti ist auch der Dorfchronist, ab und an schreibt er noch den Nachruf auf einen verstorbenen Leibstädter in der «Botschaft», der Regionalzeitung.

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Sogar ihm, dem Otti, hätten die Neider unterstellt, er hätte mit dem Atom ein Millionengeschäft ausgedealt. Und das nur, weil er Mercedes fuhr! Otti lacht: Das waren doch immer Occasionen. Das Gegenteil sei wahr, als Gemeindeschreiber habe er seine Gesundheit ruiniert, tausend Bewilligungen für Fremdarbeiter aus acht Nationen seien über sein Dienstpult gegangen. Eine Sekretärin? Kannst denken. Ein Heidenchrampf sei das gewesen. Und was habe es ihm eingebracht? Fünf Bypässe hätten ihm die Chirurgen deswegen ein­gesetzt. «Nachwehen», nennt es der Otti.

Der längst pensionierte Dorfkönig wohnt mitten im Dorf, um die Ecke duftets nach frischen Brötchen aus der Bäckerei, aus der Schmiede dengelts und hämmerts, die nahen Kirchenglocken schlagen zur vollen Stunde. An den Wänden der Wohnstube hängen Stiche mit Motiven aus dem Rheintal: Schloss Bernau zu Leibstadt, Laufenburg, Säckingen. Im oberen Stock lagert der Safe, worin er seine Jodtabletten für den Ernstfall eingeschlossen hat.

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Vögele erzählt, wie arm die Gegend hier gewesen sei: Noch vor 60 Jahren seien viele Leibstädter Rucksackbauern gewesen, die hielten ein Chüeli oder zwei oder ein paar Geissen, gingen arbeiten in die Lonza im deutschen Waldshut, später in der chemischen Industrie, die sich von Basel her weit in den Aargau frisst. Heute ist es umgekehrt, heute kommen Deutsche nach Leibstadt zur Arbeit ins Kraftwerk. Seit letztem Jahr ist sogar ein Deutscher Kraftwerks­direktor. «Die Schwoben», wie man sie hier nennt, litten unter dem Schatten des Kühlturms ja viel mehr als die Leibstädter selber, sagt Otti. Im Dorf merke man rein gar nichts vom Kraftwerk: «Du ghöörsch nüüt, gseesch nüüt», deshalb erstaune es nicht, dass auffälllig viele Schwoben kürzlich an der Anti-Atom-Demo in Kleindöttingen gesichtet wurden und eher wenig Leibstädter.

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Anfang der sechziger Jahre tauchte der erste Vorbote der neuen Zeit im Dorf auf. «Grüezi, Odi esch min Name», sagte er. «Elektrowatt.» Nicht zu verwechseln mit Otti, dem Gemeindeschreiber. Herr Odi war scharf auf Land vor dem Dorf, sicherte sich 200 Blätz bestes Ackerland durch Kaufrechtsverträge. Erst dachte man, der habe es auf die Kiesvorkommen da draus­sen abgesehen. Nein, ein zweites Weiach wollte man nicht werden! Es kam anders: Kernspaltung statt Kiesabbau. 1965 sagte der Leibstädter Gemeindeammann Ernst Kramer zu einer Zeitung: «Das Atomkraftwerk ist sauber, macht keinen Lärm und ist krisenfest.» Das war Mainstream damals. Sonst hätte das Atomkraftwerk im nahen Beznau nicht ohne jeglichen Widerstand von 1965 bis 1972 gebaut werden können. Atomkraft war hip, es war die Zukunft. Und wer hätte es ihnen verargen wollen, voll darauf zu setzen, den Bewohnern dieser Region, die schon immer im toten Winkel der Eidgenossenschaft gelebt hatten?

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Die Eidgenossen gaben die Gegend auf

1415 eroberten die Eidgenossen die habsburgischen Besitzungen im heutigen Aargau und drangen bis an den Rhein vor. Für Leibstadt begann ein vierhundertjähriges Schicksal als Grenzdorf. Der Dorfbach von Leibstadt trennte das habsburgische Fricktal vom eidgenössischen Baden, die Grenze verlief mitten durch den Turm der Burg Bernau, die Mühle über dem Dorfbach wurde in der Mitte geteilt. Leibstadt hatte also zwei Landesherren. Im Dreissigjäh­rigen Krieg fielen Truppen des Herzogs von Weimar brandschatzend ins Dorf ein, raubten Pferde und Vieh, drohten mit einer nächsten Plünderung. Die eidgenössischen Orte berieten und kamen zum Schluss, der Aufwand wegen der paar Bauern an der Peripherie lohne sich nicht: Seht selber, wie ihr zurechtkommt, hiess es.

Der Waldreichtum der Gegend war zwar Grundlage einer Holzindustrie mit Spanplattenwerken, Tisch- und Stuhlfabriken. Nicht wenige Leibstädter Bauern­söhne sind deshalb Schreiner geworden. Doch die Blüte war von kurzer Dauer. Einzig die Stromproduktion war eine verläss­liche Einnahmequelle. Seit 1902 lieferte ein Wasserkraftwerk in Beznau Strom ins absatzträchtige Mittelland. Die Gegend selber wurde erst viel später elektrifiziert. Es kamen Flusskraftwerke in Koblenz und Dogern hinzu, drüben im Deutschen. Pläne für Atomkraftwerke in den sechziger Jahren passten da gut hinein. Man war es sich gewohnt, Strom für die Restschweiz zu produzieren. Heute ist das grösste Schweizer Atomkraftwerk auch der grösste Arbeit­geber der Region.

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2009 feierte das Leibstädter Atom sein 25-Jahr-Jubiläum mit einem dreitägigen «Stromfest», und es liess sich etwas ganz Besonderes einfallen: eine 25 Kilometer lange Leuchtgirlande, natürlich stromsparend, die am Schluss in 8330 Stücke geteilt und als Geschenk dem Publikum abgegeben wurde. Strom hat man ja genug, die Leibstädter erhalten sogar einen Drittel ­ihres Verbrauchs gratis. «Unsere Vision ist, dass die einen oder anderen Lichter zukünftig Terrassen und Gärten der Umgebung erhellen, so findet das Stromfest später im kleineren Rahmen seine Fortsetzung», hoffte die Atom-Mediensprecherin in der «Aargauer Zeitung», die brav rapportierte, die Besucherinnen und Besucher seien «ausnahmslos begeistert» gewesen.

Im Dorf wird das Atom zwar manchmal «fuule Egge» genannt, doch dahinter verbirgt sich wohl Neid auf einen guten Posten. Das Atomkraftwerk pflegt den Kontakt zur Aussenwelt. Lehrer lassen sich im Infozentrum zum Thema «Kernenergie heute und morgen» weiterbilden; die Kurse sind in der Regel ausgebucht. Der Schachklub Döttingen-Klingnau trägt im Infopavillon sein «Kühlturmturnier» aus, Kinder basteln einen Tag lang mit Meccano, und Spitex-Mitarbeiterinnen staunen beim dreistündigen Rundgang durchs Werk, wo sie dann auch diese lustigen weissen Chutteli und Hüübli überstreifen dürfen. Und nicht wenige Leibstädter feiern ihren Siebzigsten oder Achtzigsten unmittelbar neben dem Kühlturm auf dem Kraftwerksgelände, dort nämlich steht die Klubhütte des Atoms, die Einheimische für Feste mieten dürfen. Das Verhältnis zwischen Atomkraftwerk und Bevölkerung ist unverkrampft.

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Anlässlich des Girlandenfests stellte sich die Geschäftsleitung des Kraftwerks den Fragen der Bevölkerung. Was brannte dem Publikum besonders unter den Nägeln? Ein Verwaltungsratsmitglied bilanzierte: «Kritische Diskussionen zum Thema Kernkraft gab es keine einzige.»

«Endlich mal bei senkrechten Schweizern»

1981 war das Schweizer Fernsehen mit der Sendung «Heute Abend in…» zu Gast in Böttstein. Böttstein liegt oberhalb des Kernkraftwerks Beznau und ganz in der Nähe von Leibstadt. Vor dem Dorf war ­probegebohrt worden, um die Eignung für ein Endlager für radioaktive Abfälle abzuklären. Die Böttsteiner äusserten sich im Fernsehen derart positiv über ein Endlager, dass selbst der Gemeinderat, der die positive Haltung teilte, irritiert war. In den Tagen nach der Sendung trafen im Gemeindehaus mehrere Reaktionen begeisterter Fernsehzuschauer ein. Ein Schriftsteller bot eine Gratislesung, ein Ehepaar sandte 100 Franken und schrieb: «Endlich war man am Fernsehschirm einmal bei senkrechten Schweizern zu Gast.»

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Otti Vögele, gewiss auch ein senkrechter Schweizer, würde heute gegen ein Atomkraftwerk stimmen. Die Reaktor­katastrophe in Japan habe ihm vor Augen geführt: «Diese gewaltigen Kräfte der Natur, die sind nicht beherrschbar.» Aber noch etwas anderes bereitet ihm Sorgen. Am westlichen Dorfeingang haben sie vor kurzem einen «Bikerpark» errichtet, einen 350 Meter langen Parcours mit Startgatter, Sprüngen, Steilwandkurven und Wellen, samt Wasser- und Stromleitungen im Boden. Er habe Lina, die Bäuerin, die das Land verpachtet, gemahnt: «Du, pass auf, am Schluss bleibt das noch an dir hängen. Wer räumt das alles auf, wenn der Sport einmal nicht mehr Mode ist?» Und dabei hat der Otti vielleicht auch ein bisschen ans Atom gedacht.