Manche nennen ihn den «Eisbären», für andere ist er der «Eismann». Der Brite Lewis Gordon Pugh, im bürgerlichen Leben Rechtsanwalt, hat sich mit Schwimmen im Eiswasser einen Namen gemacht und in der ungewöhnlichen Disziplin etliche Weltrekorde erzielt: 2005 legte er einen Kilometer im Nordpolarmeerzurück, im gleichen Jahr eine Meile im zwei Grad kalten Wasser der Antarktis. Und alle Rekorde hat er 2007 übertroffen: Durch eine eisfreie Rinne schwamm er zum Nordpol – ausgerüstet wie immer mit Badehose, Kappe und Schwimmbrille. Mehr als 18 Minuten hielt er im minus 1,9 Grad kalten Wasser durch – die Hände habe er nachher vier Monate lang nicht mehr gespürt.

Was treibt den 39-Jährigen zu Aktionen, die uns Normalsterblichen schon beim Zuschauen das Blut in den Adern gefrieren lassen? Früher erklärte sich der Extremsportler so: «Mein Vater las mir die Heldentaten von Captain Cook vor. Bald wurde mir klar, dass auch ich Aussergewöhnliches leisten möchte.» Jetzt aber ist eine Mission hinzugekommen: die Aufklärung über den Klimawandel. Pro Jahr hält Pugh rund 120 Vorträge in aller Welt. Wortgewandt erzählt er von seinen Heldentaten und ruft mit einfachen Schlagworten auf, die Welt vor dem Klimakollaps zu retten.

So simpel seine Botschaft ist, so effektiv vermittelt er sie. Unzählige hohe Politiker haben Pugh schon empfangen und angehört. BeobachterNatur hat ihn am Climate Forum 2009 in Thun getroffen.

BeobachterNatur: Als Schwimmer erzielten Sie einige Weltrekorde, jetzt scheint Ihnen der Einsatz für die Natur viel wichtiger zu sein als der Sport. Wie kam es dazu?
Lewis Gordon Pugh: Ich sehe mich heute tatsächlich vor allem als Umweltschützer. Das Schwimmen ist für mich nur noch ein Weg, meine Botschaft in die Welt zu tragen. Auf den Klimawandel aufmerksam wurde ich vor fünf Jahren. Damals schwamm ich in schönen und verletzlichen Naturgebieten rund um denErdball und sah die Zeichen der Klimaerwärmung. Man musste nicht Wissenschaftler sein, um die Probleme zu realisieren. Ein Schlüsselerlebnis war die Reise auf die antarktische Deception Island. Ich schwamm in einem Vulkansee, der durch eine schmale Öffnung mit dem Meer verbunden ist. Als ich die alte Walfangstation sah und die vielen Walskelette, die noch immer umherliegen, war ich geschockt. Ich dachte: So dürfen wir mit der Natur nicht länger umgehen.

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BeobachterNatur: Sehr viele Abenteurer beginnen ja eines Tages, sich für die Natur einzusetzen…
Gordon Pugh: Ich selber habe mich nie als Abenteurer beschrieben. Abenteurer haben normalerweise sehr viel Geld und sehr viel Zeit, doch ich habe keines von beidem (lacht). Aber wenn man unversehrte Naturregionen besucht oder erforscht, ist man einfach beeindruckt – und dann will man die Erde eben auch schützen. Übrigens muss man gar nicht weit suchen, um zu sehen, wie schön die Natur ist. Kürzlich schwamm ich im Thuner-see in Richtung Eiger und erlebte den Sonnenaufgang. Es war der Wahnsinn!

BeobachterNatur: Sie sagen, Sie könnten Ihre Körpertemperatur als einziger Mensch um 1,4 Grad Celsius erhöhen, bevor Sie ins kalte Wasser springen. Wie machen Sie das?
Gordon Pugh: Wenn ich das Eiswasser sehe, gerate ich in eine Art Fieber. Es hat wohl etwas mit der extremen Angst vor der Kälte zu tun. Es ist aber auch eine Art Reflex, weil ich schon so oft im kalten Wasser trainiert habe. Wenn ich dann ins Wasser springe, fliesst alles Blut sofort in die lebenserhaltenden Organe. Man kann solche Dinge auch mental steuern, indem man die Gedanken kontrolliert. Bei mir war das ein langer Prozess; ich arbeitete jahrelang auf diesen einen Traum hin.

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BeobachterNatur: Die Anrainerstaaten der Arktis streiten bereits um Ölfelder, die wegen der Klimaerwärmung wohl bald zugänglich werden.
Gordon Pugh: Dass jetzt Russland, die USA und Kanada um die Ressourcen am Nordpol kämpfen, ist für mich der Horror – obwohl das schon lange voraussehbar war. Wenn man in dieser fragilen Welt das Öl auszubeuten beginnt, führt das unweigerlich zu Katastrophen, und es wird sehr vieles zerstört. Und wissen Sie was? Wenn diese Ressourcen irgendwann ausgebeutet sind, geht man einfach in die Antarktis und macht dort weiter. Ich bin deshalb der Ansicht, dass das ganze Gebiet um den Nordpol zum «Park des Friedens» erklärt werden sollte.

BeobachterNatur: Was sagen Sie Leuten, die nicht an den Klimawandel glauben?
Gordon Pugh: Das sind nur noch sehr wenige. Diese Leute sind wohl einfach zu wenig informiert. Viel mehr frustrieren mich jene Leute, die sich des Problems bewusst sind, aber trotzdem nichts dagegen tun – und Staatsführer, die nicht führen, sondern nur den anderen nachfolgen.

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BeobachterNatur: Man könnte Ihnen vorwerfen, es sei nicht gerade glaubwürdig, über Klimawandel zu sprechen und dann Tausende Kilometer per Schiff und Helikopter an den Nordpol zu reisen, um dort schwimmen zu gehen.
Gordon Pugh: 2007 war erdgeschichtlich ein wichtiger Moment: Man konnte das erste Mal an den Nordpol schwimmen, weil fast alles Eis geschmolzen war. Diese Tragödie wollte ich der Welt bewusst machen, und das war nur an diesem Ort möglich. Dazu brauchte ich eben diese sechs kleinen Boote, die mich begleiteten. Ausserdem fuhr der Eisbrecher, der uns in das Gebiet brachte, nicht nur für uns – das war ein Touristenschiff mit 150 Passagieren an Bord. Bei dieser Expedition sehe ich daher gar kein Problem. Die vielen Flugreisen für meine Vorträge sind aber tatsächlich etwas, womit ich mich beschäftigen muss. Doch um eine Nachricht in die Welt zu tragen, muss man zu den Leuten reisen.

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BeobachterNatur: Was haben Sie als Nächstes vor?
Gordon Pugh: Eigentlich habe ich Bill Clinton versprochen, es noch nicht zu verraten (lacht). Ich werde in den Himalaja gehen, zu den Gletschern rund um den Mount Everest, um dort auf die Klimaerwärmung hinzuweisen. Die Gletscher sind als Trinkwasserspeicher für sehr viele Menschen in Indien, China und Bangladesh lebenswichtig. Ich werde im Herzen des Problems schwimmen, in einem Schmelzwassersee. Das Projekt findet voraussichtlich im April 2010 statt.