Wenn irgendwo auf der Welt Wirbelstürme wüten, Wälder brennen oder Landstriche überflutet werden, läuten auch beim Sitz der Swiss Re am Zürcher Mythenquai die Alarmglocken. Für den nach der Munich Re zweitgrössten Rückversicherer der Welt sind Naturkatastrophen ein zentraler Teil des Geschäfts – denn bei den Rückversicherern decken andere Versicherungen ihre Risiken ab.

Die Kosten von Grosskatastrophen sind immens. Allein das Erdbeben in Chile vom vergangenen Februar und die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko bürdeten der Swiss Re Kosten in Höhe von 830 Millionen Franken auf, wie das Unternehmen mitteilte. Wie teuer sie die Jahrhundertflut in Pakistan zu stehen kommen wird, können die Versicherer noch nicht beziffern. Die Schäden in Entwicklungsländern sind oft vergleichsweise niedrig, die versicherten Werte und die Versicherungsdichte geringer. Beim Erdbeben in Haiti zum Beispiel bestand fast kein Versicherungsschutz; mit 150 Millionen Franken blieben die versicherten Schäden eher klein. Ganz anders die Opferbilanz: Mit 223'000 Toten war das Beben in Haiti eines der verheerendsten überhaupt. Bei «Katrina» verhält es sich genau umgekehrt: Der Hurrikan, der 2005 über New Orleans fegte, ging als teuerste Katastrophe der letzten 40 Jahre in die Geschichte ein, forderte aber verhältnismässig wenige Menschenleben.

Millionen für die Klimaforschung

Zunehmend geraten die Folgen des Klimawandels in den Fokus der Versicherer. «Die klimatischen Veränderungen samt ihren sozioökonomischen Auswirkungen gehören zu den grössten Risiken des Jahrhunderts», sagt der Swiss-Re-Klimaverantwortliche Andreas Spiegel. Der Wandel betreffe alle Bereiche und verschlechtere die Lebensbedingungen der wachsenden Weltbevölkerung: Nahrungsmittel und Trinkwasser würden knapp.

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Ein einzelnes Wetterereignis gilt zwar noch nicht als Beleg für den Klimawandel. Die Summe der Extremereignisse der letzten 30 Jahre jedoch lässt die Versicherer darauf schliessen, dass die «globale Erwärmung eine relevante Rolle als Auslöser der zunehmenden Extremereignisse spielt», heisst es bei der deutschen Munich Re.

Wie stark die Schadenswahrscheinlichkeiten steigen, ist fürs Versicherungsgeschäft zentral. Die Entwicklung wirkt sich auf die Berechnung der Risiken aus: Je schlechter die Aussichten, desto höher die Prämien. Es erstaunt nicht, dass die Branche seit Jahren Millionen in die Klimaforschung investiert. «Die Versicherungen sind der Wirtschaftszweig, der sich am intensivsten mit den Folgen des Klimawandels auseinandergesetzt hat», sagt Urs Neu von Proclim, dem Klimaforum der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz.

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Die Swiss Re macht sich nicht nur für die Klimaforschung stark, die sie mit namhaften Beträgen unterstützt; sie betreibt auch, als eine der wenigen Versicherungen weltweit, selber Forschung. «Die meisten anderen Versicherer kaufen sich dieses Know-how extern ein», sagt Reto Knutti vom Zürcher ETH-Institut für Atmosphäre und Klima. Grundlagenforschung betreibt die Swiss Re aber keine, sie konzentriert sich auf ganz bestimmte, für sie relevante Fragen. «Auf diesen Gebieten leistet die Swiss Re ausgezeichnete Arbeit», sagt der ETH-Klimaforscher.

Am Swiss-Re-Hauptsitz in Zürich ist rund ein Dutzend Mitarbeiter mit Fragen zum Klima beschäftigt, alles Naturwissenschaftler. Bei ihren Risikoanalysen setzen sie auf die enge Zusammenarbeit mit Forschern der ETH, anderer Schweizer Universitäten, mit Meteo Schweiz sowie international renommierten Klimaexperten.

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Vermehrt Hochwasser in Europa

Die Klimaszenarien, die die Swiss Re für die nächsten Jahrzehnte skizziert, sehen düster aus: Sie geht von einem globalen Anstieg des Meeresspiegels von 0,37 Metern aus – was dem Szenario A2 des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) entspricht. Europa macht hier keine Ausnahme: Nordeuropa muss laut einer Studie, die die Swiss Re kürzlich mit der Universität Bern durchgeführt hat, immer häufiger mit Flutkatastrophen und Winterstürmen rechnen. Bis 2085 werden die Schäden von Winterstürmen in Nordeuropa bis zu 68 Prozent zunehmen, so die Forscher. Höchstwasserstände, wie sie bisher statistisch gesehen alle 1000 Jahre vorgekommen sind, werden in den Niederlanden alle 15 Jahre auftreten, in Deutschland alle 13 und in Dänemark alle fünf Jahre.

Die Klimaszenarien schlagen sich auch in den prognostizierten Schadensstatistiken nieder. Für die nächsten Jahrzehnte rechnet die Swiss Re mit einer weiteren massiven Zunahme: Je nach Land könne die Summe bis um das Neunfache ansteigen. Für die Nordseeküste etwa wird mit einer Vervierfachung der Schadenssumme auf 3,6 Milliarden Franken gerechnet.

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In einer Swiss-Re-Fallstudie zu den weltweit besonders gefährdeten Regionen rangieren der Golf von Mexiko und Florida an vorderster Stelle – klassische Wirbelsturmgebiete. «Trifft man dort keine Massnahmen zur Anpassung, werden die ökonomischen Schäden bis zum Jahr 2030 stark steigen», prognostiziert Andreas Spiegel. Vom Klimawandel ebenfalls stark betroffen sind die Länder Südostasiens: Sie werden künftig wohl noch häufiger von Taifunen heimgesucht.

Risikogebiete sind dichter besiedelt

Dass die wetterbedingten Schäden markant zunehmen, ist aber nicht nur der globalen Erwärmung zuzuschreiben. Eine noch grössere Rolle spielt die Verletzlichkeit der modernen Gesellschaft. Die Weltbevölkerung wächst, und die Menschen leben zunehmend in Risikogebieten. Zudem sind die Sachwerte höher als früher – alles Faktoren, die die Schadenssummen ansteigen lassen. Die Folgen machen sich unterschiedlich bemerkbar. Während es sich in den Industrienationen – wie beim Hurrikan «Katrina» – vor allem um höhere Sachvermögen dreht, verlieren die Bauern und Fischer in den Entwicklungsländern womöglich alles, wenn die Fluten ihre Lebensgrundlage zerstören.

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Ohne aufwendige Schutzmassnahmen wird es in Zukunft nicht gehen. «Die Menschen müssen sich anpassen und sich auf extreme Situationen in der Zukunft einstellen», sagt Andreas Spiegel. Wenn es um die Anpassung ans Klima geht, ist der Schweizer Rückversicherer führend: Die Strategien für verschiedene Länder, die die Swiss Re zusammen mit den Strategieberatern von McKinsey formuliert hat, gelten als beispielhaft. Erste Massnahmen beginnen langsam zu greifen. In Florida setzt man neuerdings auf einen strengeren Baustandard, und in ärmeren Ländern wie Bangladesch auf verbesserte Frühwarnsysteme.

Es sei aber unmöglich, die Weltbevölkerung, rund sieben Milliarden Menschen, gegen sämtliche Naturkatastrophen zu versichern, sagt Spiegel. «Deshalb werden wir um das Grundproblem, die Reduktion der Emissionen, nicht herumkommen.»

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Die zehn teuersten Katastrophen seit 1970

Neun der zehn weltweit grössten Versicherungsfälle von 1970 bis 2009 betrafen die USA. Fast alle hatten Hurrikane als ­Ursache. Nicht aufgeführt: die Anschläge vom 11. September 2001 – sie stehen mit der Summe von 22 '276 Millionen Dollar auf Platz 3. An 13. Stelle liegt Sturm «Lothar», der 1999 auch über die Schweiz zog.

  • 71'163 Mio. Dollar: Hurrikan «Katrina» zerstörte 2005 grosse Teile von New Orleans.

  • 24'479 Mio. Dollar: Hurrikan «Andrew» zog 1992 über Florida.

  • 20'276 Mio. Dollar: Das Northridge-Erdbeben traf 1994 den Grossraum Los Angeles.

  • 19'940 Mio. Dollar: Hurrikan «Ike» brachte 2008 der Kari­bik und dem Süden der USA Zerstörung.

  • 14'642 Mio. Dollar: Hurrikan «Ivan» traf 2004 die Karibik, den Süden und die Ostküste der USA.

  • 13'807 Mio. Dollar: Im Hurrikanjahr 2005 brachte «Wilma» Mittelamerika und den USA Verwüstung.

  • 11'089 Mio. Dollar: «Rita» war 2005 einer der stärksten Hurrikane im Golf von Mexiko.

  • 9148 Mio. Dollar: Hurrikan «Charley» zog 2004 von Florida aus über die Ostküste der USA.

  • 8899 Mio. Dollar: Der Taifun «Mireille» verwüstete 1991 die japanische Hauptstadt Tokio.

  • 7916 Mio. Dollar: Hurrikan «Hugo» richtete 1989 in der Karibik und den USA riesige Schäden an.

Quelle: Swiss Re