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NorwegenSchroffe Schönheit

Lofoten Norwegen
Seit je wird Kabeljau auf den Lofoten an Holzgerüsten aufgehängt und getrocknet. Bild: Gerry Nitsch

Polarlichtspektakel, Hundeschlittenplausch und eine Fahrt mit den Schiffen der Hurtigruten: Der Norden Norwegens ist auch im Winter ein echter Geheimtipp.

von Julia Hoferaktualisiert am 2017 M09 01

Winter in Norwegen. Eine wahrlich dunkle Zeit, könnte man meinen. Unweigerlich denkt man an düstere Gemüter. Doch bei unserer Ankunft in Tromsø blinzeln wir in einen helldiesigen Tag: Es liegt zentimeterdick Eis auf den Strassen, und die Berge, die den Ort umschliessen, sind schneebedeckt. Aber dunkel? Keineswegs. In der kleinen Stadt 344 Kilometer nördlich des Polarkreises geht die Sonne an diesem Tag im März um 6.24 Uhr auf und um 17.25 Uhr unter, fast wie zu Hause. Auf den Strassen stossen Mütter Kinder und Einkäufe in Schlitten herum, Jugendliche sitzen in Cafés und essen Kuchen, Männer stehen vor den Auslagen der Outdoorgeschäfte. Okay, die nördlichste Universitätsstadt der Welt wirkt mit ihren zwei- und dreistöckigen Häuschen beinahe wie ein Dorf. Aber die Bewohner scheinen zufrieden zu sein.

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Leserreise Beobachter

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Rund 70'000 Einwohner zählt das kleine Hafenstädtchen, von dem aus die berühmten Polarforscher Roald Amundsen und Fridtjof Nansen fast zu jeder ihrer Polarexpeditionen aufgebrochen sind. Und die Bevölkerung nimmt stetig zu. Daran sind die wilde Natur ringsum – raue Berge und schroffe Fjorde – und die ureigenen Jahreszeiten von Tromsø nicht unschuldig: Von November bis Januar schafft es die Sonne nicht über den Horizont, von Mai bis Juli wird es nie dunkel. Und wie wenn das allein nicht schon aussergewöhnlich genug wäre, gibt es auch noch magische Lichter, die am Himmel tanzen.

So mancher kommt hierher, weil er einmal im Leben Polarlichter sehen möchte. Uns geht es nicht anders. Um unsere Chancen noch zu erhöhen, machen wir uns auf ins etwas ausserhalb und direkt am Fjord gelegene Meistervik. Denn je dunkler der Himmel, desto eher sieht man die zauberhaften Lichterscheinungen, die 100'000-mal schwächer leuchten als der Vollmond.

Atemberaubende Küstenlandschaft

Während der kurvenreichen Autofahrt entlang der Küste stockt uns der Atem. Mal staunen wir über den weiss überzuckerten Birkenwald, dann über den majestätischen Fjord oder die vereinzelten, bunten Holzhäuschen, die mit ihren beleuchteten Fenstern allesamt aussehen, als würden gleich ein paar Gäste zum Abendessen eintrudeln. Wir fahren über eine Stunde – und begegnen exakt einem Auto. Und einem Schneepflug.

«Das Polarlicht macht uns klein. Und das tut uns allen gut.»
 

Rob Stammes, Polarlichtforscher

Am späten Abend stapfen wir hinter dem Malangen Resort auf einen kleinen Hügel. Der Schnee liegt kniehoch, die Stiefel sind warm gefüttert. Der Mond scheint hell, und der Schnee reflektiert noch das kleinste Restlicht. Eine Stirnlampe erweckt die unter der Schneelast ächzenden Tannen am Wegrand zu märchenhaftem Leben. In einer urigen Hütte brät unser Guide über dem offenen Feuer Pfannkuchen für uns. Weil der Himmel heute bedeckt ist, will er uns nicht allzu viel Hoffnung auf Nordlichter machen. Doch das Wetter an der Küste kann rasch umschlagen. Wir gehen immer wieder raus und prüfen den Himmel.

Und tatsächlich! Auf einmal zieht ein grünes, feines Licht über den Himmel! Wie ein Derwisch wirbelt es nach allen Seiten – innen violett, aussen grün –, um dann als dünner Faden zu verblassen.

Manche Menschen hören das Nordlicht 

Zahlreiche Legenden ranken sich um die Lichterscheinung. Die Salteaus-Indianer aus Ostkanada sahen im Naturphänomen tanzende Geister. Die Finnen einen Fuchsschweif. Und die Sami, die seit Urzeiten auch im Norden von Norwegen zu Hause sind, erzählten ihren Kindern, ihr Finger faule ab, wenn sie damit auf das Licht zeigten. So wollten sie die Kleinen daran hindern, in den gefährlich kalten Nordlichtnächten hinauszugehen.

«Im Sommer sind sie fauler. Das hat aber nichts mit den langen Tagen zu tun.»


Jirka, Hundeschlittenführer

Später wird uns Rob Stammes in seinem Polarlichtzentrum in Laukvik vom Sonnenwind erzählen, dessen elektrisch geladene Teilchen in der Erdatmosphäre auf Sauerstoff- und Stickstoffatome treffen und so die Aurora borealis, wie sie wissenschaftlich heisst, entstehen lassen. Der Holländer ist vor Jahren in diese menschenleere Gegend gezogen, seither hat er unzählige Geräte erfunden, mit denen er das Polarlicht erforscht und voraussagt. 

Warum können manche Menschen Nordlichter hören? Warum erscheinen sie meistens in drei Wellen, wobei die mitternächtliche die stärkste ist? Unbeantwortete Fragen. Doch wenn man dem 64-Jährigen zuhört, wie er seine Gäste mit Humor und Schalk in seinen Bann zu ziehen vermag, wird eines klar: Ein Mensch braucht nicht viel mehr als eine Leidenschaft, um gut zu altern. 

«Es schlägt aus!», unterbricht ein Zuhörer Robs Vortrag und zeigt auf eine Kurve, die die elektrische Stromstärke im Boden hinter Robs Haus misst. Wir eilen hinaus. Und wieder tanzt Aurora für uns. Diesmal in kräftigem Grün und langen, wabernden Schwaden. 

Schroffe Schönheit: Eindrücke von der Reise

Nordlicht
Melangen Resort.
Hurtigrutenschiff.
Tromsø.
Nordlicht
Melangen Resort.
Hurtigrutenschiff.
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70'000 Leute leben in Tromsø. Trotzdem wirkt die nördlichste Universitätsstadt der Welt wie ein Dorf.
Gerry Nitsch

Im Hundeschlitten durch die Wildnis

Ziemlich energiegeladen wartet am nächsten Morgen in Meistervik ein Rudel sibirischer Schlittenhunde auf uns. Als Jrka, 36, die Hunde vor die Schlitten spannt, beginnen sie aus Vorfreude so laut zu bellen, dass man sein eigenes Wort kaum noch versteht. Jeder will mit, jeder will ziehen! Wir sind von so viel Freude, Wedeln, Zittern umgeben, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Zu zweit übernehmen wir einen Schlitten, der Mutigere steuert zuerst, der andere setzt sich hinein. Und löst den Schneeanker. Bald ist nur noch das Gleiten der Kufen und Hecheln der Tiere zu hören. Wir lassen den Blick über die märchenhaft verschneiten Wälder schweifen und nehmen diese unglaubliche Ruhe in uns auf. Es ist nicht einfach nur still, es ist eine Ruhe, die man tief in sich einsinken fühlt. 

Ob die Hunde auf die besonderen Lichtverhältnisse hier oben reagieren, frage ich, als wir später mit Jrka ums Feuer sitzen. «Im Sommer sind sie fauler», sagt er. «Aber das hat nichts mit den langen Tagen zu tun, sondern mit der Wärme.» Sie reagieren nicht auf das Licht, fügt er lächelnd hinzu, «da sind sie anders als die Menschen».

«Ich freue mich immer auf den Winter. Dann ist es ‹koselig›.»
 

Sissel, Chefréceptionistin Hurtigruten

Die Menschen? Wahrscheinlich meint Jrka, der aus der tschechischen Republik stammt, Ausländer wie ihn selbst. Denn Sissel, unsere norwegische Chefréceptionistin auf dem Hurtigrutenschiff, hat nichts gegen die kurzen Tage des Winters. Im Gegenteil: «Ich freue mich immer auf den Winter», sagt die 45-Jährige gutgelaunt. «Wir zünden in und um unsere Häuser viele Lichter an und sitzen zusammen.» Das sei «koselig», gemütlich. Die Norweger würden sich viel draussen bewegen, Skifahren und Eisfischen. Von trüber Stimmung oder gar Winterdepression keine Spur.

Stattdessen erzählt sie uns, wie die Schiffe der Hurtigruten – norwegisch für schnelle Route – die wirtschaftliche Entwicklung der Küstenregion Norwegens vorantrieben. Die Küstenorte im Norden des Landes lebten vom Fischfang, aber es fehlte ihnen ein Transportweg, der den Fisch nach Bergen brachte. Um 1900 existierten drei Postschifflinien, ab 1936 verband dann eine einzige Kirkenes ganz im Norden mit der Handelshauptstadt im Süden. Auch wenn die Hurtigruten heute in erster Linie komfortable Kreuzfahrtschiffe sind, haben sie den Charme des alten Postschiffs behalten. Sie werden von den Einheimischen als öffentliches Verkehrsmittel genutzt und transportieren Güter von einem Hafen in den nächsten.

Die Krönung der Szenerie

An Bord wird es nie langweilig. Stundenlang betrachten wir die ins Meer abfallenden Berge, die wie ein endloses Band an uns vorbeiziehen. Lichte Birkenwälder und dunkle Tannen ergänzen das Bild, das sich uns bietet – als ob hier der liebe Gott persönlich gesessen und schraffiert hätte. 

Die Krönung der Szenerie aber ist das Zwielicht während der Abendstunden, das wegen des flachen Sonnenstands hier länger dauert als anderswo. Es gehört zu Norwegen wie die Farben des Sonnenauf- oder -untergangs, die den Himmel im November und Januar, wenn die Sonne nur noch unter dem Horizont hervorblinzelt, gleich mehrere Stunden erfüllen. Ab und zu sehen wir an der Küste bunte Häuschen. Wir fragen uns, wie sich das Leben in dieser Einsamkeit wohl anfühlt. Bestimmt besser als jenes der armen Schlucker, die sich im 19. Jahrhundert in Svolvær während der Kabeljau-Saison als Fischer verdingten. 

Im Auftrag des mächtigen Kaufmanns Lars Todal Walnum Berg fuhren sie aufs Meer hinaus und holten die riesigen Netze mit der Kraft ihrer blossen Arme ein. Abends hängten sie den Tagesfang draussen zum Trocknen auf, damit der Fisch konserviert bis nach Südeuropa verschifft werden konnte. 

«Der Fisch macht eben, was er will.»
 

Geir, Fischer

Noch heute hängt der Kabeljau oder Dorsch vor der Küste des Hauptorts der Lofoten. Die Arbeiter kommen neu aus England, wie Liam, 24, der seinem Kollegen gerade zwei zusammengebundene Fische aufs hölzerne Gestell hinaufwirft. «Es macht Spass», sagt er. «Das ist der beste Teil der Arbeit.» Sonst steht er in der Fischfabrik «Berg & Co.», die den Erben von Lars Todal Walnum Berg gehört, und nimmt den Fisch aus.

Aus dem Meer geholt wird dieser vom Fischer Geir, 52, den wir bei Tagesanbruch hinaus aufs Meer begleiten. Das schwarzgrüne Wasser bewegt sich schwer und träge, der kleine Fischerkutter schaukelt bedrohlich auf und ab. «Es wird bald stürmen», sagt Geir, während er mit einer elektrischen Winde das Netz einholt. Alle paar Meter hängt ein dicker Fisch darin. Viel Kabeljau. Die Fische glotzen uns an, bis Geir sie mit einem gezielten Schnitt tötet. Auch wenn das Netz heute nicht mehr von Hand eingeholt werden muss, archaisch geht es hier immer noch zu und her. 

Auf rund 120 Kilo Fisch schätzt Geir seinen Fang. Die letzten drei Tage seien die schlechtesten der Saison gewesen. Doch als er von seinem Rekordfang erzählt, hellt sich sein Gesicht rasch wieder auf. Ganze 2500 Kilo habe er einmal rausgezogen, «da musste ich gleich zweimal mit dem Kutter fahren». Weshalb denn diese grossen Unterschiede? «Der Fisch macht eben, was er will», meint er achselzuckend.

Was ja auch in Ordnung ist. «Das macht uns klein», sagte Polarlichtforscher Rob, als er uns von den vielen Geheimnissen erzählte, die uns die tanzenden Himmelslichter aufgeben, «und das tut uns allen gut.»

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Reto Stauffacher, Online-Redaktor

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