Schon über 1000 Kilometer bin ich in der Schweiz gewandert. Zuerst rundherum, von Basel nach Osten an den Bodensee, dann durchs Rheintal nach Graubünden, weiter ins Tessin, ins Wallis, durch den Jura und zurück nach Basel. ­Danach ging ich von Basel südwärts nach Chiasso. Im Oktober nehme ich den Weg von Konstanz nach Genf unter die Füsse. Diese beiden letzten Routen kreuzen sich in Gösgen, und das ist kein Zufall. Wir ­stehen an einem Scheideweg, und ich bin mit einer Mission unterwegs: Wir müssen wählen, ob wir weiterhin Atomkraft wollen oder ob wir künftig voll auf erneuerbare Energie und Energieeffizienz setzen. Dafür wandere ich auf dem «Sonnenpfad», wie ich meine Tour genannt habe.

Der Wanderstock von Bruno Manser

Ich habe nur das Nötigste dabei: einen Rucksack mit Ersatzwäsche und Proviant und meinen Wanderstock mit einer kleinen Sonnenpfad-Flagge. Den Stock hat mir mein Freund, der Umweltschützer Bruno Manser, geschnitzt, kurz bevor er im Urwald von Borneo verschollen ist.

Unterwegs spreche ich die Leute an, verteile meine Broschüre und erzähle von der ungeheuren Kraft der Sonne und wie wir sie als Energiequelle nutzen sollten. Man stelle sich vor: In einer Stunde sendet die Sonne so viel Energie auf die Erde, wie die Menschheit während eines ganzen Jahres braucht. Das müssen wir doch nutzen, um uns aus der Abhängigkeit von Öl, Gas, Kohle und Atomkraft zu befreien! Meine Vision ist, dass die Schweiz in zehn Jahren ihre Energie zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen bezieht und viel effizienter damit umgeht. Ich weiss, dass es dazu ein Wunder braucht, aber Wunder gibt es immer wieder. Wer hätte etwa 1988 geglaubt, dass ein Jahr später in Berlin die Mauer fällt? Und wie hätte man damals jemanden bezeichnet, der sagte, 1990 werde Nelson Mandela befreit und 1994 zum Staatspräsidenten von Südafrika gewählt? Ich jedenfalls glaube fest daran, dass ein «Energiewunder» möglich ist.

Ein solches braucht es auch. Wir müssen einfach verhindern, dass sich das Klima weiter erwärmt. Natürlich kenne ich die Aussagen der Wissenschaftler, die erklären, das Klima werde sich selbst mit drastischen Massnahmen um mehr als zwei Grad erwärmen, möglicherweise gar um vier Grad. Aber wir dürfen doch deshalb nicht einfach nichts tun! Der Kampf gegen den Klimawandel ist absolut notwendig. Als Arzt weiss ich, was es heisst, wenn in der Medizin etwas absolut notwendig ist: Dann muss man handeln. Wenn jemand eine arterielle Blutung hat, dann gibt es nur eines: sofort das Blut ­stillen. Und mit dem Klimawandel erleben wir zurzeit eine Art planetare arterielle ­Blutung, und deshalb müssen wir diese Entwicklung sofort stoppen. Wir müssen viel mehr tun, damit sich die erneuerbaren Energien durchsetzen. Die Sonnenkollektoren, die ich bisher auf meiner Wanderung gesehen habe, kann ich an zwei ­Händen abzählen. Im Tessin etwa habe ich keine einzige Solaranlage gesehen – und das in der Sonnenstube der Schweiz.

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Doch immer mehr Menschen sind sich der Notwendigkeit eines Wandels bewusst. Jedenfalls erhalte ich sehr viele positive ­Reaktionen auf meine Sonnenpfad-Wanderung. Im Wallis etwa traf ich Claude, ­irgendwo zwischen Martigny und Sitten. Er fuhr auf einem Wanderweg mit seinem Mountainbike an mir vorbei. Plötzlich drehte er um, fuhr zu mir zurück und fragte, was ich da mache und was die Sonnenblume auf meinem T-Shirt bedeute. Da erklärte ich ihm, dass ich für die Sonnenenergie rund um die Schweiz wandere, und er meinte: «Es bräuchte noch mehr Menschen, die sich dafür einsetzen.» Dann nestelte er in der Tasche seines Velotrikots, holte eine zerknüllte Zwanzigernote heraus und sagte: «Da, für ein gutes Nachtessen.»

Der Sonnenpfad ist nicht meine erste derartige Wanderung. 2003 bin ich in fünf­einhalb Monaten von Basel nach Bethlehem marschiert und habe für Solarenergie geworben. 2008 habe ich die USA durchquert, von Los Angeles am Pazifik bis nach Boston am Atlantik. Da war ich sieben­einhalb Monate unterwegs und legte rund 5200 Kilometer zurück.

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Das Wunder vom Hungerbach

Das Echo in den USA war gross, an vielen Orten haben die Medien über den «crazy swiss doctor» berichtet, der da völlig un­typisch zu Fuss unterwegs war. Und ich hatte viele schöne und lustige Begegnun­gen. Einmal, an Ostern 2008, erwachte ich nach einer Regennacht, und der Morgen war wunderschön. Da feierte ich für mich ein kleines Osterfest und ass alle meine Vorräte auf. Irgendwo, so dachte ich, würde ich schon etwas kaufen können. Aber ich fand keinen Laden, der offen hatte. Nach sieben oder acht Stunden Wanderung ­ohne Nahrung sandte ich in meiner Verzweiflung eine Botschaft ans Universum: «Schick mir etwas zu essen und zu trinken!» Kaum hatte ich das getan, kam ich zu einem kleinen Fluss, der «Starvation Creek» heisst, «Hungerbach». Ich schloss daraus, dass dem Universum meine Bitte wohl einfach zu banal war und es mir das mit einem ­Augenzwinkern mitteilte. Kurz darauf aber kam ich bei einer Farm vorbei und fragte den Mann, der dort arbeitete, ob ich ihm ein wenig Brot und Käse abkaufen könne. Der Mann sah mich an und sagte: «You ­have a heavy swiss accent. My wife is from the Canton Aargau» – und zehn Minuten später sass ich an einem wunderbar gedeckten Tisch.

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Es sind solche Erlebnisse, die das Wandern zur puren Freude machen. Nie erlebe ich ein Land so intensiv, wie wenn ich zu Fuss unterwegs bin. Als positiver Neben­effekt ist das Wandern gesund, sowohl für den Planeten Erde als auch für mich. Wenn alle Menschen das Rauchen aufgeben, sich gesund ernähren, nur noch mit Mass trinken und täglich ein bis zwei Stunden in der Natur wandern würden, könnten wir zahlreiche Spitäler schliessen.