Etliche Milliarden Jahre – 13,7 Milliarden, um genau zu sein – musste das Universum darauf warten. Wenigstens in unserer Gegend. Dann trat es endlich auf. Vor rund zwei Millionen Jahren, ein winziger Zeitraum im Vergleich zur Wartezeit, begann sich bei unseren Vorfahren unter dickem Schädel mehr zu bewegen als je zuvor. Über dem alten Gehirn begann sich der Neocortex, ein Teil der Grosshirnrinde, zum gefalteten Soufflé zu wölben. Zwei Spurts soll es gegeben haben, am Schluss war aus dem schon aufrechten Homo erectus der «weise Mensch» Homo sapiens geworden. Mit dem mit Abstand grössten Gehirn unter allen Lebewesen, zumindest bezogen auf die Körpergrösse.

Dicke Schädel Was das menschliche Hirn wachsen liess

Ein so grosses Hirn muss man sich erst mal leisten können. Die rund zwei Prozent des Körpergewichts beanspruchen einen Fünftel der zugeführten Energie. Ermöglichten die Zähmung des Feuers und mit ihr die segensreiche Erfindung des Kochens, die benötigten Kalorien verfügbar zu machen? Oder hatte, wer als Mann ein grösseres Gehirn besass, im Wettbewerb um Frauen Vorteile?

Friedlich dürfte es in der Wiege der Menschheit in Afrika nicht immer zugegangen sein. Nicht umsonst hatte der Homo erectus wohl eine auffallend dicke Schädeldecke und finden sich so viele fossile Exemplare mit Löchern drin. Und das, obwohl es unter dem grösseren Schädel bald diese Stirnlappen gab, die es erlauben, unkonventionell zu handeln und nicht auf jeden Reiz reagieren zu müssen – und wo eigentlich die Moral ihre Heimat hätte.

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Vor 70'000 Jahren Auf Wanderung mit 100 Milliarden Neuronen

Vor rund 100'000 Jahren war der Höhepunkt erreicht. Wahrscheinlich, weil sich der Homo sapiens jetzt durch so etwas wie Sprache verständigen und durch Zuhören lernen konnte. Vor 70'000 Jahren, so zeigen genetische Daten, müssen unsere Vorfahren Richtung Europa und den Rest der Welt aufgebrochen sein. Eine lange Serie von Dramen und Triumphen begann.

Das Gehirn von damals aber war das gleiche, wie wir es heute haben. Ein Superding unter der Schädeldecke. 100 Milliarden Neuronen, jedes davon jeweils mit tausend und mehr Nachbarn vernetzt, arbeiten in Billionen von Verbindungen. Es bewältigt mit seiner besonderen Architektur in wässriger Umgebung chemisch und elektrisch mehrere Aufgaben gleichzeitig, steuert den Körper, ob auf Treppe oder Tennisplatz. Macht daneben laufend Prognosen über die Umwelt, verarbeitet Gesehenes und Gehörtes, assoziiert weit auseinanderliegende Dinge – die Voraussetzung für Intelligenz. Ununterbrochen werden die Speicher aktualisiert, in denen neben Erinnerungen der Wortschatz mehrerer Sprachen, die Namen der Könige von Ur oder aller Spieler der Fussballnationalmannschaft liegen können. Keine Millisekunde lang bleibt dieses Organ gleich. So was gibt es nicht als Hardware.

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David gegen Goliath 25 Watt gegen 21 Sattelschlepper

Wen wunderts, dass heute auch der grösste Supercomputer nicht abbilden kann, was da als «Wetware» unter der Schädeldecke selbst des einfachsten Menschen vor sich hin arbeitet. Dabei sind diese Computer riesige Maschinen. «Roadrunner», der zweitschnellste Superrechner, benötigte 21 Sattelschlepper, um nach Los Alamos in seine Bürohalle zu gelangen. Eine Forschertruppe an der ETH Lausanne beschäftigt im Projekt «Blue Brain» den Superrechner «Blue Gene», um ein nur stecknadelkopfgrosses Element des Gehirns nachzubilden. Diese Superrechner arbeiten im Megawattbereich. Unser Rechner begnügt sich mit 10 bis 25 Watt.

Hält man sich vor Augen – also vors Gehirn –, was da jede und jeder mit sich herumträgt, darf man sich – auch ohne Genie zu sein – von ehrfürchtigem Stolz ergreifen lassen. Eine Schande, wenn man diese wunderbare Errungenschaft darben, junge Exemplare nicht bilden und alte im Leerlauf verkommen lässt. Das Universum, heisst es, habe lange auf das Gehirn gewartet, um endlich sich selbst zu verstehen. Tragen wir Sorge dazu. Mit Herausforderung und Helm.