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ElektrizitätswerkeWillkür beim Solarstrom

Am einen Ort gratis, am andern teuer: Lokale Elektrizitätswerke können völlig eigenmächtig bestimmen, wie hoch die «Nebenkosten» für kleine Solarstromproduzenten sind.

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Berner müsste man sein. In der Hauptstadt könnte sich Edgar Ueberschlag nämlich uneingeschränkt über seine neue Photovoltaikanlage­ ­freuen: 19 Rappen pro Kilowattstunde produzierten Strom erhalten dort Solaranlagenbesitzer von Energie Wasser Bern ganz unkompliziert – ­eine schöne Entschädigung für die hohen Investitionen.

Doch Architekt Ueberschlags 360 Quadratmeter grosse Anlage ist auf einem Scheunendach im schwyzerischen Merlischachen montiert. Ueberschlag hat die Anlage für die Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) angemeldet, mit der er pro Kilowattstunde produzierten Strom sogar 32 Rappen bekäme. Weil die KEV-Warteliste jedoch lang ist, ist er auf den Goodwill des lokalen Elektrizitätswerks Schwyz (EWS) angewiesen, bei dem er seinen Solarstrom ins Netz einspeist. Von diesem erhält er jedoch lediglich 7,6 Rappen pro Kilowattstunde – und dazu jeweils am Monatsende eine saftige Rechnung.

Die Anlage hat eine Leistung von 55 Kilowatt und muss daher von Gesetzes wegen mit einer sogenannten Lastgangmessung ausgerüstet sein. Damit kann das EWS vollautomatisch ablesen, wie viel Strom die ­Solarzellen auf der Scheune gerade produzieren. Dafür verrechnet das EWS dem Kunden stolze 85 Franken pro Monat. Zusätzliche zehn Franken kostet die Übermittlung der Daten ans Werk. «Zusammen mit den Abgaben an die Gemeinde und der Mehrwertsteuer kostet mich das pro Monat 118 Franken», sagt Ueberschlag – im Jahr satte 1416 Franken.

Allein um diese Gebühren und Abgaben zu finanzieren, muss die Anlage 18'000 Kilowattstunden Strom produzieren; das entspricht dem Jahresverbrauch von etwa vier Haushalten. Edgar Ueberschlag rechnet mit einer Jahresproduktion von rund 44'000 Kilowattstunden. «Damit kostet mich die Lastgangmessung 42 Prozent der ganzen Jahresproduktion», klagt er.

EWS-Geschäftsführer Guido Henseler verteidigt den Tarif. Eine Lastgangmessung benötige umfangreiche Systeme und Dienstleistungen: «Die Bereitstellung dieser Systeme und der Betrieb sind kosten­intensiver als bei einer gewöhnlichen Messung. Die Tarife werden vom EWS ständig den aktuellen Aufwendungen angepasst und durch die Elcom überwacht.»

Die Elcom jedoch, die Eidgenössische Elektrizitätskommission, kann bloss Empfehlungen abgeben, wie viel die Messungen kosten sollten. Eine rechtliche Handhabe, um zu hohe Gebühren zu verhindern, hat sie nicht. In einer Mitteilung vom Mai 2011 schrieb die Regulierungsbehörde, Messkosten von 600 Franken pro Jahr hätten sich aufgrund einer internen Abklärung «als nicht auffällig erwiesen». Sprich: 50 Franken im Monat sind ein angemessener Tarif für eine Lastgangmessung.

Trotz dieser Empfehlung herrscht bei den Tarifen weiterhin der totale Wildwuchs. Die AEW Energie AG etwa, ein Unternehmen der Axpo-Gruppe, das weite Teile des Kantons Aargau mit Strom versorgt, verrechnete bis Ende 2011 200 Franken pro Monat. Seit Anfang Jahr kostet die Messung nur noch 50 Franken – «ohne Verpflichtung seitens der Elcom, aber mit Blick auf deren Empfehlungen sowie politische Forderungen», wie Sprecherin Elke Piller betont.

«Total unübersichtlich»

In der Stadt Aarau hingegen, wo die Industriellen Betriebe Aarau zuständig sind, bezahlen Solarstromproduzenten für die gleiche Dienstleistung keinen Rappen. Auch die Kosten für die Installation der Mess­geräte übernehmen die IB Aarau. Einzig wenn ein Besitzer einer Photovoltaikanlage den Strom vom Hausdach an einen anderen Anbieter verkauft, muss er pro Monat 50 Franken bezahlen.

«Die Situation ist total unübersichtlich», stellt auch David Stickelberger von Swissolar fest. Der Fachverband für Sonnenenergie hat im letzten Herbst mit einer Umfrage bei 800 Elektrizitätswerken einen Überblick über die Kosten zu gewinnen versucht, die auf Betreiber von Photovol­taikanlagen zukommen. Das Resultat: Die Lastgangmessung bei Anlagen mit einer Leistung von mehr als 30 Kilowatt kostet je nach Elektrizitätswerk zwischen null und 220 Franken pro Monat. «Zusammen mit den weiteren Gebühren entstehen somit für den Besitzer der Anlage unter Umständen so hohe Kosten, dass die Erträge gleich wieder aufgefressen werden», sagt Stickelberger.

Der Schwyzer Solarstromproduzent Edgar Ueberschlag bezahlt für die Lastgangmessung weiterhin zähneknirschend 95 Franken pro Monat. Er hat jedoch bei der Regulierungsbehörde Elcom eine Beschwerde gegen den seiner Ansicht nach überrissenen Tarif eingereicht – und ist damit nicht allein: «Die Elcom hat in dieser Sache in der letzten Zeit einige Anfragen und Beschwerden erhalten», bestätigt Mediensprecher Dario Ballanti. «Die Fälle sind in Bearbeitung.»

Veröffentlicht am 14. Februar 2012