1. Home
  2. Umwelt
  3. Ökologie
  4. Energie: Oil of Switzerland

EnergieOil of Switzerland

Die Ölpreise steigen und steigen – die multinationalen Ölkonzerne können die Preise diktieren, wie sie wollen. Die Alternative zum teuren schwarzen Gold wächst im Schweizer Wald. Holz: Ein Rohstoff wird neu entdeckt.

von

Es ist eine hübsche Anekdote: Kürzlich sass Josef Jenni in einer Alphütte über dem Emmental, neben ihm ein Vater mit seinem Sohn. Als der Senn frisches Brennholz auf das Feuer legte, sagte der Vater: «Schau, das ist jetzt Oil of Emmental.» Das habe ihn stolz gemacht, sagt Jenni, und natürlich habe niemand gewusst, dass er, der Erfinder der Idee, gleich daneben sitze.

Dabei ist die Idee alles andere als neu. Josef Jenni aus Oberburg, seit 30 Jahren im Bereich alternative Energie tätig, hat nur eines der ältesten Themen der Welt frisch verpackt. «Oil of Emmental» steht für nichts anderes als Heizen mit Holz. Im Frühling 2004 lanciert, will das Projekt die Waldwirtschaft des Tals beleben und einer serbelnden Energiequelle wieder Leben einhauchen: Holz aus der Region, von ansässigen Bauern gefällt, wird von Abnehmern aus der Region verfeuert – als Stückholz oder in Form von Pellets oder Schnitzeln. Dank «Oil of Emmental» sollen künftig jährlich 30 Millionen Franken in der Gegend bleiben. Das Geld fliesst nicht in den Import von Öl und Gas, sondern wird vor der eigenen Haustür umgesetzt.

Bereits nach einem Jahr zeigen sich im Tal erste positive Veränderungen. Die Ofenbauer erleben Hochkonjunktur, und bei Landwirten, die vor dem Haus Werbeplakate für «Oil of Emmental» haben, zieht der Brennholzverkauf an. Holz zu fällen lohne sich wieder für ihn, sagt Michael Egli aus dem Krauchtal. «Der Mehrverkauf ist zwar bescheiden, aber immerhin…»

Bauern tun sich zusammen
Das sind selten gehörte Worte in der Schweiz; denn die Holzwirtschaft befindet sich «in einem maroden Zustand», sagt Oliver Thees, Leiter der Abteilung Management Waldnutzung bei der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf. Die Preise für Bau- und Industrieholz sind in den letzten zehn Jahren um ein Viertel gesunken, neue Grosssägereien im Ausland drücken zusätzlich auf den Absatz, und obwohl der Bund jährlich 234 Millionen in die einheimische Forstwirtschaft steckt, ist die lebensgefährliche Arbeit im Wald bei weitem nicht kostendeckend. Die Zustände werden sogar noch schlechter. Der Bund hat die Subventionen für den Wald um ein Viertel gekürzt; ab 2006 werden fast 60 Millionen fehlen. Entsprechend gefragt sind Ideen wie «Oil of Emmental».

Lässt sich das Konzept auch auf andere Regionen übertragen? Und was braucht es dazu? Thomas Grünenfelder, beim Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) für Holzenergie zuständig, beantwortet die entscheidende Frage klar: «Holz ist in grossen Mengen vorhanden, nicht nur im Emmental.» Es gibt sogar zu viel: In den überalterten Wäldern stehen mehrere Millionen Kubikmeter Holz, die gefällt werden müssen.

Holz allein genügt allerdings nicht. Grünenfelder: «Es braucht auch lokale Initiativen.» Nötig sind Pioniere, die sich selbstlos engagieren. Daran mangelt es allerdings; denn nicht jedes Tal hat einen Josef Jenni. Als dritte Voraussetzung ist zudem eine ähnliche Besitzstruktur wie im Emmental vorteilhaft. Ein dichtes Netz von privaten Waldbesitzern erhöht die Bereitschaft, sich selbst zu organisieren und gemeinsam am selben Strang zu ziehen. In diesem Sinne eignen sich auch das Entlebuch und das Zürcher Oberland für ein Holzenergieprojekt, weil sich hier der Wald zu über 80 Prozent in der Hand von Bauern befindet. Da diese ihren Waldbesitz im Nebenerwerb bewirtschaften, geht es ihnen nicht in erster Linie um eine möglichst rationelle Nutzung.

In anderen Gegenden – der gesamten Nordostschweiz, weiten Teilen des Kantons Luzern, im Berner Oberland und im Neuenburger Jura – gehört immerhin mehr als die Hälfte des Waldes Privaten. Auch hier kann der Funke überspringen.

Holz gibts im Überfluss
Die Zeit ist reif dafür, denn Holz wird immer konkurrenzfähiger. Allein seit Anfang 2005 ist der Preis für Heizöl um 40 Prozent gestiegen – mit der Konsequenz, dass ein holzgeheiztes Einfamilienhaus im kommenden Winter weniger Wärmekosten verursachen wird als eines mit Ölbrenner. Einzig die höheren Investitionskosten für die Holzfeuerung lassen insgesamt immer noch ein – kleines – Ungleichgewicht entstehen: 13,5 Rappen kostet das mit Öl erzeugte Kilowatt Wärme, 14,6 Rappen sind es beim Einsatz von Holzpellets.

Die Botschaft der Holzpromotoren klingt bestechend: Holz ist nach Wasser die zweitwichtigste heimische Energiequelle, sie ist nachhaltig, und sie steht im Überfluss zur Verfügung – der Wald in der Schweiz nimmt pro Sekunde um 1,5 Quadratmeter zu. Allerdings: Nur ein Viertel der gesamten Waldfläche der Schweiz ist in privater Hand; der Rest befindet sich in öffentlichem Besitz. Doch auch hier gibt es zukunftsträchtige Initiativen: Im Januar geht auf dem Areal der Ems-Chemie in Graubünden ein Biomassekraftwerk in Betrieb, das jährlich 45'000 Tonnen Restholz verbrennt. Die Hitze wird in Dampf verwandelt, der in der Fabrik genutzt wird.

Ein noch grösseres Holzkraftwerk ist in der Stadt Basel geplant. Mitte Oktober wird der Grosse Rat über eine Anlage entscheiden, die ab 2008 mit 180'000 Kubikmetern Hackschnitzel jährlich 125'000 Megawattstunden elektrische und thermische Energie liefern soll – genug für rund 5000 Haushalte.

Brennholz bringt mehr als Bauholz
Bei beiden Anlagen ist die Wirtschaftlichkeit zentral, aber nicht allein entscheidend. Markus Berlinger, zuständiger Projektleiter bei der Ems-Chemie: «Wir könnten auch mit Gas oder Öl Dampf erzeugen, aber wir haben uns gefragt: Woher kriegen wir Energie, die sowohl aus der Region stammt wie auch billig ist?» Die Wahl war klar: Dampf aus Holz, erzeugt zu «durchaus konkurrenzfähigen Preisen». Allerdings stellt die Ems-Gruppe dem Werk ihre eigene Infrastruktur wie Bahn- und Strassenanschluss zur Verfügung, was die Kosten drücken hilft.

Auch das Kraftwerk in Basel wird nur kostendeckend wirtschaften, falls das Parlament sich mit 6,5 Millionen Franken beteiligt. Bei einer Rückvergütung von 15 Rappen pro Kilowattstunde Strom und vier Rappen für eine Kilowattstunde Wärme taucht es sonst in die roten Zahlen; zu hoch sind die Investitionen für den Bau. Doch die Chancen für ein Ja stehen gut: Der Regierungsrat hat sich bereits einstimmig hinter das Vorhaben gestellt. Zudem wird der steigende Ölpreis auch hier seine Wirkung nicht verfehlen.

Sowohl in Domat/Ems wie auch in Basel steht gleichermassen ein langfristiges, umweltbewusstes Denken im Vordergrund. Die Anlagen sollen einen grundsätzlichen Wandel in der schweizerischen Forstwirtschaft einläuten: weg von der Holzproduktion für den Bau- und Industrieholzmarkt mit seinen tiefen Preisen, hin zum Brennholz. Dessen Erlöse zeigen – zumindest leicht – nach oben, und dessen Nutzung ist zusätzlich mit einer politischen Aussage verbunden. Thomas Grünenfelder vom Buwal: «Jeder Kubikmeter Holz, der fossile Energieträger ersetzt, reduziert die CO2-Emissionen um rund 0,6 Tonnen.» Hochgerechnet auf die 2,5 Millionen Kubikmeter, die in der Schweiz jedes Jahr in Heizungen verbrennen, bedeutet das eine Reduktion des CO2-Ausstosses um 1,5 Millionen Tonnen oder drei Prozent aller Treibhausgasemissionen.

Die Holzkraftwerke leisten somit einen Beitrag an die Erfüllung des Kioto-Protokolls (die Schweiz will den CO2-Ausstoss bis 2010 um zehn Prozent unter das Niveau von 1990 senken) und garantieren der Waldwirtschaft bis in weite Zukunft einen sicheren Absatz. Peter Schmid, Mitglied des Projektteams des Basler Holzheizkraftwerks und Präsident der IG Holzenergie Nordwestschweiz, ist begeistert und sieht im Energieholz – neudeutsch «Oil of Switzerland» – den «Problemlöser für unsere Forstbetriebe!».

Veröffentlicht am 06. Oktober 2005