Geht es um den Schutz des Klimas, denken wir in erster Linie ans Autofahren, Wohnen oder Fliegen, an Energiesparlampen oder Öko-Autos. Aber nicht an unseren Einkaufszettel. Dabei verursacht unsere Ernährung rund einen Drittel der konsumbedingten Treibhausgasemissionen – noch vor Verkehr und Wohn- und Freizeitverhalten (siehe nachfolgende Infografik).

Dass der Lebensmittelsektor so schlecht abschneidet, hat mit der Produktionsweise in der Landwirtschaft zu tun. Laut der Welternährungsorganisation trägt allein die Nutztierhaltung mehr zur Klimaerwärmung bei als der globale Verkehr. Die Brisanz des Themas ist erkannt, auch in der Schweiz. Derzeit entwirft der Bund eine Klimastrategie – nachdem «die Rolle der Ernährung beim Klimawandel lange Zeit unterschätzt worden ist», wie Paul Filliger vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) sagt.

Konsum: Die CO2-Treiber

Essen, Wohnen und Verkehr belasten das Klima am stärksten (Emissionsanteile in Prozent):

Quelle: Eaternity; Infografik: beobachter/nid

Quelle: Tina Steinauer

Grosses CO2-Einsparpotential

Neue Studien zeigen, dass klimafreundliche Ernährung eine effektive Methode wäre, um die Erderwärmung zu verlangsamen. Die Fachleute des Bafu schätzen das CO2-Reduktionspotential beim Essen auf eine halbe Tonne pro Kopf und Jahr ein – deutlich höher als bei Flugreisen, die lediglich 0,3 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr verursachen. Grund genug zum Handeln, findet Judith Ellens, Studentin der Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich. Nachdem sie im November 2008 mit der Idee einer CO2-reduzierten Ernährung an einem ETH-Workshop den ersten Preis gewonnen hatte, gründete sie «Eaternity» – ein Projekt, das aufzeigen soll, wie man seinen ökologischen Fussabdruck über die Wahl des Menüs verkleinern kann.

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Das Ausmass der Klimaschädlichkeit von Lebensmitteln zu ermitteln ist allerdings kein leichtes Unterfangen. Ökobilanzen basieren auf komplizierten Berechnungen, die alle Schritte – von der Herstellung über den Transport bis zum Verkauf eines Produktes – einbeziehen. Für einzelne Lebensmittel existieren solche Bilanzen bereits; als Entscheidungsgrundlage für umweltbewusste Konsumenten genügen sie jedoch nicht. «Das Ziel wäre, mit einem einheitlichen, leicht verständlichen Klimaetikett für Lebensmittel mehr Transparenz zu schaffen», sagt Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz.

Die EU macht Druck

Der Nationalrat hat 2008 die Einführung eines solchen CO2-Etiketts abgelehnt. In der EU ist Nachhaltigkeit bei der Lebensmittelproduktion hingegen ein Thema: Bis 2011 soll eine Expertenkommission eine Methode zur Berechnung des Klima-Fussabdrucks von Lebensmitteln und Getränken entwickeln. Eine Vorreiterrolle spielt Schweden: Als erstes Land in Europa hat es die Klimakennzeichnung eingeführt. Auf den Haferflocken-Packungen in schwedischen Supermärkten klebt neuerdings der Aufdruck «0,8 Kilogramm Kohlendioxid pro Kilo Haferflocken».

Einen ähnlichen Weg hat Judith Ellens eingeschlagen: Sie hat Menüs kreiert, die das Prädikat «besonders klimafreundlich» verdienen: Im Rahmen einer Aktion an der ETH Zürich konnten Studierende im Physikrestaurant des Hochschulcampus während drei Wochen ein Menü wählen, das gegenüber einem herkömmlichen Fleischgericht 65 Prozent CO2 einspart – so viel, wie ein Laptop während 122 Stunden Laufzeit verursacht.

Rund 370 Personen wählten täglich das «grüne» Gericht – 1,1 Tonnen CO2-Äquivalente sparte die Menü-Aktion insgesamt ein. Das Ergebnis liesse sich sogar steigern: Laut Berechnungen des Forschungsteams um Ellens wären CO2-Einsparungen von fünf Tonnen pro Woche möglich.

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Dass klimafreundliches Essen einem Bedürfnis der Studenten entspricht, zeigt die Auswertung von 570 Fragebogen, wonach die Mehrheit der Befragten (91 Prozent) wünscht, dass ein Eaternity-Menü ein fester Bestandteil des Angebots in Hochschulmensen wird.

Eaternity soll Schule machen

Judith Ellens Projekt wurde soeben mit einer Auszeichnung des Prix Nature, des Schweizer Nachhaltigkeitspreises, bedacht. Der Erfolg hat sie ermutigt, ihre Botschaft über die Hochschullandschaft hinaus in die Gesellschaft zu tragen. «Wir hoffen, dass unsere Idee von möglichst vielen Kantinen, Gastrobetrieben und Restaurants aufgenommen wird», sagt Ellens. Unterstützt wird sie dabei von David Müller, zuständig für Nachhaltigkeit an der ETH: «Es ist eine Bewegung mit Pioniergeist, bei der alle mitmachen können.»

Damit jeder zu Hause nach den Vorschlägen von Eaternity kochen kann, er-arbeiten die Umweltwissenschaftler auch konkrete Rezeptvorschläge, die jeden Monat online gestellt werden. Dabei fällt auf: Die klimaoptimierten Menüs kommen ganz ohne Fleisch aus. Denn die Herstellung tierischer Produkte verursacht bis zu 150-mal mehr Emissionen als die Obst- und Gemüseproduktion und verbraucht mehr Ressourcen. «Auf einer Landfläche, die ein Kilogramm Rindfleisch abwirft, könnten 105 Kilo Tomaten oder 130 Kilo Kartoffeln produziert werden», sagt Ellens.

Im Jahresschnitt verursacht eine ovo-lacto-vegetarische Ernährungsweise (ohne Fleisch, aber mit Milchprodukten) um die Hälfte weniger Klimagase. Gänzlich auf Fleisch zu verzichten, wie es der britische Ökonom Lord Nicholas Herbert Stern in der «Times» forderte, ist jedoch nicht nötig. Wer nicht häufiger als dreimal pro Woche Fleisch esse, spare gegenüber einer durchschnittlichen Ernährungsweise (rund ein Kilo Fleisch pro Woche) bereits 20 Prozent beim Ernährungsfussabdruck ein, sagt Jennifer Zimmermann vom WWF.

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Doch nicht jedes Vegi-Menü weist automatisch eine günstige Klimabilanz auf. Hartkäse oder Rahm zum Beispiel schneidet nicht viel besser ab als Rindfleisch; Butter sogar schlechter:

So viel CO2 versteckt sich in Nahrungsmitteln

Je nach Produkt entstehen bei der Herstellung mehr oder weniger Treibhausgase. Beispiel: Ein Kilo Kartoffeln verursacht vom Anbau bis zum Verzehr 190 Gramm CO2 – über 100-mal weniger als Butter (23'800 Gramm).

  • 1 kg Kartoffeln 190
  • 1 kg Gemüse (in Dose) 510
  • 1 kg Brot 760
  • 1 kg Pasta, Nudeln 900
  • 1 kg Milch 930
  • 1 kg Zucker 1510
  • 1 kg Ei 1920

  • 1 kg Reis 2900
  • 1 kg Poulet 3470
  • 1 kg Olivenöl 5220
  • 1 kg Pommes frites 5670
  • 1 kg Käse 8490
  • 1 kg Rindfleisch 13'300
  • 1 kg Butter 23'800

CO2-Rechner hilft beim Kochen

Für mehr Klarheit sorgt die von Eaternity entwickelte Rechenhilfe. Mit dem CO2-Kalkulator lassen sich nicht nur einzelne Lebensmittel, sondern komplette Menüs auf ihre Klimabelastung prüfen. «Es ist nicht nötig, jeden Bissen auf seine Klimabilanz hin abzuchecken», sagt Judith Ellens. Das Wichtigste sei, pflanzliche statt tierische Lebensmittel zu wählen sowie saisonales Obst und Gemüse aus der Region statt Tiefkühlkost, Konserven oder Gewächshausprodukte.

Wer konsequent zu Biokost greift, handelt besonders verantwortungsvoll: Allein durch den Verbrauch von Lebensmitteln aus ökologischem Anbau können bis zu 30 Prozent der durch die Lebensmittelproduktion verursachten Emissionen eingespart werden. Klimabewusste Konsumentinnen und Konsumenten greifen deshalb im Winter weder zu Kopfsalat noch zu Erdbeeren, sondern zu Lagerobst, Nüsslisalat und winterhartem Gemüse wie Rüben, Randen, Kohl, Schwarzwurzeln und Pastinaken. Entsprechende Gemüsesorten gäbe es genug, sagt Ellens: «Nur kennen wir viele alte Sorten nicht mehr oder haben den Umgang mit ihnen verlernt.»

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So essen Sie klimafreundlich


Einkaufstipps

  • Saisonalität: Lebensmittel aus dem Gewächshaus vermeiden. Frische Produkte wählen; keine Tiefkühlkost verwenden, denn das Herstellen und Aufbewahren von Tiefkühlprodukten verschlingt ebenfalls Energie. Damit Sie stets wissen, welches Gemüse und Obst wann Saison hat, laden Sie unsere Saisontabelle herunter: Saisontabelle (PDF)

  • Regionalität: Produkte aus der Region wählen; auf Lebensmittel verzichten, die lange Transport­wege hinter sich haben, mit dem Flugzeug importiert wurden oder lange gelagert wurden.


Menü- und Kochtipps

  • Pflanzliche statt tierische Lebensmittel: weniger Fleisch, aber auch weniger verarbeitete Milchprodukte wie Butter, Rahm und Käse verwenden.

  • Beim Kochen ist (pflanzliches) Öl besser als (tierische) Butter.

  • Rahm lässt sich zur Hälfte durch Milch oder Joghurt ersetzen.

  • Tomaten aus dem Tetrapak sind besser als frische Tomaten. Grund: Tomaten stammen, ausser im Sommer, aus dem Gewächshaus.

  • Kartoffeln nicht in Form von Pommes frites auftischen. Das Verarbeiten und Lagern von Tiefkühlpommes ist sehr energieintensiv.

  • Reis durch Getreide und Stärke­lieferanten wie Polenta, Hirse, Couscous, Bulgur, Quinoa ersetzen.

  • Frischkäse statt Hartkäse verwenden.

Weitere Infos


Links


www.eaternity.ch (CO2-Rechner für Lebensmittel, CO2-optimierte Rezepte)
www.wwf.ch/essen (Rezepte für saisonale vegetarische Gerichte)


Buchtipp


Karl von Koerber, Ulrike Eberle: «Das Klimakochbuch. Klimafreundlich einkaufen, kochen und geniessen»; Kosmos-Verlag, 2009, 120 Seiten, CHF 24.90
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