Bei der Vorstellung, künftig ein Mehrfaches für Strom bezahlen zu müssen, vergeht manchen die Lust am Atomausstieg. In Deutschland wird bereits kontrovers über «unsoziale Strompreise» debattiert. Mit einer Förderabgabe auf Strom subventionieren deutsche Konsumenten schon heute umweltfreundliche Wind- und Solarenergie. Während die einen dank garantierten Preisen am Strom verdienten, müssten sich andere die Subventionen vom Essen absparen, lautet die Kritik. Befürworter verweisen auf den bescheidenen Betrag: Bei einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr macht die Abgabe für einen Haushalt gerade mal zehn Euro im Monat aus.

In der Schweiz betont Energieministerin Doris Leuthard unermüdlich, die Energiewende sei nicht gratis zu haben. Doch wie viel wird Strom in Zukunft kosten?

Laut einer ETH-Studie vom vergan­genen Herbst werden die Kosten für die Stromproduktion bis 2050 um höchs­tens 30 Prozent steigen. Die Sonne werde dann 20 Prozent des Stroms liefern, und Gaskraftwerke ersetzten einen Teil des Stroms stillgelegter AKWs. Die Produk­tion von Solarstrom werde etwa gleich viel kosten wie die von herkömmlichem Strom heute (sechs bis zehn Rappen pro kWh). Sollten die Kos­ten für den Transport im Netz, ­heute rund zehn Rappen pro kWh, nicht wesentlich steigen, würde eine allfällige Preis­erhöhung sehr moderat ausfallen, so die Studie. «Die Prognose hängt von vielen Annahmen ab, aber wir halten diese Zahlen für realistisch», sagt Hauptautor Kons­tantinos Boulouchos, Professor am ETH-Institut für Energietechnik in Zürich.

Photovoltaik wird billiger

Die Produktionskosten werden sich je nach Technologie unterschiedlich entwickeln. Die Photovoltaik dürfte in den nächs­ten Jahrzehnten einen Boom erleben und billiger werden. Die Kosten für die Produktion einer Kilowattstunde werden von heute 35 Rappen innert 20 oder 30 Jahren auf zehn Rappen sinken. Ähnliches gilt bei der Windkraft und der Geothermie. Die Kos­ten für den Strom aus Wasserkraft hingegen, der in der Schweiz fast 60 Prozent des Bedarfs deckt, bleiben laut der ETH-Studie stabil.

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Wann sich Ökostrom am Markt durchsetzen wird, hängt vom Preis für herkömmlich produzierten Strom ab. Technologischer Fortschritt und sinkende Pro­duktionskos­ten verbilligen den Strom aus den erneuerbaren Quellen der Zukunft. Erhöhte Sicherheitsanforderungen und Endlagerung verteuern anderseits den Atomstrom. Sobald beide Stromarten den gleichen Preis haben, wird die Solarindustrie abheben. Die ETH rechnet eher konservativ und prognostiziert diesen Take-off für 2030. Spätestens dann soll Solarstrom nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch vorteilhaft sein.

Die Experten des Bundesamts für Energie (BFE) berechnen ebenfalls Szenarien und künftige Energiepreise. Derzeit überarbeiten sie ihre Prognosen. Was erwartet werden kann, erschliesst sich aus den Ener­gieperspektiven, die das BFE im Mai 2011 publiziert hat. Die Fachleute gehen beim Szenario «Neue Energiepolitik» von ­einer knappen Verdreifachung des Strompreises von heute rund 17 auf 47 Rappen bis 2050 aus. Die Energie werde also teurer. Dank effizienteren Techniken, Sparbemühungen und Lenkungsabgaben sinkt der Verbrauch pro Einwohner gemäss der BFE-Einschätzung aber um 13 Prozent. Weil zudem die Lenkungsabgaben rückerstattet würden und die Löhne anstiegen, resultiere unter dem Strich ­eine Erhöhung der individuellen Stromrechnung im Bereich von 20 Prozent.

Fraglich ist, ob die Nach­frage wirklich stabilisiert oder gesenkt werden kann. Denn die Verbreitung von Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen zur Beheizung von Gebäuden steigert den Verbrauch. Wächst die Nachfrage zu rasch, sind böse Überraschungen möglich. Wie rasant sich Energiepreise ändern können, zeigt das Auf und Ab des Benzinpreises in den vergangenen Jahren.

Wie man erneuerbare Energien zum Durchbruch verhelfen kann, demonstriert Deutschland mit seiner fortschrittlichen Förderpolitik. Der Staat kassiert von den Stromkunden eine Abgabe von 3,5 Cent pro kWh und deckt damit die höheren Produktionskosten von Ökostrom. Der Anteil an Solarstrom in Deutschland beträgt heute vier Prozent. Das ist gleich viel wie in Spanien, wo erneuerbare Energien mit staatlichen Subventionen ­gestützt werden. Diese laufen wegen der Finanzkrise allerdings Gefahr, gekürzt zu werden (siehe Artikel zum Thema «Spanien: Von Sonne und Wind verwöhnt»).

Solarstromverband verlangt mehr Geld

Die Schweiz kennt die Technologieförderung als kostendeckende Einspeisevergütung (KEV). Die Abgabe ist mit 0,35 Rappen pro kWh Strom aus erneuerbaren Energien deutlich geringer als in Deutschland. Und die Hürden sind hoch; über 10'000 Anlagen können derzeit aus verschiedenen Gründen nicht gebaut werden. Ökoverbände wie Swissolar kritisieren die Förderpolitik und verlangen mehr Gelder für die Photovoltaik.

Solarstrom deckt gerade mal 0,2 Prozent der Schweizer Nachfrage. «Würde der Solarstrom stärker gefördert, könnten wir bereits 2025 ein Fünftel des Bedarfs mit Sonnenenergie decken», sagt Christian Moll von Swissolar. Die KEV müsste dafür um drei Rappen pro kWh angehoben werden. Das würde einen Haushalt mit durchschnittlich zehn Franken pro Monat belas­ten. «Ein vernachläs­sig­barer Betrag», urteilt man bei Swissolar.

Der Strompreis ist nicht nur von den Produktions-, sondern auch von den Netzkosten und vom Stromhandel abhängig. Solar- und Windkraftwerke haben den Nachteil, dass sie bei Bewölkung oder Flaute keinen Strom produzieren. Um Schwankungen auszugleichen, braucht es Speichertechnologien und Netze, die den Strom zur gewünschten Zeit und rasch vom Produktionsort zu den Verbrauchern trans­portieren. Dass das Stromnetz er­neuert und an diese Bedürfnisse angepasst werden muss, ist unbestritten. Wie sich die Kosten für diesen Ausbau auf den künf­tigen Strompreis auswirken werden, ist derzeit nicht abzuschätzen. Dasselbe gilt für die aus dem Stromhandel laufend resultierenden Preisänderungen.

Wie moderne Technologien, veränderte Nachfrage und ausgebaute Netze zusammenspielen, ist nicht präzise voraus­sehbar. Matthias Kurth, Ex-Präsident der Bundesnetzagentur in Deutschland und ausge­wiesener Experte in Sachen erneuerbare Energien, sagt: «Wer die Preise sicher und langfristig prognostizieren könnte, wäre Millionär. Oft wissen die Experten erst im Nachhinein, was sie übersehen haben.»