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FairtradeDie Bananenfrau

Ursula Brunner setzte sich für fairen Handel ein, als es das Wort «Fairtrade» noch gar nicht gab. 1973 ging sie für einen gerechten Bananenpreis auf die Strasse. Heute ist die ehemalige Kantonsrätin, Pfarrersfrau und siebenfache Mutter 83 – und kein bisschen müde.

Kampf für mehr Gerechtigkeit ist Ursula Brunners Lebensmotiv von frühster Kindheit an.
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Als «Bananenfrau» ist sie bekannt ge-worden. Dabei mag Ursula Brunner, 83, die gelben Exoten gar nicht besonders. «Ich esse lieber Äpfel», sagt die Thurgauerin. «Aber wir haben uns an den Bananen festgebissen», sagt sie und lacht. Seit mehr als 35 Jahren kämpft die Frauenfelderin für mehr Gerechtigkeit im Bananengeschäft: «Ich sehe nicht ein, warum Menschen in der Dritten Welt für einen Hungerlohn schuften müssen, nur damit wir billige Bananen haben.»

Sie wirkt zierlich, fast zerbrechlich, wie sie im Café des Hotels Blumenstein an ihrem Tee nippt. Doch die Augen sind wach, die Stimme ist fest – und ihre Haltung leidenschaftlich und kämpferisch wie im Oktober 1973, als sie und ihre Mitstreiterinnen in Frauenfeld auf die Strasse gingen, Bananen verteilten und die Leute fragten: «Haben Sie auch schon darüber nachgedacht, warum Bananen so billig sind?»

Ausgelöst hatte die Initiative der Schweizer Dokumentarfilm «Bananera Libertad». Die ehemalige Pfarrersfrau hatte den sozialkritischen Film über die Armut und Unterdrückung der Menschen in Lateinamerika in ihrem Frauentreff vorgeführt. Das Elend der «Bananeras», der Arbeiterfamilien auf den Bananenplantagen, rüttelte die Frauen auf. Als die Migros wenige Wochen später ein «Bananenwunder» proklamierte und den Kilopreis wegen der starken Dollarabwertung um 15 Rappen senkte, schrieben sie an die Generaldirektion: Das Geld stehe den Plantagenarbeitern zu, nicht den Konsumenten. Der orange Riese aber teilte kühl mit, die Migros sei kein Wohltätigkeitsinstitut. «Das hat uns dazu bewogen, für unsere Sache auf die Strasse zu gehen.» Die Reaktionen der Leute waren gemischt. Es habe auch geheissen, «wir sollten uns besser um Mann und Kinder kümmern».

Fernsehbericht sorgt für Furore

Dennoch: Am Ende der beiden Aktionstage hatten die Frauen 600 Kilo Bananen ver-schenkt und 1500 Unterschriften gesammelt. «Wir waren stolz, weil wir den Mut gehabt hatten, für das, was uns wichtig war, einzustehen», sagt Brunner, «und wir dachten: Jetzt ist das Thema Bananen für uns erledigt.» Doch weit gefehlt: Ein Bericht des Schweizer Fernsehens machte die «Bananenfrauen» auf einen Schlag bekannt. Sie erhielten Briefe und Anfragen von Frauen aus dem ganzen Land, die ähnliche Aktionen durchführen wollten. «Die Sache wirkte ansteckend – wir hatten keine Wahl, wir mussten weitermachen.»

1976, als ihre sieben Kinder ausgeflogen waren, machte sich die 51-Jährige auf nach Zentralamerika. Sie hatte Spanisch gelernt – und schaffte es auf Anhieb an eine Konferenz bananenexportierender Länder. «Ich zitterte vor Angst, ich war ja nur eine Hausfrau, die keiner Regierung angehörte und nicht einmal eine Visitenkarte hatte.» Dass sie beim Präsidenten der Union, dem Wirtschaftsminister Kolumbiens, auf offene Ohren stiess, «war einer der wichtigsten Momente» in ihrem Leben. Brunner war ihrem Ziel, etwas in der Welt zu bewirken, ein Stück näher gekommen.

Friedensbewegt ins Out gestellt

Die Hände in den Schoss zu legen war für die Tochter aus gutem Hause noch nie in Frage gekommen. «Privilegiert sein bedeutet für mich die Verpflichtung, dass man sich für diejenigen einsetzt, die es weniger gut haben.» Im Elternhaus war es selbstverständlich, während des Krieges Menschen aufzunehmen und ganze Familien durchzubringen. Sie wollte Ärztin werden und nach China gehen. Doch dann gab sie das Medizinstudium zugunsten der Verbindung mit einem jungen, charismatischen Theologen auf und entschied sich für die Rolle der Mutter und Pfarrersfrau.

Politisiert wurde Ursula Brunner Ende der 1960er Jahre durch ihre Kinder: «Ohne sie wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.» Nach der Einführung des Frauenstimmrechts im Jahr 1972 kandidierte sie für den Kantonsrat und vertrat – als «bürgerlicher Mensch» – die FDP im Parlament. Abrupt endete diese Karriere zwölf Jahre später, als die Partei die streitbare Frau ausschloss: Sie hatte aus Protest gegen die Wehrschau der Armee in Frauenfeld ein Friedenscamp organisiert und die Bewegung «Frauen für den Frieden» gegründet. Das war zu viel.

Brunner ging andere Wege: Mehr als 20 Jahre lang reiste sie jedes Jahr nach Zentralamerika, besuchte Plantagen, diskutierte mit Arbeitern, Händlern, Gewerkschaftern und Regierungsvertretern, immer das Ziel vor Augen, fair produzierte Bananen lokaler Produzenten nach Europa zu bringen. Die Pläne scheiterten an der Abhängigkeit der kleinen Plantagen, die durch langjährige Verträge an grosse Firmen gebunden waren. Und als sich die «Bananenfrauen» einmal kurz vor dem Ziel angelangt sahen, weil ein Obsthändler bereit war, eine ganze Ernte aus Panama zu übernehmen, zerstörte ein Hurrikan die Plantage und damit alle «Hoffnungen und Träume».

1986 erzielten die Bananenfrauen ihren ersten Erfolg: In einer gesamtschweizerischen Strassenaktion verkauften sie innert eineinhalb Tagen 40 Tonnen Bananen aus Nicaragua. Das bedeutete den Durchbruch: «Plötzlich waren Früchtehändler und Dritte-Welt-Läden bereit, unsere Bananen zu verkaufen.» Mit dem Solidaritätsbeitrag konnten für die 4000 Arbeiter und ihre Familien Latrinen gebaut, eine Kinderkrippe und eine Ambulanz eingerichtet werden. 1988 gründeten die «Bananenfrauen» die Gebana (siehe Kasten). «Unsere beste Zeit», sagt sie, und ihre Augen leuchten.

Das Ende kam überraschend: 1992 trat die Stiftung Max Havelaar auf den Plan, die ebenfalls fair gehandelte Bananen verkaufen wollte. Die «Bananenfrauen» beschlossen aufzuhören. «Im gerechten Handel kann man sich nicht konkurrenzieren», so der knappe Kommentar Brunners.

Zuletzt mit Lob überhäuft

Das Erbe der «Bananenfrauen» indes lebt weiter. Die Werte der Pionierinnen sind salonfähig geworden. Fair produzierte Produkte gehören zum modernen Lebensstil. Selbst die Grossen im Geschäft wie Chiquita, die jahrzehntelang mit einem schlechten Ruf zu kämpfen hatten, setzen heute auf Ökologie und soziale Verantwortung. Doch die «Grande Dame» der Bewegung wird nicht müde zu betonen, dass fairer Handel nichts mit Lifestyle zu tun habe: «Fairer Handel ist kein Luxus, den wir uns hin und wieder leisten, sondern eine politische Notwendigkeit.»

Selbst die Gegenspieler von einst sind von Brunners Engagement beeindruckt. «Diese Frau hat viel bewegt und viel erreicht – für die Arbeiter in den Tropen wie für die Konsumenten zu Hause», sagt Ralph Huggel, Chiquita-Länderchef Schweiz. Monika Weibel, Mediensprecherin des Migros-Genossenschafts-Bundes, doppelt nach: «Die ‹Bananenfrau› hat eine Pionierleistung erbracht.» Auch Migros bekenne «sich heute zu fairem Handel und Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern».

Trotz ihren bald 84 Jahren sieht Ursula Brunner keinen Grund, ihr Engagement zu beenden. Seit die «Bananenfrau» 2003 mit dem Zuger Kulturpreis ausgezeichnet wurde, empfindet sie ihre Aufgabe geradezu als Verpflichtung: «Ich bin nun keine lächerliche Figur mehr, sondern eine ernstzunehmende Preisträgerin. Da muss ich doch einfach weitermachen.» Sagts und lacht ihr tiefes, kräftiges Lachen.

Gebana: Von der Arbeitsgruppe zur Handelsfirma

1988 gründeten die Bananenfrauen die «Arbeitsgemeinschaft gerechter Bana­nenhandel» (Gebana). 1998 entstand die heutige Gebana AG, die sich auf den Grosshandel mit fair produzierten Produkten aus der Dritten Welt spezia-­lisiert hat. 2007 resultierte erstmals ein positiver Jahres­abschluss. Die ideelle Arbeit wird von Terrafair, einem Verein für fairen Handel, unterstützt. Beide Organisationen tragen das Erbe der «Bananenfrauen» weiter.

Buchtipp

Ursula Brunner: Bananenfrauen; Verlag Huber, Frauenfeld 1999, 32 Franken

Veröffentlicht am 22. April 2009