BeobachterNatur: BeobachterNatur: In Ihrer gemeinsamen TV-Sendung servieren Sie Viktor Giacobbo jeweils einen Kaffee. Ist der «fairtrade»?
Mike Müller: Das weiss ich gar nicht.

BeobachterNatur: Sollten Sie aber, schliesslich engagieren Sie sich für die «Fairtrade Breakfast»-Kampagne von Max Havelaar.
Müller: Das stimmt. Aber ich rede eigentlich nicht darüber.

BeobachterNatur: Warum denn nicht?
Müller: Weil ich nicht mehr als ein Statement dazu abgeben möchte. Die Fairtrade-Idee ist schliesslich nicht von mir.

BeobachterNatur: Wir würden aber gerne mehr über Ihren Lebensstil erfahren.
Müller: Privat heisst eben privat.

BeobachterNatur: Uns interessiert, warum Sie sich öffentlich für Fairtrade engagieren – privat aber keinen fair gehandelten Kaffee trinken.
Müller: Fairtrade sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Ich selber trinke keinen Fairtrade-Kaffee, weil ich einfach noch keinen gefunden habe, der meinen qualitativen Vorstellungen entspricht. Aber ich unterstütze das Modell, weil es doch selbstverständlich sein müsste, dass ein Produzent anständig bezahlt wird und dass das Geld nicht auf irgendwelchen Rohstoffbörsen hängen bleibt.

BeobachterNatur: Dabei heisst es doch immer, der Markt reguliere sich selber.
Müller: Das ist das Märchen der Profiteure. Ich finde es ja prinzipiell gut, dass die Schweizer Bauern unterstützt werden. Aber dass sie Zucker anbauen müssen, verstehe ich nicht. Die Afrikaner produzieren den günstiger.

BeobachterNatur: Immerhin wachsen die Zuckerrüben in der Schweiz und sind wegen der kurzen Transportwege ökologischer.
Müller: Das ökologische Argument ist ein Killerargument. Die Leute im Süden müssen doch auch eine Möglichkeit haben, Geld zu verdienen. Das, was jetzt in Europa passiert – auch von grüner Seite –, verhindert, dass diese Leute auch am Markt teilnehmen können. Das ist einfach ganz mieser Protektionismus.

BeobachterNatur: Sie kaufen also ohne Bedenken Ananas und Mangos?
Müller: Aber sicher. Betrachten wir das mal umgekehrt: Wie wäre es, wenn alle Länder aus ökologischen Gründen auf den Import unserer Maschinen und Chemikalien verzichten würden? Dann müssten wir die schweizerische Exportwirtschaft auf null runterfahren – und das noch heute Nachmittag. Also soll mir niemand mit diesen Ananas kommen!

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BeobachterNatur: Von Vorschriften halten Sie sowieso nicht so viel. Sie lassen sich in der Late-Night-Show auch gerne über Regulierungswut aus.
Müller: Die halte ich tatsächlich für ein Problem. Das hat mit einer Allmachtsvorstellung der Politik zu tun. Es gibt auch Bereiche, in denen die Gesellschaft selbst eine Lösung findet, zum Beispiel beim Rauchen.

BeobachterNatur: Das klingt nun sehr liberal. Wählen Sie Grünliberal?
Müller: Ich könnte jetzt das sagen, was alle sagen: «Ich panaschiere, kumuliere, blablabla.» Aber ich möchte gar nichts sagen.

BeobachterNatur: Warum nicht?
Müller: Weil ich Distanz wahren möchte. Ich mache eine Satiresendung – und die möchte ich mit einer möglichst grossen Distanz machen.

BeobachterNatur: Zurück zur Regulierung: Was halten Sie von Gesetzen zum Schutz der Umwelt?
Müller: Da gibt es nur den Weg der Regulierung. Freiwilligkeit ist oft ein moralischer Ansatz, und eine brennende Zigarette ist nicht mit einem brennenden AKW zu vergleichen. Sonst kann man den AKW-Betreibern ja sagen: «Bitte, bitte, seid ein bisschen vorsichtig, uns ist nicht so wohl bei der Sache.» Auch dort, wo man meint, nichts werde reguliert, wird reguliert. Die Atomindustrie hat die bürgerlichen Parteien finanziert, und zwar massiv. Das ist auch eine Form von Regulierung, ein Eingriff ins politische System – weit über Korruption hinaus.

BeobachterNatur: Ein starkes Wort. Mitte März waren Sie zum Thema Atomkraft noch sprachlos.
Müller: Das stimmt nicht. Dass unsere Sendung ausfiel, hatte nichts mit Betroffenheit zu tun. Die Show wird jeweils am Sonntag um 19.30 Uhr aufgezeichnet. Zwischen Aufzeichnung und Sendetermin gab es am 13. März noch mal eine Sonder-sendung der Tagesschau – und wir wären danach gekommen wie die alte Post.

BeobachterNatur: Sie wurden also von der Aktualität überrollt.
Müller: So ist das in Krisensituationen. Man weiss, dass etwas passiert, aber man kennt das Resultat noch nicht.

BeobachterNatur: Gerade in solchen Situationen liegen Tragik und Komik oft nah beieinander.
Müller: Über Opfer kann man keine Satire machen. Witze über AKW-Arbeiter und -Anwohner sind nicht lustig. Und wenn das AKW gerade am Explodieren ist, dann weiss man einfach noch nicht, gegen wen der satirische Angriff zu richten ist. In den Folgesendungen bekam der Atomstrom dann sein Fett schon weg.

BeobachterNatur: Werden Sie bald einen Atomexperten parodieren?
Müller: Wenn es eine Figur gäbe, die sich eignete… Aber mir kommt jetzt keiner in den Sinn. Dieser Horst-Michael Prasser von der ETH Zürich, der ziemlich angefeindet wurde, weil die Atomindustrie seinen Lehrstuhl finanziert, hat eigentlich einen guten Job gemacht. Er war überzeugt, dass so etwas nicht passieren könne – und hat dann zugegeben, dass er seine Meinung überdenken muss. Das ist für einen Atomwissenschaftler erstaunlich.

BeobachterNatur: Aber heute erzählt derselbe Experte, dass die Katastrophe in Fukushima nie passiert wäre, wenn bei den dortigen AKW der neuste Stand der Technik zum Einsatz gekommen wäre.
Müller: Das kann er noch lange erzählen. Die Atomexperten haben ihre Glaubwürdigkeit verloren. Wenn man sagt, dass Mühleberg – das aus der gleichen Generation stammt wie Fukushima – sicher sei wegen dieser Zuganker, die man nachträglich eingebaut hat, dann staune ich. Warum haben die keine Kommunikationsexperten, die ihnen sagen: «Überlegt euch doch mindestens mal eine andere Formulierung.» Aber das ist natürlich eine verwöhnte, hochprotektionierte Industrie, die jahrelang von Traumrenditen gelebt hat – darum kann man da nichts anderes erwarten.

BeobachterNatur: Wie lange ist die Halbwertszeit von Fukushima für die Satire?
Müller: So lange, wie die Medien darüber berichten. Wir arbeiten mit dem, was in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Und da ist der erste Schub vorbei. Das Thema wird aber noch eine Weile bleiben.

BeobachterNatur: Glauben Sie, dass in der Schweiz noch ein neues AKW gebaut wird?
Müller: Nein. Die Frage lautet jetzt bloss: Wie kommt man aus diesem Dreck raus?

BeobachterNatur: Und das möglichst, ohne viel Geld zu verlieren.
Müller: Man wird viel Geld verlieren. Das ist logisch. Und dass man einfach alle Ausländer rausstellt, weil die unseren Strom brauchen, wird sicher keine Lösung sein.

BeobachterNatur: Sie beziehen sich auf die SVP, die Ausländer plötzlich als Umweltsünder entdeckt.
Müller: Die SVP ist einfach die Partei der schlechten Laune. Sie hat es geschafft, Angst zu verbreiten. Christoph Blocher hat ja das Gefühl, nur auf dem Land hätten die Leute eine Ahnung vom Lebenskampf, die Städter seien halt verwöhnt. Das ist eine unglaubliche Arroganz von einem, der am Zürichsee in einer Villa mit eigener Drahtseilbahn wohnt.

BeobachterNatur: Schaut man «Giacobbo/Müller», fällt auf, dass die SVP öfter in die Pfanne gehauen wird als die SP. Eignen sich die Rechten besser für Satire als die Linken?
Müller: Also, wenn die SP zum Beispiel den Kapitalismus überwinden möchte, eignet sie sich ausgezeichnet. Aber wir hören diesen Vorwurf ständig. Die Linken sagen, wir seien zu wenig hart gegenüber den Rechten – und umgekehrt.

BeobachterNatur: Sie können es also beiden Seiten nicht recht machen.
Müller: Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Die besteht darin, eine Unterhaltungssendung zu machen.

BeobachterNatur: Und die SVP hat offenbar mehr Unterhaltungswert.
Müller: Die SVP bestimmt in weiten Teilen die politische Agenda und setzt sich mehr in Szene. Und das liegt nicht nur daran, dass sie am meisten Geld hat. Sie hat immer sehr engagierte Parteipräsidenten und bewirtschaftet die Themen geschickt. Und sie ist populistisch: Die SVP macht Politik für die Reichen und für die «Hässigen».

BeobachterNatur: Ende Mai geht «Giacobbo/Müller» in die Sommerpause. Sie liegen aber nicht auf der faulen Haut, sondern haben ein weiteres Projekt geplant.
Müller: Ab Mitte Mai trete ich im Theater am Neumarkt in Zürich in einem Solo auf. Das Stück basiert auf zahlreichen Interviews mit Schülern, Eltern, Lehrern und anderen Akteuren rund um das Schulhaus Ämtler im Zürcher Kreis 3 – eine Gegend, in der 90 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund haben.

BeobachterNatur: Kommt Ihre Figur, der Albaner Mergim Muzzafer, im Stück auch vor?
Müller: Nein, «Elternabend» ist kein kabarettistisches Stück. Zwischendurch wird sicher mal gelacht, aber es ist kein komischer Abend. Und vor allem ist Mergim eine Kunstfigur – das Stück hingegen basiert auf realen Personen.

BeobachterNatur: Einige Zuschauer glauben vielleicht, Sie seien etwas rassistisch veranlagt, wenn sie Sie als Mergim sehen – schliesslich ist der Typ nicht gerade gut integriert.
Müller: Sie sind politisch eher links eingestellt, nicht wahr?

BeobachterNatur: Im Unterschied zu Ihnen kann ich das offen zugeben.
Müller: Trotzdem: Sie stellen diese Frage aus einer linken Ideologie heraus. Wieso soll ich die Ausländer auslassen? Die meisten meiner Figuren sind Schweizer, von der Konkordanz her müsste ich also mehr Ausländer spielen. Ich habe prinzipiell keine Lust, mich gegen irgendeine Seite abzugrenzen. Ich trage keine Scheuklappen. Abgesehen davon entspricht Mergim nicht unbedingt dem rechten Klischee: Er ist kein Sozialhilfebetrüger und nicht arbeitslos.

BeobachterNatur: Und von rechts gibt es keine Kritik – zum Beispiel, wenn Sie Toni Brunner nachäffen?
Müller: Diese Frage kommt nur von links. Ein Rechter würde nie fragen: «Darf man Toni Brunner nachmachen?» Humor ist immer etwas härter, wenn er einen selber trifft – und die Rechten sind einfach härter im Nehmen.