Die Zahlen sind eindrücklich: 2006 entrichteten Schweizerinnen und Schweizer gerade 828'000 Franken, um den von ihnen verursachten CO2-Ausstoss symbolisch zu kompensieren. 2007 lag der Betrag bereits bei 3,5 Millionen, und 2008 haben die Kompensationszahlungen erneut kräftig zugelegt: Fast sieben Millionen Franken hat Myclimate gemäss neustem Geschäftsbericht im vergangenen Jahr eingenommen – Geld für Projekte, die für ein besseres Klima sorgen sollen.

Es gehört heute zum guten Ton, für die aus ökologischer Sicht bedenklichen Taten einen Obolus an Myclimate zu entrichten – was Kritiker abschätzig einen «Ablasshandel» zur Beruhigung des Gewissens nennen. Die Höhe des Betrags basiert auf einer theoretischen Berechnung der Menge des freigesetzten CO2 und der Kosten für ein Ökoprojekt, mit dem irgendwo auf der Welt die gleiche Menge der das Klima schädigenden Gase wieder eingespart werden kann. Ein Flug Zürich–New York etwa erzeugt 2,6 Tonnen CO2 und «kostet» 96 Franken.

Quelle: Geschäftsbericht Myclimate; Infografik: Beobachter/dr

Quelle: Waqas Usman
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Vom eigenen Erfolg überrollt

Dieselbe Rechnung kann jedermann über sein tägliches Verhalten – den Lebensstil –anstellen. Die Autofahrt von Bern nach Zürich zum Beispiel ist mit einem Franken abzugelten. Auch BeobachterNatur zahlt für jede Ausgabe mehrere tausend Franken ein, um die bei allen Produktionsschritten anfallende CO2-Menge zu kompensieren.

Wer Beiträge an Myclimate entrichtet, hilft der Umwelt allerdings nicht direkt. Denn die Gelder fliessen nicht unmittelbar in Solaranlagen in Afrika, in Biogasanlagen in Lateinamerika oder in Windkraftwerke in Osteuropa, wie manch Zahlender glaubt. Der Aufbau der Kompensationsprojekte ist langwierig und gestaltet sich nicht immer einfach. Dies zeigt der neuste Myclimate-Geschäftsbericht.

Trotz den fast sieben Millionen Franken Einnahmen konnten letztes Jahr erst 2,7 Millionen Franken in konkrete Projekte investiert werden. Doppelt so viel (5,6 Millionen Franken) musste Myclimate auf die hohe Kante legen und dem Klimaschutzfonds zuweisen. Das Geld ist gemäss Angaben von Myclimate «sehr konservativ» in Festanlagen von Postfinance angelegt.

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Weil also bisher ein Teil der Kompensationsgelder noch nicht in Projekte eingeflossen ist, spricht Myclimate korrekt von einem «Kompensationsvolumen». Damit wird ausgedrückt, wie viele Tonnen CO2 für die eingenommenen knapp sieben Millionen Franken eingespart werden könnten: immerhin rund 200'000 Tonnen.

«Die Annahme, dass einbezahltes Geld unmittelbar in Projekte fliesst, ist falsch und wird von uns auch nie so kommuniziert», sagt Myclimate-Sprecherin Kathrin Dellantonio. Die Mittel würden erst dann an die Projekte überwiesen, wenn die Verantwortlichen nachweisen könnten, dass die damit verbundene Emissionsreduktion tatsächlich erzielt würde. «Das ist ein Qualitätsmerkmal für einen seriösen Kompensationsanbieter.»

Aber kann Myclimate das riesige Wachstum fachlich und personell überhaupt bewältigen? Dellantonio zweifelt nicht daran. Sie verweist auf den Mitarbeiterbestand, der von zehn Personen (Anfang 2007) auf 30 (Anfang 2009) ausgebaut worden ist. Kontinuierlich würden neue Projekte evaluiert. «Derzeit haben wir rund 30 Projekte im Portfolio sowie mehr als 50 in der Pipeline.» Ein «erfreuliches» und auch «nötiges Wachstum», findet Dellantonio. Denn das gegenwärtige Kompensationsvolumen von rund 200'000 Tonnen sei «noch immer sehr bescheiden». Zum Vergleich: Allein in der Schweiz gelangen nur schon durch Autofahrten jedes Jahr rund 16 Millionen Tonnen CO2 in die Umwelt.

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