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Polo Hofer«Ich bin dunkelgrün»

Engagiert war Polo Hofer schon früher: Er protestierte gegen den Bau des AKW Kaiseraugst und machte sich über die Autopartei lustig. Heute geniesst der Sänger die Schönheit seiner Heimat am Thunersee und kritisiert die Profitgier seiner Generation.

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Das Café des Pyrénées in Bern ist die Stammkneipe von Polo Hofer. Hier hängen Fotos des Mundartrockers an der Wand, der Jassteppich ist mit «Polo national» beschriftet – und der Kellner weiss bereits, was er auftragen muss, als Hofer am Nachmittag um vier Uhr mit flottem Schritt das Restaurant betritt, sich auf den Stuhl neben die Journalistin wirft und in barschem Ton mit der Frage loslegt: «Um was geits?»

BeobachterNatur: Im Mai hat man Sie an den Bike Days in Solothurn und am Volkslauf Grand Prix Bern gesehen. Dabei dachte ich immer, das Bierhumpenstemmen sei Ihr ­einziger Sport.
Polo Hofer
: Nein, der Rock'n'Roll. Das ist meine Kernkompetenz.

BeobachterNatur: Klar. Aber werden Sie jetzt auf Ihre alten Tage noch sportlich?
Polo Hofer
: Man hat mir ein E-Bike geschenkt. Dafür revanchiere ich mich nun mit ein paar Autogrammstunden.

Der Kellner bringt ein Cüpli.

BeobachterNatur: Wie kommt es, dass ein Rocker plötzlich auf Elektro abfährt?
Polo Hofer: Ich mache das als Rentner. Mit so einem Elektrovelo kommt man viel leichter den Berg hoch.

BeobachterNatur: Und wie reagieren die Leute, wenn der Hofer an ihnen vorbeibraust?
Polo Hofer: Und das mit einer «Zigi i dr Schnurre»... Ja, die staunen.

BeobachterNatur: Würden Sie sich auch für Autowerbung hergeben? Händler würden Ihnen sicher nicht nur ein Auto schenken, sondern auch eine saftige Gage zahlen.
Polo Hofer: Ich habe kein Auto, keinen Töff, keine Jacht und auch keinen Führerausweis – ich bin dunkelgrün.

BeobachterNatur: Viele denken, der einzige grüne Bezug, den Polo Hofer habe, sei seine Liebe zum Gras.
Polo Hofer: Das ist einer. Aber noch lange nicht der einzige. Ich protestierte in den siebziger Jahren in Kaiseraugst gegen das geplante Atomkraftwerk, habe gegen die Auto-Partei getextet und mich für den öffentlichen Verkehr engagiert. 1971 war ich Mitgründer der Härdlütli – einer Partei, die sich für mehr Lebensqualität in der Stadt ­einsetzte. Viele unserer damaligen ­Forderungen, etwa ein artgerechter Bärengraben oder die Freilegung des Stadtbachs, sind inzwischen realisiert.

BeobachterNatur: Mit «Hopp Schwiiz» haben Sie ein Lied ­gegen Umweltverschandelung und Bankgeheimnis gesungen. Die Leute sahen darin aber bloss Patriotismus.
Polo Hofer: Ja, die meinten, es sei eine Fussballhymne. Dabei war das ein Anti-Olympiade-Song.

BeobachterNatur: Statt sich gegen das Missverständnis zu wehren, haben Sie den Text vor der Fussball-WM neu eingespielt – mit einem unkritischen Text. Sind Sie ein Opportunist?
Polo Hofer: Nein, ich war nur zu faul, ein neues Lied zu komponieren.

BeobachterNatur: Das Thema Heimat zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Texte. Insbesondere das Hin- und Hergerissensein zwischen Fernweh und Heimweh. Woher kommt das?
Polo Hofer: In einem gewissen Alter will man einfach weg – insbesondere in Bern. Man träumt von der grossen weiten Welt, will Action und Abenteuer. Und wenn man das dann einmal hatte, denkt man: Es ist eigentlich doch recht gut zu Hause. Auch weil man sich in seiner gewohnten Umgebung einfach besser entfalten kann. Das sieht man irgendwann ein.

BeobachterNatur: Vor vier Jahren sind Sie wieder ins Oberland gezogen. Zurück zu den Wurzeln?
Polo Hofer: Ich habe keine Wurzeln. Schliesslich bin ich kein Baum. Da war einfach das Bedürfnis, am Wasser zu wohnen.

BeobachterNatur: Dann wäre Zürich eine Option gewesen.
Polo Hofer: Nein, das ist nicht die gleiche Umgebung. Der Thunersee mit seinen Bergen ist unglaublich schön. Ich könnte ständig das Wetter über dem Wasser beobachten. Das verändert sich stündlich.

BeobachterNatur: Die Jugend im Oberland hat Sie geprägt.
Polo Hofer: In Interlaken gab es schon damals viele Touristen. Ich bin neben der Bahnlinie aufgewachsen, sah all diese Züge aus Brüssel, Amsterdam und Paris – und fragte mich: Warum kommen die zu uns? Weil es bei uns so schön ist, sagte man mir. Erst da begriff ich, dass das um mich herum nicht selbstverständlich ist.

BeobachterNatur: Legendär wurden Sie als Begründer des Mundartrocks – und als Verfechter des Cannabiskonsums. Nervt es Sie, auf die Rolle des «Kiffers der Nation» reduziert zu werden?
Polo Hofer: Ich bin quasi Volkseigentum. Und darum kann man mit mir eigentlich machen, was man will. Als öffentliche Figur ist man umzingelt von verschiedenen Meinungen.

BeobachterNatur: Sie haben diese Schlagzeilen auch provoziert.
Polo Hofer: Ich finde Cannabis immer noch gut.

BeobachterNatur: Sind Sie eigentlich bekifft auf der Bühne?
Polo Hofer: Nein, nie. Mit einer «Scheibe» hast du keine Kontrolle. Nach dem Konzert, ja. Halt so ein Feierabend-Joint. Ich glaube immer noch, dass die Hanfpflanze völlig falsch eingeschätzt wird. Sie könnte in vielen Gebieten von grossem Nutzen sein – etwa in der Medizin, anstelle von Ritalin. Natürlich hat alles seine Gefahren, aber Alkohol ist die schlimmste Droge.

BeobachterNatur: Und wie steht es mit Kokain?
Polo Hofer: Dem haben wir wahrscheinlich die Bankenkrise zu verdanken. Kokain übersteigert das Selbstbewusstsein. Man hält sich für den Grössten – und macht so radikale Fehleinschätzungen.

BeobachterNatur: Ihre Songs stehen auch in Schulbüchern, da hat man doch auch eine gewisse Verantwortung gegenüber der Jugend.
Polo Hofer: Ich habe die Songs für diese Bücher nicht ausgelesen.

BeobachterNatur: Was antworten Sie, wenn Jugendliche auf Sie zukommen und fragen, wie das mit dem Kiffen sei?
Polo Hofer: Kürzlich wurde ich von der Gewerbeschule Bern engagiert. Ich sollte den Lehrlingen erzählen, warum ich Bücher lese – zur Motivation, weil die Jugendlichen keine Bücher mehr lesen. Am Schluss fragte ich: «Gibt es noch Fragen?» Die erste Frage war natürlich: «Bist du immer noch am Kiffen?» Das ist halt so. Ich sage aber auch nicht: Tut es nicht. Ich sage: Steigt nicht bekifft ins Auto.

Hofer dreht sich um und ruft: «Franz, no eis!» Dieser ruft zurück: «Eis nämer no.» Und bald steht das zweite Cüpli auf dem Tisch.

BeobachterNatur: Und: Kiffen Sie denn noch immer?
Polo Hofer: Ja. Obwohl es mir wieder Ärger bereiten könnte, wenn ich das sage. Ich war schon dreimal vor Gericht – ­wegen Aufforderung zum Drogenkonsum. Ich habe auch Feinde deswegen. Aber wenn ich daran denke, was in der Hooliganszene oder jedes Wochenende hier in der Stadt passiert – da ist viel Alkohol im Spiel. Kiffer sind nicht aggressiv, die schlafen eher ein.

BeobachterNatur: Cannabis macht gleichgültig. Vielleicht ­wäre die Welt heute eine andere, wenn Ihre Generation nicht so oft gekifft hätte.
Polo Hofer: Meine Generation hat den Computer und das Handy erfunden – nicht Ihre. Nein, ich glaube, die Welt ist von selber eine andere geworden.

BeobachterNatur: Aber ihr 68er hattet doch so viele Ideale. Ihr hättet den Lauf der Dinge stärker beeinflussen können, stattdessen haben sich viele die Sorgen weggedampft.
Polo Hofer: Wir waren nicht untätig. Meine Generation hat immerhin das AKW Kaiseraugst verhindert – jetzt ist Ihre dran. Allerdings ist meine Generation auch geldgierig und profitorientiert. Dieses ständige ­Wachstum: Ich glaube einfach nicht, dass es ewig so weitergehen kann. Irgendwann gibt es eine Grenze, dann bricht alles ­zusammen. Aber erzählen Sie das mal einem Wirtschaftsheini.

BeobachterNatur: All das hat man doch schon vor 40 Jahren gesagt. Verändert hat sich wenig.
Polo Hofer: Die Erkenntnis wäre da gewesen. Aber die Gierigen sehen nicht ein, dass sie sich auf die Dauer das eigene Grab schaufeln.

BeobachterNatur: Sie sagten einmal: «In 200 Jahren gibt es die Menschen sowieso nicht mehr.» Meinen Sie das wirklich ernst?
Polo Hofer: Ja, die Menschen werden sich irgendwann mit der Atombombe ausrotten. Auch dass wir Atomstrom produzieren, ohne zu wissen, wo wir den Müll endlagern sollen, ist reiner Wahnsinn.

BeobachterNatur: In jungen Jahren haben Sie den Stimmrechtsentzug für über 70-Jährige gefordert. Gehen Sie in vier Jahren nicht mehr an die Urne?
Polo Hofer: Was kann man mit 70 noch zur Zukunft dieses Landes beitragen? Wenig – ausser seine Kohle in etwas Gescheites stecken. Das Land gehört den Jungen. Eigentlich sollten die die Hauptstimme haben, aber die Alten gehen öfter an die Urne. Ich verstehe das auch: Als Jugendlicher hast du andere Interessen als die Abwasserkanalisation von Hinter-weiss-nicht-wo.

BeobachterNatur: Wie ist es, als Teil der Jugendbewegung alt zu werden?
Polo Hofer: Wie für alle anderen auch: Älter werden ist nichts für Weicheier. Jeder hat früher oder später Gebresten. Da kann man gar nichts dagegen machen.

BeobachterNatur: Soeben haben Sie eine neue CD mit Bob-Dylan-Songs veröffentlicht – unter anderem «Forever Young».
Polo Hofer
: Alles, was «forever» ist, ist nicht wahr – auch die ewige Liebe nicht. Ich habe eine Frau, die Särge verkauft. Also bin ich ­immer mit dem Tod konfrontiert, mit der Entsorgung.

BeobachterNatur: Werden Sie bald abdanken?
Polo Hofer: Ich denke nicht daran. Dafür habe ich noch viel zu viele Pläne und Träume. Wenn etwas jung hält, dann das.

Polo Hofer

Bürgerschreck, Nationalheld, Cannabisbefürworter – und nicht zuletzt «Vater des Mundartrocks»: Polo Hofer hat mit seinen Songs die Nation bewegt. Dass Polo auch ein Gründenker ist, haben viele vor lauter Rock'n'Roll und dichten Rauchschwaden gar nicht mitbekommen. Doch Lieder wie «Dicki Luft», «Dschungelbummel» oder «I dr Zuekunft» zeugen von seiner grünen Seite. Jetzt dreht der 66-Jährige nochmals so richtig auf: Ende Mai hat er eine neue CD mit Bob-Dylan-Songs in Mundartversionen veröffentlicht – eine Hommage an den «Shakespeare der Rockmusik», wie Polo Hofer sagt. www.polohofer.ch

Veröffentlicht am 27. Mai 2011