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Steff la Cheffe«Ich will Bio, also macht Bio!»

Die Bernerin Steff la Cheffe rappt über das Lebensgefühl der Jungen. Sie thematisiert den schwierigen Spagat zwischen Verantwortung und Verlockung – und scheut sich nicht, Widersprüche aufzuzeigen.

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Beobachter: «Mir verletze d Natur. Es chunnt aues mau zrügg, so si d Gsetz vor Natur.» Ihre Textzeilen sind aktueller denn je.
Steff la Cheffe: Ich glaube, sie sind schon seit langem aktuell und werden es auch noch ein Weilchen sein. Und in Anbetracht der Unwetter, Erdbeben und der atomaren Katastrophe in Japan könnte man wirklich das Gefühl haben, dass sich die Natur gerade am Menschen rächt. Aber eigentlich ist einfach der Fall eingetreten, den wir anscheinend als Risiko in Kauf genommen haben für unseren Energiekonsum. 
 

Beobachter: Die heutigen Jugendlichen haben den Ruf, dass sie immer das neuste Handy wollen und die gerade angesagten Sneakers haben müssen. Sie aber machen sich in Ihrem Song «Annabelle» lustig über … 
Steff la Cheffe: ... Bitte nicht «Sie». Das ist so stier! 

Beobachter: Ich hoffe, ich bringe das bei meinem Chef durch. Allgemein gilt die Regel, dass man auch junge Erwachsene im Interview siezt – als Zeichen dafür, dass man sie ernst nimmt. 
Steff la Cheffe: Dann sag ich deinem Chef – von Cheffe zu Chef –, dass ich das so will. 

Beobachter: Also gut. Du machst dich lustig über das Konsumverhalten. Offenbar bist du anders als das Gros deiner Generation. 
Steff la Cheffe: In meiner Familie lag der ganze Markenwahn gar nicht drin: Wir hatten früher nicht viel Cash. Wenn du dir Markenartikel nicht leisten kannst, beginnst du, sie mit anderen Augen zu sehen. Natürlich werden manche dann erst recht scharf darauf. Auf welche Seite du kippst, wird wahrscheinlich von der Erziehung beeinflusst. Meine Mutter hat uns mitgegeben, dass wir Teil eines grösseren Ganzen sind. Die Lebewesen auf diesem Planeten gehören alle zusammen – und darum müssen wir aufeinander aufpassen. Wir können nicht einfach alles verbrauchen und kaputt machen. 

Beobachter: Denken 23-Jährige wirklich so? 
Steff la Cheffe: Wir interessieren uns für Umweltthemen. Aber es gibt einen riesigen Widerspruch zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir tun. Aber da sind wir nicht die Einzigen – auch in Politik und Wirtschaft ist das so. Klar, jeder von uns kann Strom sparen, weniger Wasser brauchen und ein umweltfreundliches Auto fahren. Aber das sind bloss ein paar Sandkörnchen. Den grösseren Einfluss haben Regierungen und Unternehmen. Niemand macht etwas. Da muss man einfach verdrängen – und überhaupt: Es gibt so viele Möglichkeiten, sich abzulenken. 

Beobachter: Wie denn? 
Steff la Cheffe: Das ist nicht schwierig. Aus den Medien prasseln ständig Infos auf uns ein. Es gibt so viel zum Konsumieren. Abartig. Wenn du in einen Supermarkt gehst, hast du die totale Reizüberflutung.

Beobachter: Hat deine Generation resigniert?
Steff la Cheffe: Es ist einfach «too much». Wir haben ja nicht nur Umweltprobleme, sondern auch soziale Schwierigkeiten, die immer krasser werden. Du kannst das nicht lösen. Dann kümmerst du dich halt um dein eigenes Ding und schaust, dass es dir gut geht. 

Beobachter:Sprichst du aus eigener Erfahrung? 
Steff la Cheffe: Ich habe mich eine Zeit lang so sehr mit diesen Dingen beschäftigt, dass es anfing, mich extrem zu stressen. Das kann einen auch depressiv machen – oder aggressiv. Darauf habe ich keine Lust. 

Beobachter: Aus Selbstschutz?
Steff la Cheffe: Genau. Das ist der Mechanismus, der einsetzt. Ausserdem habe ich mir gesagt: «Wenn es dir mies geht, kannst du gar nichts Gutes in dieser Welt bewegen.» 

Beobachter: Und? Was kannst du bewegen? 
Steff la Cheffe: Ich trete auf an Events wie «Menschenstrom gegen Atom» oder im Rahmen von «Zukunft säen, Vielfalt ernten», einer Kampagne gegen die grossen Saatgutfirmen. Vielleicht kann ich damit den einen oder anderen motivieren, sich auch zu engagieren. Im Sinn von: Ah, die macht da auch mit, vielleicht sollte ich mir das mal genauer ansehen. 

Beobachter: Das lässt sich kritisieren … 
Steff la Cheffe: Ja, los! Mach nur! 

Beobachter: Mit solchen Solidaritätsbekundungen erhöhen Musiker vor allem ihren eigenen Bekanntheitsgrad – das extremste Beispiel ist wohl die Spendenaktion «Jeder Rappen zählt», bei der du auch dabei warst. 
Steff la Cheffe: Stimmt. Das ist extreme Selbstinszenierung. Und zwar für alle, die da auftauchen – auch für die Zuschauer, die ein Zwanzigernötchen durch den Schlitz werfen. Was solls? So funktioniert das heute eben. 

Beobachter: Die Auftritte sind das eine, was aber machst du im Alltag? 
Steff la Cheffe: Ich orientiere mich am kategorischen Imperativ [des Philosophen Immanuel Kant, Anm. d. Red.]: Ich handle so, wie ich es auch von anderen erwarten würde. Ich bin aber nicht voll grün. Sonst würde ich nicht in dieser unfairen Baumwolle hiersitzen (zeigt auf ihren Pullover). Aber ich versuche, so viele Biolebensmittel wie möglich zu kaufen. Man sagt zwar, das sei gar nicht immer alles Bio. Aber indem ich Bio kaufe, setze ich im Laden ein Zeichen: Ich will Bio, also macht Bio! 

Beobachter: Verzichtest du auf gewisse Dinge zugunsten der Umwelt?
Steff la Cheffe: Ich habe schon Sachen gemacht, die ökologisch völlig absurd sind. Das ist dann auch ein Thema, wenn du etwa für einen Auftritt nach Johannesburg fliegst – oder nach China. Aber für mich sind das wahnsinnig krasse Chancen. Ich möchte das erleben! Und vor die Wahl gestellt, bin ich auch nicht bereit zurückzustecken. Ja, was Reisen angeht, bin ich nicht konsequent. Ich reise extrem gerne. 

Beobachter: Kompensierst du? 
Steff la Cheffe: Wie bitte? 

Beobachter: Mit CO2-Kompensation, mit der das Treibhausgas, das deine Flüge verursachen, an einer anderen Stelle wieder eingespart wird. 
Steff la Cheffe: Das ist Schwachsinn. 

Beobachter: Warum?
Steff la Cheffe: Weil erstens Menschen, die mehr Mittel haben, sich dann ein gutes Gewissen kaufen können und die anderen nicht, und weil es einem zweitens das Gefühl gibt, dass man unbegrenzt weiter konsumieren und kompensieren kann. Und drittens verhindert man besser einen Schaden präventiv, als dass man ihn anrichtet und dann an anderer Stelle flickt. 

Beobachter: Immerhin bist du Vegetarierin. 
Steff la Cheffe: Seit ich neun bin. Wobei ich früher etwas konsequenter war. Seit etwa fünf Jahren esse ich hin und wieder Fische und Meeresfrüchte. Die Shrimps habe ich aber wieder gestrichen, seit ich weiss, wie die produziert werden. Da setzt man massive Mengen Antibiotika ein, und die Mangrovenwälder werden abgeholzt. Ich sage das den Leuten dann auch: «Nein, ich will keine Shrimps, weil das und das und das.» Oder auch Thunfisch: Wie kannst du ein Tier essen, das kurz vor dem Aussterben ist? Meine Mutter liebt Thunfisch. Ich habe so lange auf sie eingeredet, dass sie keine Lust mehr darauf hat. 

Beobachter: Du machst Rapmusik, du äusserst dich kritisch zu unserem Umgang mit der Natur: Bist du das weibliche Pendant zum Sänger Stress? 
Steff la Cheffe: Stress ist ein guter Geschäftsmann und hat sich für ein paar gute Dinge engagiert, aber es ist schon hart an der Grenze, wie er und Melanie Winiger sich vermarkten. 

Beobachter: Was machst du, wenn die grossen Sponsoren bei dir anklopfen?
Steff la Cheffe: Mit einem starken Partner hast du mehr Möglichkeiten, die Leute zu erreichen. Die Frage ist, ob du das dann noch kannst oder ob du dann schon zu viele Interessenkonflikte hast. So à la: Ich mache jetzt ein angenehmes Lied, das niemandem in die Quere kommt – und steigere weiterhin meine Popularität und mein Salär. Man muss schon aufpassen, dass man seine Ideale unterwegs nicht verliert. 

Beobachter: Würdest du für Migros, Coop und Co. Werbung machen?
Steff la Cheffe: Ich bin ein Coop-Kind, wir haben immer da eingekauft. Daher würde Coop eigentlich passen. Aber ich weiss nicht: In den vergangenen Monaten habe ich zahlreiche Angebote erhalten – auch von Firmen, die kein gutes Image haben. 

Beobachter: Von wem denn so?
Steff la Cheffe: Namen nenne ich keine. Es war unter anderen ein grosser Sportartikelhersteller, der in der Vergangenheit alles andere als sauber war. Ich möchte mir meine Sponsoren selber aussuchen. 

Beobachter: Eine letzte Frage: Was würdest du ändern, wenn du Chef im Bundeshaus wärst? 
Steff la Cheffe: Wo soll man da anfangen? Frauen sollten endlich mal gleich viel verdienen wie Männer! Das ist wirklich überfällig. Und es müsste endlich mal genügend Krippenplätze geben. Und man sollte nach und nach alle AKW abschalten und die Mittel in alternative, umweltfreundliche Technologien investieren.

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Stefanie Peter alias Steff la Cheffe hat Anfang März den Swiss Music Award in der Kategorie «Best Talent National» gewonnen. 2009 erhielt die 23-jährige Rapperin ­sogar zwei M4Music-Auszeichnungen – in den Kategorien «Demo of the Year» und «Urban». Ihre CD «Bittersüessi Pille» war 20 Wochen lang in den Charts. Zudem ist die Bernerin Vizeweltmeisterin im Beatboxen (Mundperkussion). Ihre zuweilen provokativen Texte handeln unter anderem von Konsumwut, Umweltproblemen und den Folgen der Globalisierung.

Veröffentlicht am 04. April 2011