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T. C. Boyle«Ich wäre gern spirituell»

Kaum jemand beschreibt die Natur so leidenschaftlich wie der amerikanische Bestsellerautor T. C. Boyle. Doch seine Weltsicht ist alles andere als hoffnungsvoll.

Thomas Coraghessan Boyle zählt zu den erfolgreichsten US-Schriftstellern der Gegenwart. 1987 wurde er mit dem PEN-Faulk­ner-Literaturpreis ausgezeichnet. An der University of Southern California lehrt er kreatives Schreiben. Boyle ist seit 1974 verheiratet und lebt mit seiner Frau in Montecito, Kalifornien. Das Paar hat drei Kinder
von

BeobachterNatur:Herr Boyle, stimmt es, dass Sie an Ihrem Wohnort in Kalifornien den Müll von der Strasse aufsammeln?
Thomas Coraghessan Boyle: Ich kann nicht anders. Ich muss die ganze Nachbarschaft sauberhalten.

BeobachterNatur: Sie sind geradezu obsessiv, was die Umwelt angeht.
Boyle: Ich liebe Tiere, und ich liebe es, in der Wildnis zu sein. Aber meine primäre ­Obsession ist das Schreiben. Dabei erfahre ich denselben Bewusstseins­zustand, wie wenn ich mich in der Natur aufhalte. Ich werde zum Kind, zerbreche mir nicht mehr den Kopf darüber, dass der Borkenkäfer die Bäume zerstört und die Erde sich erwärmt. Ich streune herum, fühle mich lebendig, grossartig.

BeobachterNatur: Haben Sie keine Angst vor wilden ­Tieren? In den Bergen Kaliforniens gibt es davon ja noch einige.
Boyle: Der Gedanke, dass in diesen Wäldern ­etwas lebt, das gefährlich ist, erregt mich. Ich hatte viele Begegnungen mit Kojoten, Bären, Berglöwen. Es ist toll, dass diese Raubtiere zurückkommen. Wir brauchen sie, um die Wildpopulation in Schach zu halten. Als ich an «Drop City» schrieb, meinem Roman über Aussteiger, war ich den ganzen Sommer über in den Bergen. Eines Tages, als ich in einem abgelegenen Gebiet am Fliegenfischen war, tat ich ­etwas, was man im Territorium der ­Berglöwen nie tun sollte: Ich bückte mich, machte mich klein. Da hörte ich ein Geräusch im Busch hinter mir. Sekunden später war das Tier zum Glück veschwunden. Der Abdruck seiner Pfote füllte sich mit Wasser. Es war wie im Film. Als ich meiner Frau davon erzählte, sagte sie nur: «Hör auf damit, das arme Tier zu belästigen.» Sie hatte natürlich recht.

BeobachterNatur: In der Schweiz haben Bären und Wölfe einen schweren Stand.
Boyle: Weil sie Menschen angreifen könnten? Und wenn schon! Es sind Raubtiere, die nur ihrem Jagdtrieb folgen. Natürlich sind Angriffe auf Menschen bedauerlich. Aber wenn man bedenkt, dass Millionen Menschen sich draussen aufhalten, ­geschieht sehr wenig.

BeobachterNatur:Ihre Geschichte «Das wilde Kind» ­handelt von einem Jungen, der alleine im Wald lebt. Sind Sie ein wilder Junge?
Boyle
: Nein, ich bin ein Produkt der westlichen Zivilisation mit all ihren Annehmlichkeiten. Aber natürlich sehnen wir uns nach einer simpleren Form der Existenz. Wir sind nicht dafür gemacht, intellektuelle Debatten zu führen. Wir sollten uns nackt in der Wildnis herumtreiben, uns von Raupen ernähren. Die beiden Hauptfiguren ­meines Buchs «Ein Freund der Erde» ­leben aus Protest für eine Weile nackt im Wald. ­Ich liebe diese Idee. Aber natürlich funk­tioniert sie in der Realität nicht.

BeobachterNatur: Warum soll es nicht möglich sein, zu ­den Wurzeln zurückzukehren?
Boyle: Ganz einfach: Weil wir die nötigen Ressourcen nicht haben. Die Erde müsste 50-mal grösser sein. Der Mensch ist wie der Berglöwe ein Topjäger. Beide brauchen ein riesiges Gebiet, um ausreichend Beute zu machen. Zwei Fallensteller können nicht im selben Gebiet überleben. Drei Trapper rotten die Tiere innert kürzester Zeit aus. Das geschieht gerade mit den Weltmeeren. Bald sind sie leer­gefischt. Darum sage ich den Leuten: «Investiert nicht in eine Sushi-Bar. Alles, was man dort serviert, wird in ein paar Jahren ausgestorben sein.»

BeobachterNatur: Sie könnten sich selbst versorgen. Sie haben ein grosses Grundstück.
Boyle: Das geht nicht, leider. Bei uns wachsen nicht einmal Zucchini. Zu wenig Sonne. Ausserdem liegt der Quartierladen um die Ecke. Im Ernst: Auf meinem Grundstück steht dichter Wald, den ich für all die Tiere, die dort leben, erhalten möchte. Aber es ist klar: An dem Tag, an dem es ­ im Supermarkt nichts mehr gibt, wird das Wild verschwinden. Am Tag ­danach die Ratten. Und am dritten Tag werden wir einander zu Leibe rücken.

BeobachterNatur: Sie bringen die Leute nicht nur gerne zum Lachen, Sie schockieren auch gern.
Boyle: Das ist doch die Aufgabe guter Literatur, oder? Sie muss uns berühren, aufwühlen, zum Denken anregen. Darum lieben wir Kunst. Literatur sollte wie gute Rockmusik sein: Sie darf einen nicht kaltlassen.

BeobachterNatur: In jungen Jahren waren Sie ein Punk, und mit 63 kleiden Sie sich immer noch wie ein Rockstar.
Boyle: Ich kann nicht anders. Es gab nie einen Grund, mich anzupassen. Ich mache, was ich cool finde. So einfach ist das.

BeobachterNatur: Ihre Prognosen für die Zukunft des ­Planeten sind düster. Haben Sie auch gute Nachrichten zu verkünden?
Boyle: Natürlich. Die gute Nachricht ist, dass die Sonne in drei bis fünf Milliarden ­Jahren zum Roten Riesen wird und alles Leben auf diesem Planeten auslöscht. Wir sind zum Untergang verdammt.

BeobachterNatur: Wenn nicht früher etwas dazwischenkommt.
Boyle: Die Chancen stehen gut, es gibt viele realistische Szenarien. Sicher ist: Etwas wird geschehen. Die Erde erwärmt sich, die Wüstenbildung schreitet voran, die Arten sterben gleich massenweise aus. Und wir wissen, dass Ökosysteme kippen und kollabieren können. Vor 65 Millionen Jahren, als sich aufgrund mangelnder Sonneneinstrahlung kein Plankton mehr bildete, führte das zum Unterbruch der Nahrungskette, zu einem der bisher grössten Massensterben und zum Ende der Dinosaurier. Doch wahrscheinlich werden der Menschheit Seuchen zum Verhängnis werden: blitzschnell mutierende Mikroben, die unser Immunsystem aus­ser Kraft setzen. Dagegen sind wir machtlos.

BeobachterNatur: Sie malen tiefschwarz.
Boyle: Von wegen. Die meisten Ökologen und Wissenschaftler sind diesbezüglich absolut pessimistisch. Ich verstehe echt nicht, warum sich nicht jeder Mensch auf diesem Planeten mit 13 das Leben nimmt. Die einzige plausible Erklärung, die ich habe, ist: Die Jungen wollen Sex.

BeobachterNatur: Es gibt doch auch Positives. Die Umweltbewegung hat weltweit Tritt gefasst.
Boyle: Klar. Wir haben Umweltgesetze, wir be­reiten Wasser auf, wir sparen Energie, wir rezyklieren, all das ist grossartig. Als ich jung war, schmissen wir alles weg, ohne darüber nachzudenken. Der Gedanke des Recyclings war uns völlig fremd.

BeobachterNatur: Mülltrennung lohnt sich also, auch wenn sie nur ein Tropfen auf heissen Stein ist?
Boyle: Niemand soll meine Bücher lesen und meinen, es ergebe alles keinen Sinn. ­Obschon ich meinen Verleger davon überzeugen wollte, am Ende von «Ein Freund der Erde» eine Zyanidpille ein­zuschweis­sen, um das Problem der Überbevölkerung lösen zu helfen (lacht).

BeobachterNatur: Ihr neuster Roman, «Wenn das ­Schlachten vorbei ist», spielt auf der ­südkalifornischen Insel Anacapa, wo vor zehn Jahren ein Konflikt zwischen Biologen und Tierschützern entbrannte. Auf welcher Seite stehen Sie?
Boyle: Auf keiner. Ein politisches Statement in einen Roman zu verpacken ist grundfalsch. Die Leser sollen sich ihre eigene Meinung bilden können. Sie wollen nicht belehrt werden. Ich liefere nie Interpretationen. Wenn ich dies täte, warum sollte man meine Bücher dann noch lesen?

BeobachterNatur: Trotzdem: Auf Anacapa wurden Schafe, Schweine und Ratten zu Tausenden ­getötet. Lässt Sie das kalt?
Boyle: Natürlich nicht. Das Problem ist, dass wir Tiere in Gegenden angesiedelt haben, in denen sie nichts zu suchen haben. Diese invasiven Arten ­verdrängen die heimischen. Auf den kalifornischen Channel ­Islands leben Arten, die es nirgends sonst gibt. Da gilt es abzuwägen, welche Tiere schützenswerter sind: seltene Seevögel oder Schweine.

BeobachterNatur: Eine Frage, die Biologen womöglich ­anders beantworten als Ethiker. Fest steht: Der Mensch zeigt wenig ­Talent, wenn es darum geht, eine neue Ordnung zu schaffen.
Boyle: Das ist wahrscheinlich das zentrale Motiv, um das mein Schreiben kreist. Das Fatale ist, dass man nie genau weiss, welche ­Folgen ein Eingriff in das Gleichgewicht der Natur hat. Auf Borneo versprühte die Welt­gesundheitsorganisation in den sechziger Jahren das Insektizid DDT, um den Moskitos den Garaus zu machen. In der Folge zerfielen die Hüttendächer. Das Gift elininierte auch das Insekt, das zuvor die Raupe in Schach gehalten hatte, die das pflanzliche Baumaterial frass.

BeobachterNatur: Die Wissenschaft könnte uns aber auch ­retten, dank grünen Technologien zum Beispiel.
Boyle: Retten? Das glaube ich nicht. Aber neue Technologien sind ein Schritt in die richtige Richtung. Es gibt viele tolle Erfindungen wie Solarpanels. Das Problem ist nur: Sobald das Benzin 50 Rappen teurer wird, fangen wir an, den Wald abzuholzen und im Naturreservat nach Öl zu bohren. Wir gehen dorthin, wo die Ressourcen sind. Jede Spezies tut das. Bevor ich verhungere, erlege ich das letzte Tier seiner Art, ohne mit der Wimper zu zucken.

BeobachterNatur: Wir unterscheiden uns also nicht von den Tieren, meinen Sie. Was ist denn mit dem freien Willen, mit der Liebe?
Boyle: Nach der Entschlüsselung des Human­genoms deutet alles darauf hin, dass der sogenannte freie Wille eine Art mechanistische Determination ist. Wir sind programmiert, Dinge zu tun. Beispielsweise einer attraktiven Frau nachzuschauen. Die Liebe fühlt sich gut an, klar. Im Grunde geht es dabei aber nur um sexuelle Reproduktion. Das hat Alfred Kinsey, Doktor Sex, über den ich auch ein Buch geschrieben habe, klargemacht.

BeobachterNatur: Für Spiritualität haben Sie nichts übrig, stimmts?
Boyle: Ich wäre gern spirituell. Allein mein ra­tionaler Geist erlaubt es nicht. Es ist möglich, dass es Dinge, Dimensionen gibt, die uns ein sechster oder siebter Sinn erschliessen würde. Nur haben wir diesen Sinn nicht. Wir wissen nicht, warum wir hier sind und wer wir sind. Der einzige Sinn unserer Existenz ist der: uns zu vermehren. Darum geht es im Leben.

Veröffentlicht am 25. Mai 2012