BeobachterNatur: Die Weltbevölkerung wächst und wächst. Müssen wir uns grosse Sorgen machen?
Richard Gerster: Ich bin eher optimistisch gestimmt. Das Wachstum hat sich bereits verlangsamt. Heute weiss man, dass es direkt abhängig ist vom gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfeld. Wenn sich in einem Land die wirtschaftliche Entwicklung verbessert, geht nach einiger Zeit auch das Bevölkerungswachstum zurück. Diesen Effekt sehen wir jetzt zum Glück in vielen Ländern.

BeobachterNatur: Dann ist das Bevölkerungswachstum also «nur» ein ­Symptom anderer Probleme?
Richard Gerster: Richtig. Es ist vor allem die Folge von Armut und ­fehlender Bildung, wobei auch die Selbstbestimmung der Frauen absolut zentral ist. Daher muss man zuerst diese Probleme bekämpfen, will man das Bevölkerungswachstum stoppen. Die grösste Herausforderung dabei ist sicher, dass alle Menschen eine Arbeit finden, damit sie eine Lebensgrundlage haben. Die zentrale Frage ­lautet also: Können wir den vielen Jugendlichen in ­Afrika und Asien genügend Arbeitsplätze anbieten?

BeobachterNatur: Und wie können wir das gewährleisten?
Richard Gerster: Primär braucht es in den Ländern selber einen klaren politischen Willen. Solange dieser nicht vorhanden ist, kann die internationale Gemeinschaft nur beschränkt helfen. Aber es braucht auch ein globales Umfeld mit gerechten Spielregeln und Hilfestellungen, damit die Entwicklungsländer zum Beispiel mehr Güter exportieren und so ihre Wirtschaft ankurbeln können.

BeobachterNatur: Das klingt schön – doch wie sollen sich alle diese ­Menschen in Zukunft ernähren? Immerhin hungert heute noch immer eine Milliarde Menschen.
Richard Gerster: Schon heute ist der Hunger ja kein Problem der fehlenden Produktion mehr. Es gäbe genug, aber die Armen haben kein Geld, um es zu kaufen. Ich bin sicher: Unser Planet könnte auch neun oder gar zehn Milliarden Menschen ernähren. Es sind dazu aber wirtschaftliche und politische Veränderungen nötig.

BeobachterNatur: Könnte denn die landwirtschaftliche Produktion wirklich auf das Doppelte gesteigert werden?
Richard Gerster: Ja, das hat der Weltagrarbericht von 2008 klar aufgezeigt. Es braucht aber signifikante Ertragssteigerungen, vor allem bei den Kleinbauern. Die landwirtschaftliche Forschung müsste sich deswegen viel stärker an den ­Bedürfnissen der Kleinbauern orientieren; da wäre noch sehr viel Potential vorhanden. Allerdings kann die Forschung die Welt nicht retten, wenn die Politik nicht stimmt. Die Bauern müssen auch das Geld haben, um das Saatgut und den Dünger bezahlen zu können. ­Damit sind wir wieder bei der Armutsbekämpfung.

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BeobachterNatur: Was halten Sie von Massnahmen zur Familienplanung, ­um das Bevölkerungswachstum einzudämmen?
Richard Gerster: Familienplanung ist wichtig, doch ohne gleichzeitige Bekämpfung der Armut nützt sie wenig. Zwangs­massnahmen wie in China sind meines Erachtens ­allerdings ethisch inakzeptabel. Sie verstossen gegen grund­legende Menschenrechte, greifen das Selbst­bestimmungsrecht der Menschen an und schaffen neue ­Probleme. Es gibt aber auch wirksame, sanfte Mass­nahmen wie etwa eine Steuerreduktion für Ein- oder Zweikindfamilien.

BeobachterNatur: Ist in Zukunft mit mehr Kriegen zu rechnen?
Richard Gerster: Ja, es wird vermehrt zu Konflikten kommen, weil die Ressourcen wie etwa das Wasser knapper werden. Auch mehr Migration ist zu erwarten, das ist eine ganz gravierende Konfliktquelle. Und die Migrationsströme werden durch die Folgen des Klimawandels noch verstärkt.

BeobachterNatur: Welche Auswirkungen hat das Bevölkerungswachstum auf Natur und Umwelt?
Richard Gerster: In dieser Hinsicht kommt zweifellos eine riesige Heraus­forderung auf uns zu. Der Lebensstil, an den wir uns in den Industrieländern gewöhnt haben und den auch die Entwicklungsländer anstreben, geht langfristig nicht auf. Die Frage lautet also: Wie ändern wir die Produktions- und Konsummuster, damit der Ressourcen­verbrauch nachhaltiger wird? Ich bin sicher, dass man ohne Abstriche nicht ökologischer wirtschaften kann. Die Frage ist nur, wann wir es endlich merken werden.

BeobachterNatur: Was bedeutet das Bevölkerungswachstum für den Westen?
Richard Gerster: Während etwa Europa stagniert, werden Indien und Afrika stark wachsen. Eine Verschiebung der weltpolitischen Gewichte wird die Folge sein, das könnte für uns gravierende Folgen haben. Auch wirtschaftlich wird es zu einer globalen Umverteilung kommen. Denn der Aufstieg der Entwicklungsländer wird verbunden sein mit einem wirtschaftlichen Rückgang bei uns.

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BeobachterNatur: Heisst das, wir werden unseren Wohlstand verlieren?
Richard Gerster: Ja, wir im Westen werden mit weniger auskommen müssen. Ich habe den Eindruck, dass viele bei uns oft vergessen, dass sie im Paradies leben. Das gleiche ­Paradies werden wir in Zukunft nicht mehr haben. Ich bin aber optimistisch, dass weniger konsumintensive ­Lebensformen möglich sind, die uns ein gutes ­Dasein erlauben und gleichzeitig einer viel grösseren Zahl von Menschen offenstehen werden.

Der Ökonom Richard Gerster, 64, befasst sich seit bald 40 Jahren mit Entwicklungs- und Bevölkerungsfragen.

Quelle: private Aufnahme