1. Home
  2. Umwelt
  3. Olympische Winterspiele: Mit Wissenschaft zu Olympia-Gold?

Olympische WinterspieleMit Wissenschaft zu Olympia-Gold?

Sportingenieur Fabian Wolfsperger sagt dem Schweizer Team die Schneeverhältnisse auf den Rennstrecken voraus. Ein Vorteil im Kampf um Olympia-Gold?

Fabian Wolfsperger misst neben der Loipe in Davos die Dichte des Schnees.
von aktualisiert am 02. Februar 2018

«Olympia-Krimi! Dario Cologna gewinnt hauchdünn!»

Fabian Wolfsperger hätte nichts dagegen, im Februar diese Schlagzeile zu lesen. Erst recht gefiele es ihm, wenn dann die Blumen an die Helfer im Hintergrund weitergereicht würden: «Ich hatte Raketen unter den Füssen», könnte Cologna etwa loben, sprich: Die Langlaufskier waren optimal auf die Schneeverhältnisse abgestimmt – was vielleicht die entscheidenden Sekundenbruchteile brachte.

Dabei wachst Wolfsperger weder Beläge, noch schleift er je eine Kante. Er arbeitet mit Computer und Messinstrumenten. Der 37-Jährige beschäftigt sich am Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos mit dem Gleiten auf Pisten. An den bevorstehenden Olympischen Spielen im südkoreanischen Pyeongchang wird er das Schweizer Team 24 Stunden im Voraus darüber informieren, wie der Schnee auf der Strecke am Renntag sein wird. Das gibt den Serviceleuten Inputs für die Wahl und die Präparation der Skier.

Anzeige

Kein Hokuspokus

Wolfspergers Blick in die Zukunft ist kein Hokuspokus, sondern Ergebnis wissenschaftlicher Akribie. Seit fast drei Jahren ist sein Team daran, für das Projekt eine Simulationssoftware mit Daten zu füttern. Fabian Wolfspergers Gespür für den Schnee ist digital.

 

«In Davos waren die Prognosen schwierig, aber dennoch sehr zutreffend.»
 

Fabian Wolfsperger, Schnee-Experte

Davos, Anfang Dezember. Dario Cologna hechelt beim Training fürs Weltcuprennen vorbei, Wolfsperger kauert neben der Loipe und nestelt mit groben Handschuhen an feinen technischen Geräten. Er tut, was er auch vor den Wettkämpfen in Pyeongchang tun wird: die Beschaffenheit des Schnees analysieren – Dichte, Feuchtigkeit und Temperatur. Später speist er diese Infos zusammen mit aktuellen Wetterdaten in den Computer ein. Danach errechnet das Programm eine Schneetemperaturprognose fürs Rennen am folgenden Tag. Mit diesen Fakten, komprimiert auf wenige A4-Seiten, geht Wolfsperger dann zu den Serviceleuten der Schweizer Athleten und bespricht mit ihnen das «exklusive Zusatzwissen». So nennt es der gebürtige Deutsche, der seit acht Jahren am Davoser Institut tätig ist.

Wissen ist gut, Verlässlichkeit alles. Der Langlauf-Weltcup im Landwassertal, exakt zwei Monate vor dem Start zu Olympia 2018, ist für den Sportingenieur ein Testlauf: Treffen die computergesteuerten Modellierungen tatsächlich ins Schwarze? Ähnliche Eins-zu-eins-Übungen gab es zuvor für die Speed-Disziplinen der Alpinen sowie die Ski- und Boardercrosser.

Gegenseitiges Vertrauen ist wichtig

In Davos ist die Aufgabe knifflig: wechselhaftes Wetter, erst kalt, dann Föhn. «Die Prognosen waren schwierig, aber dennoch sehr zutreffend», sagt Wolfsperger hinterher. Test bestanden. Das tut seiner Forscherseele gut, ist aber auch auf einer anderen Ebene zentral: «Nur so schaffen wir bei den Serviceleuten das nötige Vertrauen – dass wir ihnen nicht dreinreden, sondern sie unterstützen.» Auch bei harten Daten entscheiden letztlich weiche Faktoren.

In einem Punkt ist Wolfspergers Olympia-Einsatz vergleichbar mit dem der Sportler, die er schneller machen will: Es braucht immense Vorbereitung, um auf den Punkt bereit zu sein.

Zum ersten Mal in Korea war er im Winter 2015. Eine Woche lang vermass Wolfsperger mit Hilfe von Karten, Topografiemodellen und Satellitenbildern die Wettkampfstrecken. Er ermittelte bei Geländebesichtigungen selbst den Abstand zum Wald samt Details wie der Höhe der Bäume, die während des Rennens Schatten auf die Piste werfen und so die Beschaffenheit des Schnees beeinflussen. 

Ausserdem baute Wolfsperger eine Wetterstation auf, die seither Daten ins System speist. So lernte er den Schnee von Pyeongchang kennen – und wie er sich bei wechselnden meteorologischen Verhältnissen verhält. Im Jahr darauf war der Experte erneut eine Woche vor Ort und wiederholte das Programm.

Unser Schnee-Mann in Pyeongchang

Analyse
Schneemessung.
Prognose
Schneemessung.
Analyse
Schneemessung.
Prognose
1|4
Fabian Wolfsperger misst neben der Loipe in Davos die Dichte des Schnees.
Pascal Mora

Zu Hause in Davos folgte die Detailarbeit. Wolfsperger wird sie bis in die letzten Tage vor dem Ernstfalleinsatz begleiten: die gesammelten Daten fortlaufend validieren – um sicherzustellen, dass die Annahmen zutreffen. Knappe Statusmeldung aus dem SLF-Institut kurz vor der Abreise: «Lasse derzeit Modelle mit Wetterdaten der letzten zwei Jahre laufen (aufgezeichnet, als ich vor Ort war) und schaue, ob die vom Modell berechneten Schneetemperaturen mit den gemessenen übereinstimmen. Bisher keine Überraschungen.»

Schicht für Schicht analysieren

Zusammengeführt wird all das im Schneedeckenmodell «Snowpack», einer Eigenentwicklung des SLF. Es unterteilt eine Schneedecke in feine Schichten und ermöglicht Aussagen zu verschiedenen physikalischen Prozessen: Wie dicht sind die Körner? Wo gefriert der Schnee, wo weicht er auf? Wie fliesst das Schmelzwasser ab? Die wichtigste Frage für die Skisportler: Wie verändert sich die Temperatur der obersten fünf Zentimeter?

In Kombination mit einem 3-D-Modell lässt sich die Entwicklung der Pistenoberfläche für jeden Punkt auf der Strecke berechnen. Das kann sich auf die Vorbereitung eines Wettkampfs auswirken. Zum Beispiel: «Wenn die Serviceleute wissen, dass der Schnee auf den sonnenausgesetzten Passagen eine Stunde nach dem Start schnell aufweicht, werden sich die Langläufer beim 50-Kilometer-Lauf überlegen, ob sie während des Rennens die Skier wechseln sollen», sagt Wolfsperger.

«Die objektiven Daten und Modelle geben den Serviceleuten wichtige Hinweise.»


Christof Baer, Swiss Olympic

In Südkorea wird auch die Geografin Rebecca Mott dabei sein. Die frühere österreichische Skirennfahrerin kümmert sich um die alpinen Disziplinen, Hobby-Schneesportler Wolfsperger um die nordischen. Zusammen sammelten sie schon bei den Spielen von 2014 in Sotschi Erfahrungen mit der Simulierung von Schneedecken. 

Swiss Olympic ist guter Dinge 

Finanziert wird das Projekt erneut von Swiss Olympic. 100'000 Franken investiert die Dachorganisation der Schweizer Sportverbände in dieses technologische Supplement, um die Chancen auf Gold, Silber und Bronze zu verbessern. Ist das nun viel oder wenig Geld für etwas, was nur einer von vielen Faktoren für Sieg oder Niederlage ist? «Natürlich sind die SLF-Prognosen nur ein Teil des Ganzen», sagt Christof Baer, der die Schweizer Delegation im Coaching-Team von Swiss Olympic begleitet. «Aber es geht uns darum, jedes einzelne Puzzleteil so gut wie möglich zu optimieren.» 

Baer ist überzeugt, dass die Athleten vom Transfer der Forschungserkenntnisse profitieren. «Die objektiven Daten und Modelle geben den Serviceleuten wichtige Hinweise. Und oft die Bestätigung für ihr Gefühl, das auf jahrelanger Erfahrung aufbaut.» 

Fabian Wolfsperger, ganz exakter Wissenschaftler, sieht seinen Beitrag ans Gelingen der Mission in erster Linie darin, «zu helfen, Fehler zu vermeiden». Los gehts für ihn am 3. Februar. Die Tage bis zum Start der Wettkämpfe wird er – natürlich – dazu nutzen, um weitere Simulationsmodelle laufen zu lassen. Keine Überraschungen, dabei soll es bleiben.

Der «superspannende Job» hat für ihn nur zwei Stressfaktoren: den langen Flug auf die koreanische Halbinsel und die unsichere politische Lage. Ihn freut, dass es zwischen Nord- und Südkorea zuletzt das gab, was er als Schneeprognostiker am allerwenigsten gebrauchen kann: Tauwetter.

 

Wintersport in Südkorea

  • Olympia 2018: Die 23. Olympischen Winterspiele finden vom 9. bis 25. Februar in der Provinz Pyeongchang in Südkorea statt. Rund 6300 Athletinnen und Athleten messen sich in 15 Sportarten an 102 Wettbewerben.
  • Lage: Pyeongchang liegt 130 Kilometer östlich der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, nur rund 30 Kilometer vom Pazifik entfernt. Die Schneesport-Wettkämpfe finden im Taebaek-Gebirge statt, auf einer mittleren Höhenlage von gut 1000 Metern über Meer. Der Schnee wird praktisch durchwegs technisch produziert. Das Gebiet befindet sich auf dem 38. Breitengrad – wie Sizilien oder die Südtürkei. Der Schnee erwärmt sich deshalb an sonnigen Tagen schneller als in den Alpen.
     
  • Klima: Die Winter sind kurz und kalt (das Januarmittel beträgt minus 8 Grad Celsius). Das Klima wird dominiert durch Kaltluftströme aus Russland. Weil diese sehr trocken sind, gibt es trotz Meeresnähe kaum Niederschläge. Üblicherweise kippt das Wetter Ende Februar, Anfang März: Mit feuchteren Luftströmungen vom Meer her steigen die Temperaturen deutlich an, die Niederschläge nehmen zu – meist ist es Regen. Die Frage, ob der Wetterumbruch noch im Verlauf des Wettkampfmonats eintritt, ist eine grosse Herausforderung bei den Prognosen zur Beschaffenheit der Pisten.

«Lesen Sie, was wir beobachten.»

Dani Benz, Ressortleiter

Lesen Sie, was wir beobachten.

Der Beobachter Newsletter