«Jetzt bleibts lange kalt», sagt Peter Suter und blinzelt in den Himmel. Er zuckt mit den Schultern und geht ins Haus, schiebt oben in der niedrigen Stube ein Blatt Papier über den Tisch. Er setzt sich und blickt aus dem Fenster, die Augen blau und wach, die Haut sonnengegerbt, vielleicht denkt er an die langen Winterwochen, da kein Sonnenstrahl seinen Weg finden wird über die schroffen Bergflanken hinab ins Dorf Ried im Muotatal.

Das Papier trägt den Titel: «Mitteilungen der Innerschwyzer Meteorologen No. 55». Es enthält, so verkündet der Untertitel, die «Prognosen für den Winter 2009/2010», Peter Suters Vorhersagen machen den Auftakt. «Januar: anfangs schön. Im Thal über 10 Grad kalt. Dem Schnee sonnenhalb geht es an den Kragen», heisst es dort etwa. Und weiter: «Februar: bis 10. veränderlich, Regen und Schneefälle. Um Mitte ideales trockenes Wetter für die Fasnächtler.» Die Prognosen ziehen sich bis in den April: «Frühling eher früh, dass das Vieh im April im Thal auf der Weide ist.»

«Heute schauen die den Bucheli am TV»

Peter Suter ist mit seinen 82 Jahren der älteste der sechs Innerschwyzer Meteorologen, die als «Muotathaler Wetterschmöcker» bekannt sind. Er ist der einzige von ihnen, der noch im Muotatal lebt – oder «im Tal», wie die Leute hier sagen, als gebe es auf der Welt kein zweites. Seit gut 60 Jahren gibt er Wetterprognosen ab. Er liegt damit so häufig richtig wie kein anderer Wetterschmöcker, und mindestens seine kurzfristigen lokalen Vorhersagen können gut mithalten mit jenen von Meteo Schweiz. Ohne dass er jemals Luftdruck oder Windgeschwindigkeit messen oder einen Blick auf ein Satellitenbild werfen würde.

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Doch der pensionierte Sandstrahler Suter arbeitet im Grunde nicht weniger wissenschaftlich als professionelle Meteorologen. Unermüdlich streift er durch Wiesen und Wälder, steigt hinauf in die Berge, auch winters, sucht regelmässig genau definierte Plätze auf, versucht so, Gesetzmässigkeiten zu entdecken, die Aufschluss über die Wetterentwicklung geben. «Die Natur macht nichts einfach so aus Spass, alles hat seinen Grund», sagt er, die Worte kommen ernst und leise. «Schliesslich wollen Tiere und Pflanzen die Widrigkeiten des Klimas möglichst schadlos überleben.»

Und so beobachtet Suter die Krümmung der Tannendolden und die Schneeverwehungen, die verraten, woher die Winde kommen. Die Alpenrosen, die, wenn sie im Oktober nicht knospen, auf einen frühen Frühling hindeuten. Er verfolgt das Verhalten der grossen Ameisen, nach deren Start zum Hochzeitsflug meist ein Wetterumschwung folgt, und er lauscht dem Hämmern des Spechts, das sich verändert, wenn Regen ansteht. «Vieles davon ist altes Wissen, das mich meine Eltern gelehrt haben», sagt er. «Meine Mutter konnte jedes noch so kleine Wölkchen richtig deuten.»

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Für Suters Eltern, Bauern wie die meisten im Tal, war das überlebenswichtig: Wer die Zeichen der Natur richtig zu deuten wusste, fuhr reichere Ernte ein. «Damals standen die Bauern zusammen und besprachen ihre Wetterbeobachtungen», so Suter. Anders heute: «Die schauen den Bucheli am Fernsehen und entscheiden dann, ob sie heuen gehen.» Wobei er gegen den Bucheli nichts sagen wolle. «Mit dem kann man reden. Mit dem Kachelmann war das anders. Der glaubte nur an seine Wissenschaft.»
Peter Suter seinerseits hält nichts von Zukunftsprognosen ausserhalb der Meteorologie. Sternkonstellationen, sagt er, misst er keine Bedeutung bei, Horoskopen glaubt er «rein gar nichts». Überhaupt, die Zukunft, kommts im knorrigen Dialekt aus seinem Mund: «Schon gut, kennen wir die Zukunft nicht. Glücklicher wären wir nicht.»

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