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Problemwolf M75Der mit den Jägern tanzt

Anders als dieses Exemplar posiert der Problemwolf M75 nicht für die Kamera. Er ist von der Bildfläche verschwunden. Bild: Oliver Born/Biosphoto

Ein Wolf reisst 55 Schafe und erhält in vier Kantonen das Todesurteil. Selbst der WWF lässt ihn fallen. Doch statt zu sterben, taucht er unter.

von Yves Demuthaktualisiert am 2017 M09 16

Er kam schwarz über die Grenze. Im Kopf hatte er hauptsächlich Bräute. Und um die schweizerischen Gesetze scherte er sich nicht. Der italienisch-französische Jungwolf M75 war drei Monate solo zwischen dem Tessin und dem Rheinfall unterwegs. Er überquerte Autobahnen, sprang über Absperrungen und riss mindestens 55 Schafe. 

Seinen folgenschwersten Auftritt hatte M75 im Februar in Cama GR, als er sieben Schafe tötete und neun weitere so schwer verletzte, dass sie eingeschläfert werden mussten. Das Drama entzweite das Land. Seine Feinde wünschten ihm den Tod. Seine 7703 Fans forderten per Onlinepetition «Wolf M75 muss weiterleben!».

Die betroffenen vier Kantone begegneten dem Problem mit Statistik. Sie gaben das geschützte Tier zum Abschuss frei, sobald M75 innerhalb eines Monats 25 Nutztiere getötet hatte. Die Jagdverordnung ermöglicht das. 

Nicht einmal der WWF protestierte gegen das Todesurteil. Doch die Bürokraten hatten ihren Plan ohne den Wolf gemacht. 60 Tage hätten die Wildhüter Zeit gehabt, den Massenmörder zu erledigen. Sie übernachteten mit geladener Waffe bei potenziellen Opfern und hofften, er tauche auf. Ohne Erfolg. Bis heute fehlt jede Spur von ihm.

Mit «null Respekt» auf Brautschau

Seine Jäger beschreiben M75 als Querschläger, «null Respekt» habe er und ein «ungewöhnliches Verhalten». Er habe sich leider auf eingezäunte Schafe spezialisiert, sagen hingegen Wildtierexperten, die ihn gerne verschont und hier integriert hätten.

Doch der Wolf auf Brautschau machte keine Anstalten, sich den hiesigen Regeln anzupassen. Im Unterschied zu den anderen rund 45 Schweizer Wölfen sprang er mehrfach über elektrisch geladene Zäune und richtete bei den Schafherden jeweils ein Blutbad an. In Trun GR drang er gar über eine 130 Zentimeter hohe Tür in einen Stall ein und riss ein Schaf. Das Wolfschutzkonzept, das Bauern und Wolfsfreunde mit Elektrozäunen und Herdenschutzhunden versöhnen soll, wirkte nicht. 

Inzwischen ist die Abschussbewilligung wieder abgelaufen. Und eine Leiche gibt es noch immer nicht. Ende Juli mutmassten Medien, der Jungwolf liege tot im süddeutschen Schluchsee. Doch auch das erwies sich als falsch.

M75 ist in der Schweiz nun wieder ein geschütztes Tier – solange er nicht zu viele Schafe reisst. In der Surselva sollte er sich aber besser nicht blicken lassen. An einer Versammlung in Trun forderten betroffene Bauern seinen Kopf.

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Matthias Pflume, Mitglied der Chefredaktion

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