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SnowboardAuf die schöne Tour

Markus von Glasenapp und Nicolas Fojtu haben die Generation ­Snowboard für das Tourenfahren begeistert. Wir wollten von den beiden wissen: Welche Touren legen sie uns für die kommende Saison ans Herz?

Belohnung für den Aufstieg: unberührte Pulverschneehänge
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Andere Menschen wünschen sich bei solchem Hudelwetter nur eins: eine warme Stube. Doch Markus von Glasenapp und Nicolas Fojtu stehen breit grinsend vor dem einzigen Restaurant, das an diesem Samstag im März in Elm geöffnet hat. ­Eigentlich war eine Tour auf den Chli Chärpf geplant – doch weil man heute kaum bis zum nächsten Skiliftmast sieht und knietief Pulverschnee liegt, haben sich die beiden Zürcher eine Halbtageskarte gekauft und sind abseits der markierten Pisten gefahren. «Wir sind richtig zum Fahren gekommen und haben ­wieder einmal einfach Vollgas gegeben», schwärmt Fojtu.

Überraschungserfolg mit Tourenatlas

Anfang Jahr wird die dritte Auflage ihres Buchs «Helvetic Backcountry. Ski- & Snowboard-Tourenatlas Schweiz» ­erscheinen. Über 1000 Routen in den Schweizer Alpen sind im Atlas, im ­dazugehörigen Kartenmaterial und in einer App beschrieben. Von Glasenapp hat die Touren ausgewählt, Fojtu hat ­fotografiert. Obwohl anfangs niemand da­ran geglaubt hatte, dass ausser ein paar Liebhabern jemand bereit sein würde, 100 Franken für das Buch hin­zublättern, fand es rasch eine Fan­gemeinde. Die erste Auflage war innert dreier ­Monate ausverkauft.

Ein Grund für den Erfolg war die Bild­sprache: Grossformatige Fotos vermitteln emotionale Eindrücke, zeigen nicht nur eitel Sonnenschein, sondern auch Momentaufnahmen von Erschöpfung, Nebel oder Kälte in einer un­beheizten Hütte. Übersichtliche Pikto­gramme und Grafiken präsentieren die Eckdaten der Touren und schaffen ­rasche Übersicht. Anders als die klassischen SAC-Tourenführer erhebt das Werk keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern konzentriert sich auf das, was Spass macht. Prestigeträchtige ­Gipfel, die man nur nach mühsamer Tra­verse erreicht? Haben es nicht ins Buch geschafft. Touren, die mit einer coolen Abfahrt belohnen, dagegen zahlreich.

«Ich mag auch das Meer, das Surfen und Segeln.»

Nicolas Fojtu, Fotograf

Der Atlas richtet sich zwar auch an Skifahrer, die Autoren waren jedoch stets mit dem Snowboard unterwegs. Fojtu erinnert sich an die Zeiten, als man das Snowboard schulterte und den Berg hochtrug. «Das war zäh. Am Abend schmerzte der Rücken, weil das Brett und die Kamera schnell einmal zehn ­Kilo wogen und das Brett vom Wind hin- und hergerissen wurde.» Erst als sich Splitboards durchsetzten, die man beim Steigen in zwei Hälften teilt, wurden Snowboardtouren praktikabler.

Nach dem Überraschungserfolg einfach ein weiteres Buch nachzulegen ­interessiert das Autorenduo nicht. «Wir wollen uns nicht wiederholen», so Fojtu. Er wurde kürzlich Vater, und die Zeit für Touren ist gerade ziemlich knapp – wenn er doch mal rauskommt, dann geniesst er es, unterwegs zu sein, ohne ständig die Kamera zu zücken. «Ich befreie mich gerade von allen Zwängen. Für mich ist es eine Rückkehr zu den Anfängen.» Und ein Aufbruch zu Neuem.

Abfahrten jenseits des Pistentrubels begeistern immer mehr Snowboarder.
Abfahrten jenseits des Pistentrubels begeistern immer mehr Snowboarder. Bild:...

Zwei unterschiedliche Typen am Berg

Letztes Jahr hat Fojtu die Hochseesegelprüfung gemacht. «Ja, ich werde abtrünnig», scherzt er. «Ich mag auch das Meer, das Surfen und Segeln.» Er sei kein waschechter Bergsteigertyp und ­kenne im Gebirge seine Grenzen: Bei ausgesetzten Stellen werde ihm schon mal mulmig.

Ganz anders von Glasenapp. Ihm wurden Pickel und Steigeisen quasi in die Wiege gelegt. Sein Grossvater hiess Walter Pause, er war ein bayerischer Schriftsteller und Bergsteiger, der in den sechziger und siebziger Jahren mit seinen Bergbüchern neue Massstäbe setzte. Einzelne, etwa der Band über die «Zürcher Hausberge», wurden auch hierzulande zu Klassikern. Sohn Michael Pause trat in seine Fussstapfen und überarbeitete einige Bände neu. Einem breiteren Publikum wurde von Glasenapps ­Onkel dann als Moderator des Bergmagazins «Bergauf-Bergab» im Bayerischen Rundfunk bekannt.

Auch von Glasenapps Vater ist Bergsteiger. Die Ferien hat die Familie stets in den Bergen verbracht. Als Viererseilschaft. Im Gegensatz zum jüngeren Bruder, der lieber ans Meer gefahren wäre, fand Markus früh Gefallen an der kargen Welt des Gebirges.

Zum beruflichen Projekt wurde das Hobby jedoch erst, als er Fojtu kennenlernte. Dieser hatte soeben erstmals ein Foto auf dem ­Cover eines Snowboardmagazins platzieren können – worauf ihn von Glasenapp begeistert ansprach. Er erzählte Fojtu, welche Touren er in jener Saison schon gemacht hatte. Fojtu erinnert sich: «Mir war ­sofort klar: Okay, da meint es einer ernst.» Bald unternahmen sie ihre erste gemeinsame Tour. In der Cristallinahütte angekommen, diskutierten sie dann schon die Idee, ein Buch zu machen.

Markus von Glasenapp (links) und NIcolas Fojtu publizieren seit rund zehn Jahren...

Das Glück der jüngeren Generation

Nun eröffnet das Buch von Glasenapp neue Möglichkeiten: Er will die Bergführerprüfung machen und das letzte Saison unter dem Label Helvetic Backcountry gestartete Tourenangebot mit dem Splitboard ausbauen. Es mache ihm Spass, zu sehen, wie glücklich die meist jungen Snowboarder am Ende des Tages seien. Manch einer lasse sich so ein Erlebnis von seinem skitourenbegeisterten Vater zu Weihnachten schenken.

Sein eigener Vater hat von Glasenapp zwar die Grundlagen des Bergsteigens und Tourengehens beigebracht und ihm sogar das Snowboard den Berg hoch­getragen, als er als Jugendlicher von den Tourenskiern aufs Snowboard umstieg. Als sich sein Sohn dann aber in schwierigeres Gelände vorwagte, begleitete er ihn nur noch selten. «Das ist eine andere Generation», sagt von Glasenapp. «Die hatte noch viel weniger Informationen zur Verfügung und musste die Lawinengefahr aus dem Bauch raus beurteilen. Klar, sind sie defensiver unterwegs.»

Über den Tourenatlas freut sich der Vater trotzdem riesig. Und auch Onkel Michael. Er, der von Glasenapps Grossvater seinerzeit davon überzeugen musste, dass es nun endlich farbige Fotogra­fien in den Tourenbüchern brauche, ist stolz auf die ganz neue Bildsprache, die sein Neffe gefunden hat. «Nur gegen das Snowboard hat er immer noch etwas», sagt von Glasenapp lachend.

Tour für Einsteiger: Chrummefadeflue, Gantrisch BE

Bild: Nicolas Fojtu

«Auf die ‹Fädu›, wie sie von den Bernern auch genannt wird, findet sich fast immer eine Spur, was weniger Geübte schätzen. Reicht der Schnee ganz hinunter bis nach Blumenstein, muss man die Gelegenheit unbedingt nutzen: Man wird mit einer der längsten Abfahrten im Gantrisch-Gebiet belohnt. Nicolas und ich haben die Tour einmal Anfang Dezember gemacht und sind am Ende zwischen Apfelbäumen hindurchgefahren! »

Markus von Glasenapp


Höhe:
2047 Meter
Aufstieg: von der Wasserscheide 490 Höhenmeter (Hm), 2 Stunden
Abfahrt: nach Blumenstein 1360 Hm
Exposition: O/NO/N/NW/W
Hangneigung: steilste Passagen 30-34 Grad

Tour für Powder-Fans: Tällihorn, Davos GR

Bild: Nicolas Fojtu

«Vom Skigebiet Jakobshorn gelangt man nach einer Höhenwanderung entlang dem Kamm und über einen kurzen Steilhang auf den Gipfel des Tällihorns. Man profitiert vom Skilift – und ist trotzdem rasch in einer stillen, ganz anderen Welt. Vom Gipfel fährt man entweder ins Sertig- oder ins Dischmatal ab, beides sind sehr schöne Abfahrten. Mit dem Bus rechtzeitig zurück in Davos, kann man die Runde auch zweimal am Tag machen.»

 

Markus von Glasenapp
 

Höhe: 2684 Meter
Aufstieg: vom Skigebiet Jakobshorn 190 Hm, 2.5 Stunden
Abfahrt: ins Sertigtal 820 Hm
Exposition: SW/W
Hangneigung: steilste Passagen 35-39 Grad

Tour für Ausdauernde: Giglistock, Sustenpass BE

Bild: Nicolas Fojtu

 

«Den landschaftlich reizvollen Aufstieg kann man entweder in einem oder in zwei Tagen machen. Ich habe ihn in einem Tag gemacht, Nicolas hat es lockerer genommen und mit ein paar Kumpels im Hotel Stein-gletscher übernachtet. Alle zusammen sind wir dann die steile Nord¬abfahrt mit den grossen, offenen Hängen gefahren. Der Blick geht auf die mächtigen Gletscher am Sustenhorn – ohne dass man selbst -Gletscherberührung hat.»

 

Markus von Glasenapp

 

 

 

Höhe: 2900 Meter
Aufstieg: von Gadmen 1700 Hm, 5.5 Stunden; oder auf zwei Tage verteilt vom Berghotel Steingletscher: 1050 Hm, 3.5 Stunden
Abfahrt: nach Gadmen 1700 Hm
Exposition: N/NO/O/SO
Hangneigung: steilste Passagen 35-39 Grad

Buchtipp

 

  • «Helvetic Backcountry. Ski- & ­Snowboard-Tourenatlas Schweiz»; Verlag Fojtu & von Glasenapp, 2013, 384 Seiten, 100 Franken www.helveticbackcountry.ch

Grafik: Beobachter/AK

Veröffentlicht am 05. Dezember 2016