Kurt Müller, «ethischer Unternehmensberater» aus dem aargauischen Bergdietikon, hatte in einem «heiligen Augenblick die Inspiration, in der Schweiz für eine Milliarde Franken ein Solarkraftwerk zu bauen». Den Auftrag dazu will er von ganz oben erhalten haben, und zwar ausgerechnet am 1. April des Jahres 1995: «Die göttliche Eingebung war derart klar, dass ich keinen Moment zögerte, diesen Auftrag von Gott anzunehmen, um ihn mit Hilfe der Bevölkerung zu realisieren.»

Müllers Sendungsbewusstsein, gepaart mit dem Talent des cleveren Verkäufers (siehe Kasten Seite 16), fiel auf fruchtbaren Boden: 350 Geldgeber – «vom Landstreicher bis zur 100-fachen Millionärin» – investierten eine halbe Million Franken in die Hope 1 Solarkraftwerk AG.

Dabei mutet Müller mit seiner Vorprojektstudie (Untertitel: «Der mit dem Glück geht») den Leserinnen und Lesern allerhand zu. Was er auf 444 Seiten präsentiert, ist die Fantasterei eines Idealisten, aber kein ernsthaftes Konzept: So liest man neben Aufrufen zur Rettung des Weltklimas («Wir sitzen auf einer ökologischen Zeitbombe»), dass der 110-Kilo-Mann wegen Liebeskummer kurzzeitig fast 30 Kilo abspeckte oder dass er mutig als Letzter eines Volkslaufs durchs Ziel stapfte. Und wie Müller auf die zündende Solaridee kam, ist ebenfalls nachzulesen: durch den Kauf einer solarbetriebenen Armbanduhr von Junghans, Modell Mega-Solar-Ceramica.

Keine Hoffnungen für «Hope 1»
Energiemässig genesen soll nun aber die Schweiz: mittels eines gigantischen Solarkraftwerks mit fünfeinhalb Quadratkilometer Produktionsfläche und 550 Megawatt Leistung – errichtet als schwimmende Insel in der Form einer Sonne. Und das mitten auf dem Genfersee.

Im Herzen der Sonne ist eine Arena für 4900 Besucher geplant, umgeben von einem so genannten inneren Energiefeld als Mantel und Kraftwerk sowie einem Kranz mit 500 Strahlen. In diesen Strahlen sollen Staaten und Weltkonzerne ihre Solarprojekte und -initiativen präsentieren.

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Müller rechnet mit 4,5 Millionen Besuchern jährlich, die der Genfersee-Schifffahrt zum Dauererfolg verhelfen sollen. Wie die Massen indes an den See gelangen, ist ebenso ungeklärt wie all die Ausnahmebewilligungen für das «Solarmonster auf dem Lac Léman», wie die «NZZ» das Müller-Projekt letztes Jahr betitelte.

Die Kosten für seine Supersonne veranschlagt der Tüftler mit rund einer Milliarde Franken – ohne sich dabei mit Businessplänen aufzuhalten. Lieber redet er von «jahrelang durchgeführten Kostenberechnungen, basierend auf der Auswertung grosser Datenmengen und visionärer Annahmen». Der Mix von Vision und Daten ergebe eine «exakte rechnerische Grundlage für die Detailplanung».

Wo genau das Solarkraftwerk im Genfersee schwimmen soll und welche Solartechniken dereinst installiert werden, will Müller grosszügig den Experten überlassen: «ÐHope 1? tritt jetzt in die Phase der konkreten Planung ein, bis hin zur Einreichung des offiziellen Baugesuchs bei den Regierungen in Bern und Paris.»

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Doch inzwischen geht Müllers Sonne bereits wieder unter: Die erhoffte Kapitalaufstockung auf eine Million Franken kam nicht zustande, dafür ist die Hope 1 Solarkraftwerk AG inzwischen zahlungsunfähig. Das von Müller erhoffte «Finanzwunder» blieb aus, und es scheint, als ob auch alle Mächte das Interesse am Projekt verloren haben; die Büros in Bergdietikon sind gekündigt, das Telefon ist abgeschaltet.

Müller nennt als neue Adresse Kematen in Tirol. Seine Gläubiger – mehrere Betreibungen laufen – werden sich mit Verlustscheinen abfinden müssen. Konkurs hat nicht nur «Hope 1» gemacht, sondern auch der Privatmann und Unternehmensberater Müller. Die Verbindlichkeiten belaufen sich auf immerhin 5,4 Millionen Franken.

Wer nun aber glaubt, dass Müller deswegen seine Pläne mit «Hope 1» beerdigt, ist auf dem Holzweg. Das Projekt sei «auch nach einem Konkurs selbstverständlich nicht gescheitert». Es gelte, «nur eine weitere Hürde» zu nehmen. Dabei sieht sich der Solarträumer ein weiteres Mal von ganz oben bestärkt: «Die Signale sind eindeutig. ÐHope 1? wird nun finanziert, gebaut – und geht dann rentabel ans Stromnetz.»

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Andere sind da weniger euphorisch.
So etwa David Stickelberger vom Dachverband Swissolar. Er hält «Hope 1» «aus verschiedenen Gründen für eine Katastrophe»: Es brauche kein Riesenkraftwerk auf dem Genfersee, denn auf bereits überbauten Flächen in der Schweiz gebe es rund 200 Quadratkilometer geeigneten Platz für die Nutzung von Sonnenenergie. Zudem seien Riesenprojekte generell «störungsanfälliger als kleine, dezentrale Einheiten».

Selbst im Verwaltungsrat der Hope 1 Solarkraftwerk AG gab es Ideen für realistischere Lösungen: Der deutsche Solarfachmann Hans-Jürgen Kleinwächter empfahl Kurt Müller, zuerst ein Minikraftwerk mit ein bis zwei Megawatt Leistung zu realisieren. «Ein solches Projekt liesse sich im Bedarfsfall auch modular erweitern. Doch Müller beharrte auf seiner Vision.»

Kleinwächter trat wie alle anderen «Hope 1»-Verwaltungsräte diesen Sommer zurück – mit einer Ausnahme: Kurt Müller. Dieser beruft sich bei seinem gigantischen Projekt nicht nur auf Gott, sondern auch auf einen «Auftrag des Volkes», den er aus «10'000 persönlich geführten Interviews» ableitet – doch im Genfersee ging Müller damit vorerst einmal baden.

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