Die Schweiz geht radikale Wege: Seit 1. Januar 1999 ist es in unserem Land verboten, den Nutztieren antimikrobielle Leistungsförderer (AML) zu verfüttern. Allerdings bezieht sich das Verbot nur auf die Inlandproduktion. Fleischimporte sind davon ausgenommen. Den Bauern und Tiermästern bleibt bis Ende Juni Zeit, ihre Produktion entsprechend umzustellen.

«Ein grosser Teil der Bauern wird mit der Umstellung keine Probleme haben», sagt Roland Künzler, Mitarbeiter der landwirtschaftlichen Betriebsberatungszentrale Lindau. «Schwierigkeiten werden hauptsächlich diejenigen Betriebe bekommen, deren Tierhaltung zu wünschen übriglässt.»

Da die chemischen Leistungsförderer einerseits die Futterverwertung und damit das Wachstum der Tiere begünstigen und anderseits haltungsbedingte Krankheiten überdecken, ging die Rechnung bisher auch für Bauern mit ungenügenden Tierhaltungssystemen auf. Das wird sich nun ändern. Tiere, die auf Vollspaltenböden ohne Einstreu gehalten werden und kaum an die frische Luft kommen, sind unter Dauerstress und krankheitsanfälliger. Ohne die Zusatzstoffe bringen sie die gewünschte Leistung nicht.

Tiergerechte Haltung
«Schlechte Halter werden mit schlechteren Erträgen rechnen müssen», sagt denn auch Hans-Ulrich Huber. Der Agronom er führt für den Schweizer Tierschutz die Beratungsstelle für artgerechte Nutztierhaltung ist darüber allerdings nicht unglücklich: «Es wird einige Bauern und Mäster dazu bringen, ihre Ställe auf eine tiergerechtere Haltung umzubauen.»

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Den Schweinen wirds guttun. Und die Kälber dürfen hoffen, künftig nicht mehr mit eisenarmer Milchdiät auf Weissfleisch getrimmt zu werden. Huber sagt: «Gibt man den Mastkälbern Heu und Gras, wachsen sie besser und sind erst noch gesünder. So einfach ist das.» 

Mitziehen müssen aber auch die Konsumentinnen und Konsumenten. Denn gesunde Kälber, die sich artgerecht mit Heu und Gras ernähren dürfen, haben kein weisses, sondern rosarotes Fleisch. «Wenn dieses Kalbfleisch gut über den Ladentisch geht, wird es der Metzger von den Produzenten auch verlangen», sagt Thomas Jäggi, Mitarbeiter des Schweizerischen Bauernverbandes.

Ein Umdenken im Konsumverhalten sei nun auch punkto AML-Verzicht notwendig. Jäggi: «Da es mehr Futter braucht, bis ein Tier schlachtreif ist, wird das Fleisch mehr kosten.»

Genau da hakten die Gegner des Verbots ein. Die Wirtschaftlichkeit, argumentierten sie, könne nicht mehr gewährleistet werden. Doch Schweden beweist das Gegenteil. Seit 1986 gilt dort ein AML-Verbot. Auch zehn Jahre danach, so zeigt eine Studie des schwedischen Bauernverbandes, sind die Skandinavier wirtschaftlich «durchaus konkurrenzfähig» mit den übrigen europäischen Ländern. Die Schweiz macht nun als erst zweites europäisches Land ebenfalls Ernst mit dem AML-Verbot.

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Schnelle Umsetzung

Daniel Guidon, Chef der Abteilung Futtermittel an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Nutztiere in Posieux FR, ist zuversichtlich: «Da wir die Futtermittel auf ihre Zusammensetzung kontrollieren, wird das Verbot der antimikrobiellen Leistungsförderer gut und schnell umzusetzen sein.»

Die Erfahrungen der Nordländer sind vielversprechend: Vor 1986 wurden in Mast und zu therapeutischen Zwecken zusammen jährlich 50 Tonnen antibiotische Substanzen verwendet. Seit dem Verbot der antimikrobiellen Leistungsförderer sank der gesamte Verbrauch von Antibiotika in der Nutztierhaltung um 40 Prozent.

Schwer vorauszusehen ist hingegen, ob das AML-Verbot den Verbrauch von Antibiotika im therapeutischen Bereich erhöht oder sich sogar ein Graumarkt etabliert. Die im Landwirtschaftsgesetz verlangten Behandlungsjournale für die Tierbestände wirken diesem Trend sicher entgegen. Da muss die Abgabe von Antibiotika zu therapeutischen Zwecken aufgeführt werden. Guidon: «Die kantonalen Veterinärinstanzen sind gefordert. Es ist ihre Aufgabe, den Heilmittelmarkt im Kanton zu überprüfen.»

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Keine offiziellen Zahlen
Guidon bemüht sich gegenwärtig, eine Statistik über den Antibiotikaverbrauch vor und nach Einführung des AML-Verbots auf die Beine zu stellen. Das ist alles andere als einfach. Denn offizielles Zahlenmaterial zum bisherigen Konsum gibt es nicht. Einzig eine Treuhandstelle, die im privaten Auftrag den Antibiotikaimport erfasst, verfügt über eine verlässliche Statistik. Guidon: «Leider haben wir bis jetzt noch keinen Zugriff auf diese Zahlen.»

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