Das Wetter prächtig, die Luft eisig und dünn, der Schnee blendend weiss. Berge, so weit das Auge reicht, im Tal die Engadiner Seenplatte, in Griffweite der Piz Bernina. Es gibt keine Sorgen an diesem phänomenalen Frühlingstag auf dem Piz Corvatsch, 3303 Meter über Meer.

Oder doch? Das traditionsreiche Skigebiet oberhalb Surlej-Silvaplana rühmt sich seiner faszinierenden Gletschergrotte. Sie wurde im Sommer 2002 erbaut und ist 140 Meter lang. Das Eis soll je nach Standort 100 bis 1000 Jahre alt sein. Doch der kalte Zeuge vergangener Zeiten schwindet. Im letzten Sommer musste die Eisgrotte mit einer weissen Plastikplane abgedeckt werden, um sie vor der Sonneneinstrahlung zu schützen. Diese Schutzaktion war durchaus erfolgreich: Die Grotte gibts noch. Aber der Corvatschgletscher ist weitergeschmolzen. Dort, wo sich die Grotte befindet, hat er eine gut sichtbare Delle. Der Freizeitpark Alpen muss mit einer weiteren Schramme leben.

Was seit zehn Jahren ansteht, wird endlich realisiert: In zwei Jahren soll die in den sechziger Jahren erbaute Seilbahnanlage am Piz Corvatsch ersetzt werden, erklärt Bruno Paganini, technischer Leiter der Corvatschbahnen. Das Projekt, das rund zehn Millionen Franken kosten wird, sieht vor, dass nur die Mechanik ersetzt wird. «Der Beton bleibt», so Paganini. Zwar sei aufgrund der Permafrost-Problematik ein alternativer Standort erwogen worden; aus Kostengründen wurde diese Variante aber wieder verworfen. «Laut Berechnungen unserer Ingenieure ist die bestehende Station fest im Fels verkeilt. Die Hauptgebäude sind seit ihrer Erstellung stabil. Das wird keine Probleme geben», sagt Bruno Paganini. Und falls sich dereinst etwas bewegen sollte, müsse man halt nachträglich ankern.

Ab minus zwei Grad wirds kritisch
Eine lockere Einstellung, die sich rächen könnte, wie das Beispiel der Luftseilbahn Lagalb in Pontresina eindrücklich zeigt. 1997 wurde dort ein Überwachungssystem eingerichtet, doch niemand war damals in der Lage, die Temperaturmessungen korrekt zu interpretieren. Heute weiss man, dass die Stabilität von Bauwerken auf Permafrost bei Bodentemperaturen um minus zwei Grad Celsius kritisch wird. Auf der Lagalb geriet der Boden in Bewegung. «Trotz der vorbildlichen Früherkennung hat die Schadensbehebung rund 700'000 Franken gekostet», sagt Felix Keller, Leiter des Instituts für Tourismus und Landschaft an der Academia Engiadina in Samedan. «Es ist klar: Je früher man die Probleme erkennt, desto günstiger. Umgekehrt ist es aber auch so, dass eigentlich niemand um diese Probleme wissen will», so Keller.

Die Corvatschbahnen machen eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Die Alpen sind in Bewegung, davor kann heute niemand mehr die Augen verschliessen. Und der Trend des Gletscherschwunds hat sich bestätigt: Allein im Rekordsommer 2003 sind nach Angaben von Fachleuten rund acht Prozent des gesamten Gletschervolumens geschmolzen. In der jüngsten Beobachtungsperiode haben sich gemäss der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften 84 von 91 Schweizer Gletschern weiter zurückgezogen. Am stärksten geschrumpft ist der Triftgletscher im Kanton Bern, der sich in einem einzigen Jahr um 216 Meter zurückgebildet hat.

Nun gelten zwar Gletscher per Definition nicht als Permafrost; dieser bezeichnet Fels und Schutt, dessen Temperatur ganzjährig unter null liegt. Die Gletscherschmelze ist aber ein eindeutiger Indikator für die weltweite Erwärmung, die mittelfristig auch den Permafrost angreifen wird. Schwindet der Permafrost, verliert das Hochgebirge seine Stabilität. Mit weit reichenden Konsequenzen. Rund fünf Prozent der Schweiz liegen im Permafrost - das entspricht etwa der doppelten Fläche der Vergletscherung im Jahr 2000. Von den 1864 Bergbahnen in der Schweiz sind 155 auf Permafrost gebaut.

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Permafrost: eine Glaubensfrage?
«Die Stabilität einer Flanke ist vor allem von drei Faktoren abhängig: von der Topografie, der Geologie und vom Permafrost», erklärt Wilfried Haeberli, Professor für Geografie an der Universität Zürich. «Der Permafrost indes ist der einzige Faktor, der sich verändert. Er ist deshalb die kritische Grösse», sagt der Experte. Die Permafrostforschung im Alpenraum ist eine relativ junge Disziplin. «Am Anfang gab es viele, die schlicht nicht glaubten, dass es so was wie Permafrost überhaupt gibt. Permafrost galt, da er nicht sichtbar ist, lange als Glaubensfrage», erinnert sich der Pionier auf diesem Gebiet. Mittlerweile würden die Leute aber begreifen, dass etwas vor sich geht. «Dass wir in der Schweiz den Permafrost meist nicht unter den Füssen, sondern über unseren Köpfen haben, ist psychologisch ein ganz spezielles Phänomen», sagt Haeberli.

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Internationale Experten gehen davon aus, dass sich die Erdoberfläche bis 2100 um zwei bis fünf Grad erwärmt - um ungefähr so viel wie seit der letzten Eiszeit. Im Gebirge indes sei eine deutlich stärkere Erwärmung zu erwarten als im globalen Mittel. Wie sich diese genau auf die Permafrostgrenze auswirkt, ist gemäss Haeberli noch weit gehend unbekannt. Klar ist nur, dass etwas in Bewegung geraten ist. «Der Umstand, dass die Corvatschbahnen die Verlegung der Bergstation erwogen haben, zeigt, dass die heutige Alpentopografie nicht für die Ewigkeit ist», meint er. Langfristige Veränderungen der Temperaturbedingungen im Untergrund würden zu tief greifenden Instabilitäten führen. «Die Wahrscheinlichkeit von grösseren Sturzereignissen im Hochgebirge nimmt langsam, aber stetig zu», so Haeberli. Auch die eine oder andere Bergbahn müsse in den nächsten 10 bis 20 Jahren mit zunehmenden Schwierigkeiten rechnen.

«Man kann nicht sagen, dass der Standort der Bergstation der Corvatschbahn unproblematisch ist», sagt auch Felix Keller vom Institut für Tourismus und Landschaft. Permafrost sei immer ein schwieriger Baugrund. Im Hochgebirge müsse man stets mit unangenehmen Nebenkosten rechnen. Gemäss vorsichtigen Schätzungen seien bei der Corvatschbahn in den nächsten zehn Jahren Schäden von zehn Millionen Franken zu erwarten. «Was dabei aber nicht berücksichtigt und meiner Meinung nach noch wichtiger ist, sind die Sekundärwirkungen. Denn: Was wäre Silvaplana im Winter ohne Corvatschbahn?»

Gleichzeitig sei Permafrost aber nicht nur ein Makel. «Die auf Permafrost gebauten Bergbahnen sind die Prachtstücke der Schweizer Tourismusindustrie. Nur stehen sie leider auf einem unmöglichen Baugrund», sagt Felix Keller.

Vom Erholungs- zum Bedrohungsgebiet: Wilfried Haeberli sieht die Zukunft der Tourismusindustrie düster. «Die Wahrnehmung der Alpen als Naherholungsraum und Spielplatz Europas könnte sich bald stark wandeln», erklärte er letzthin in einer Universitätspublikation.

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