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280 Liter Wasser pro Quadratmeter prasselten in Pakistan an nur einem Tag auf die sowieso schon nasse Erde. Das entspricht etwa zwei gefüllten Badewannen voll mit Wasser auf der Fläche eines Strandtuchs. Und der Regen hört nicht auf. Das kann nicht normal sein.

Auch der Deutsche Wetterdienst (DWD) spricht von einer Abweichung der Norm. Für die aussergewöhnliche Flutkatastrophe in Pakistan sei eine Klima-Anomalie verantwortlich. La Niña heisst dieses Ereignis, und es verstärkt den ohnehin heftigen Monsun. So drang der regenreiche Wind ungewöhnlich weit nordwärts nach Pakistan, normalerweise regnen sich die Wolken in Indien ab.

Der Monsun mit seinen gewaltigen Regenmengen ist für Indien und Pakistan eigentlich nichts Ungewöhnliches. So kann es in Nordindien innerhalb eines Tages so viel regnen wie in Deutschland im ganzen Jahr.

In diesem Erdteil bestimmt der Monsun von Mai bis August das Leben. Jedes Jahr überschwemmt er grosse Landstriche, manchmal verwüstet er auch Felder, aber vor allem spendet er Leben für Millionen. Ohne Monsun keine Ernte und keine Nahrung.

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Dieses Jahr dringt der Monsum allerdings weiter in Richtung Pakistan vor. Die Flüsse können das Regenwasser nicht mehr fassen, und die Gebiete an den Ufern sind zu dicht besidedelt. In Jahren ohne La Niña-Ereignis regnet es zwar oft genau so viel, «aber die Landstriche im Norden Indiens sind darauf eingestellt», sagt Meteorologin Gudrun Rosenhagen vom DWD.

Bevor der Monsun kommt, sind die Flüsse hier ausgetrocknet, und wenn die Wassermassen vom Himmel fallen, haben die Flussläufe das entsprechende Fassungsvermögen. «Droht ein Fluss dennoch über die Ufer zu treten, gibt es Ausgleichsflächen, wo das Wasser hinfliessen kann, ohne dass dort Menschen in Gefahr geraten», erklärt Rosenhagen.

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Was also ist dieses Jahr anders? Wie lenkt La Niña den Monsun? Im Normalfall ist der Monsun ein beständiger Wind aus Südwesten, der sich über dem Indischen Ozean mit warmem Wasser vollsaugt und Indien extreme Niederschläge bringt. Haben sich die Wolken am Fuss des Himalaya abgeregnet, bewegen sie sich abgeschwächt weiter in Richtung Pakistan. Sie bringen der Region Regen, aber keine Mengen wie in den letzten Wochen. Während das bekannte Klimaphänomen El Niño die weltweite Wetterzirkulation durcheinander bringt, ist La Niña dafür bekannt, dass es die bestehende Zirkulation verstärkt.

Das Ganze beginnt in Südamerika. Winde, die aus Osten kommen, fördern an der Westküste Südameriaks kaltes Meerwasser aus der Tiefe an die Oberfläche. Der östliche Pazifik kühlt sich stark ab, das kalte Wasser verdrängt das warme Oberflächenwasser in Richtung Indonesien. Die Gegensätze in der Meeresstemperatur führen zu überdurchschnittlich hohen Luftdruckgegensätzen zwischen Indonesien und Südamerika. Das führt zu stärkeren Passatwinden, die dorthin wehen, wo der niedrigste Druck herrscht. Dieser Bereich liegt über dem Hochplateau von Tibet.

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Weht der Passat nun in Richtung Tibet, übertritt er den Äquator und wird abgelenkt. Nun heisst er Monsun. La Niña hat den Passat verstärkt, also ist auch der Monsun feuchter und gewaltiger. Er erreicht er den Norden Indiens und bringt der Region viel Regen, doch er schwächt sich kaum ab, wie in den Jahren zuvor, sondern weht mit viel Feuchtigkeit beladen in Richtung Pakistan.

Im ganzen Juli fielen hier zum Teil mehr als 550 Liter pro Quadratmeter – drei bis zehn Mal soviel wie in einem typischen Juli. In Peschawar im Nordwesten Pakistans gab es mit mehr als 400 Litern einen Regenrekord seit Beginn der Messungen vor fast 150 Jahren.

Nach Untersuchungen der Experten vom DWD tritt La Niña alle fünf bis sieben Jahre auf, doch die Flutkatastrophe sucht ihresgleichen. Lässt sich das mit der Klimaerwärmung in Verbindung bringen? «Beim Klimawandel erwarten wir eine Zunahme der Extreme, so kann dieses Ereignis schon als Vorbote gesehen werden», sagt Meteorologin Rosenhagen.

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La Niña hat allerdings nicht nur Auswirkungen auf Pakistan. Die Klima-Anomalie beschert Südamerika meist Trockenheit. Schliesslich muss der Regen irgendwo fehlen, wenn er in Asien ohne Unterlass fällt. Zahlen, die eine Trockenheit belegen können, gibt es noch nicht, aber der extreme Temperatursturz in Südamerika Ende Juli steht im Zusammenhang mit La Niña.

Die Kältewelle forderte innerhalb weniger Tage 180 Todesopfer. Im normalerweise subtropischen Süden und Osten Boliviens sanken die Temperaturen bis knapp unter den Nullpunkt – zum ersten Mal seit 29 Jahren. Rosenhagen war zu dieser Zeit in Brasilien unterwegs: «In Sao Paulo war es mit zehn Grad richtig kalt – normalerweise sind es dort über 20 Grad».

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte unterdessen von der internationalen Gemeinschaft schnellere Hilfe Flutopfer. Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) ist bislang erst ein Viertel der für den ersten Hilfseinsatz benötigten 459 Millionen Dollar angekommen. Der erste Fall von Cholera im Nordwesten Pakistans und mehrere Verdachtsfälle schürten Sorgen vor einer Ausbreitung der Krankheit. Die Fluten haben ein Gebiet von der Grösse Italiens getroffen. Die Vereinten Nationen warnten vor weiteren Toten unter den Kranken und Bedürftigen, sollte die Hilfe nicht schnell ankommen.

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Die Glückskette sammelt Geld und koordiniert die Verteilung unter den Hilfswerken.