Wenn der Flughafen Kloten am kommenden Wochenende den 50. Geburtstag feiert, wird die Concorde nicht fehlen. Ausgerechnet! Für ökologisch Bewegte ist der legendäre Uberschalljet das Sinnbild sinnloser Umweltverschmutzung schlechthin. Selbst die Flughafendirektion war zunächst skeptisch und wollte auf die Visite der ohrenbetäubenden Kerosinschleuder verzichten: «Der Lärm beim Start ist infernalisch.» Doch die Mehrheit der Flughafengemeinden sah das anders: «Eine Landung und ein Start in fünfzig Jahren - das ist doch unbedenklich.»


Diese Reaktion ist symptomatisch. Ähnlich locker ist auch der Umgang mit dem Reizgas Ozon. Der «Tages-Anzeiger» berichtete regelmässig über die massive Uberschreitung des Grenzwerts in diesem Sommer. Einziger Verhaltenstip: «Im Wald spazieren statt Sport treiben.» Das Autofahren reduzieren? Kein Thema. Mit dem «serienmässigen Luxus» und der «Fahrkultur» hat die Autowerbung die stärkeren Argumente.


Ökologie ist ausser Mode gekommen. Hochkonjunktur haben nicht Umweltpäpste und Schwarzmaler, sondern deren Gegner. In den Buchhandlungen stapelt sich dieser Tage «Das Lexikon der Öko-Irrtümer», ein Pamphlet der beiden deutschen Journalisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Es zerzaust jede Horrorprognose der achtziger Jahre, die nicht eingetreten ist: vom Waldsterben über den Tod der Wale bis zum Ende der Rohstoffreserven.

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In der Schweiz macht die Freiheitspartei Stimmung. Sie rügt die «unbegründete Waldsterbehysterie» und postuliert, die Umweltbelastungen durch die Bahn seien «grösser als die des motorisierten Privatverkehrs».

Mythos Kleinwagen
Die Anti-Öko-Stimmung ist flächendeckend, auch wenn die Werbung etwas anderes suggeriert. Zum Beispiel Autos: Der Trend zum benzinsparenden Kleinwagen ist - «Smart» hin oder her - ein Mythos. Das durchschnittliche Leergewicht der neu verkauften Autos stieg seit 1989 um rund 130 auf 1325 Kilogramm.


Ein Trend, den die Vereinigung der Automobil-Importeure (VSAI) in ihrem jüngsten Treibstoffrapport an Umweltminister Moritz Leuenberger mit der «starken Zunahme von Sicherheitsausrüstungen wie ABS, Airbags, Gurtstraffern oder Seitenaufprallschutz» sowie «Komfortausstattungen» begründet - alles Dinge, notabene, «die von den Fahrzeugkäufern gewünscht werden». Nur dank den Autoherstellern sank der Benzinverbrauch der Neuwagen 1997 minim auf 8,79 Liter pro 100 Kilometer.

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Müllschlamperei in Städten
Für den Wertewandel der letzten Zeit ist das Auto ein typisches Beispiel. «Ende der achtziger Jahre wollte jeder ein Auto mit Katalysator kaufen», erinnert sich VSAI-Direktor Hanspeter Schick: «Inzwischen stehen die Emissionen beim Entscheid für ein Auto nicht mehr an erster Stelle. Zudem erfüllen neue Autos heute sowieso die schärfsten Vorschriften.» Der Katalysator hat das Umweltgewissen ebenso beruhigt wie die Einführung der Sackgebühr und die Separatsammlungen für Glas, Papier und Metall.


«Die Sorglosigkeit gegenüber der Umwelt hat zugenommen», bestätigt auch Peter Gerber vom Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal). In den Städten werde wieder mehr Abfall auf den Boden geworfen. Dafür finden die Glassammler in ihren Containern neuerdings auch Bügeleisen und alte Kleider. «Früher lag der Anteil des Fremdmaterials bei zwei Prozent, jetzt sind es mehr als vier Prozent», klagt Jürg Mossdorf, Geschäftsleiter der Vetro-Recycling AG.

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Bereits letztes Jahr hat die Stadt Bern die Konsequenzen aus der allgemeinen Müllschlamperei gezogen und ihre 200 öffentlichen Grüncontainer weggerollt: Rund 70 Prozent des Inhalts waren nicht kompostierbar. Aus den Augen, aus dem Sinn, heisst das Motto. Schliesslich ist man nicht allein verantwortlich.

Miserable Umweltbilanz
Paradebeispiel für diese Haltung ist die Einstellung gegenüber dem Fliegen. Die Zahl der Fernflugreisen dürfte dieses Jahr erstmals die Millionengrenze überschreiten. Mit «jährlichen Wachstumsraten von rund fünf Prozent» rechnet eine Studie des Forschungsinstituts für Freizeit und Tourismus (FIF) der Uni Bern. Und: «Grenzen des Wachstums sind kaum in Sicht.» Dabei ist die Umweltbilanz der Fernreisen miserabel: Ein einziger Flug nach Neuseeland fördert den Treibhauseffekt etwa gleich stark wie zwölf Jahre Autofahren, behauptet der Verkehrsclub der Schweiz (VCS).

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Doch auch für die Vielfliegerei gibt es billige Ausreden. «Die Leute argumentieren, die Maschine fliege ohnehin, ob sie nun drinsitzen oder nicht», sagt FIF-Leiter Hansruedi Müller. Die Folge: «Mit jedem Flug wird die Nachfrage erhöht und das Wachstum angekurbelt.» Heftig an der Kurbel drehen auch die Reiseunternehmen mit zunehmend absurder werdenden Preisschlachten - unterstützt von den Behörden: Ab Ende Jahr gilt das revidierte Luftfahrtgesetz, das die Bewilligungspflicht für Flugtarife abschafft. Experten rechnen mit einem Preissturz von bis zu 30 Prozent. So will die englische Firma Easy Jet einen Flug ZürichULondon für 89 Franken anbieten. Und Flüge über den Atlantik werden bald für weniger als 600 Franken verkauft.


Umweltqualität sinkt Der ungezügelte Hedonismus bleibt nicht folgenlos. «Der Umweltraum Schweiz ist grossen Belastungen ausgesetzt», warnt der 400seitige Bundesbericht «Umwelt in der Schweiz 1997». Die Situation sei «trotz Fortschritten unbefriedigend». Zwar wurde der Abfallberg durch die Sackgebühr verkleinert, und auch die Luftverschmutzung ist zurückgegangen. Doch das ungebremste Wachstum von Mobilität, Produktion und Konsum hebt die Wirkung der Luftreinhaltepolitik teilweise wieder auf. Die Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Ozon werden gemäss Bundesbericht «weiterhin verbreitet überschritten». Zudem bedrohen Schadstoffe den Boden, das Grundwasser und den Wald. Der Landverschleiss geht ungebremst weiter, und Lärm aus diversen Quellen beeinträchtigt die Lebensqualität von 80 Prozent der Bevölkerung.

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Zu viele Schadstoffe
Um unseren Nachkommen die gleichen Lebenschancen zu garantieren, müsste die Schweiz ihren Verbrauch von Rohstoffen, Land und Wasser drastisch reduzieren. Die Studie «Auf zu grossem Fuss» von elf grossen Umweltverbänden kommt zum Schluss, «dass die Schweiz in praktisch allen Umweltbereichen um das Drei- bis Achtfache über ihren Verhältnissen lebt». Konkret müssten die Luftschadstoffe um zwei Drittel und die Wasserschadstoffe Phosphor und Nitrat um bis zu drei Viertel reduziert werden. Das sind keine Horrorzahlen von Öko-Aktivisten, sondern Folgerungen, die der Bund in seinem Umweltbericht zieht.


Die offiziellen Warnungen dürften folgenlos verpuffen. Seine Partei habe im Gegensatz zu früher «enorme Mühe, in die Medien zu kommen», klagt Ruedi Baumann, Präsident der Grünen: «Statt selber Themen zu setzen, müssen wir bei laufenden Projekten einhaken: Gentechnik, Agrarreform oder Revision der Raumplanung.» - «Wirtschaftsfragen haben die Ökologie verdrängt», bestätigt auch Greenpeace-Leiter Hans Hildbrand, «die Politik hat sich vom Thema verabschiedet.»

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Mahner werden ignoriert
Wie die Mahner überrollt werden, zeigt das einstige Politikum Kunstschnee. Als Wasserverschwender und Vegetationskiller geisselten Umweltgruppen einst die Schneekanonen. Doch das Bündner und das Berner Stimmvolk lehnten ein Verbot ab, und die Schleuse ging auf.


Heute rühmen die Betreiber lauthals die «gute Umweltverträglichkeit» des Kunstschnees. Weil die ausländische Konkurrenz mit Schneekanonen aufgerüstet hat, ist für Seilbahn-Verbands-Präsident Peter Feuz klar: «Ohne Kunstschnee hat der hiesige Wintersport keine Perspektive.» Die einstigen Gegner haben sich dem Druck der Tourismusbranche gebeugt und bleiben still.


Besorgt verfolgt Philippe Roch, Direktor des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal), solche Machtspiele. «Als Folge der Rezession haben Arbeitslosigkeit und soziale Sicherheit einen grossen Stellenwert erhalten.» Darunter habe die «Tagesaktualität von Umweltfragen» gelitten. Das einstige Öko-Vorzeigeland Schweiz gehört im internationalen Vergleich laut Roch zwar nach wie vor «zu den Klassenbesten, das Niveau der Klasse ist aber noch sehr tief».

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Politiker auf Tauchstation
Seit Jahren auf umweltpolitischer Tauchstation sind die grossen Parteien. «In einer Rezession ist nichts anderes zu erwarten», verteidigt sich SVP-Sekretär Martin Baltisser. Und SP-Mann Jean-François Steiert meint: «Wenn das öffentliche Interesse an einem Thema schwindet, sinkt auch die Motivation in den Parteien.»


Kein schlechtes Gewissen hat CVP-Präsident Adalbert Durrer: «Die Politik hat genügend gesetzliche Grundlagen geschaffen.» Ähnlich argumentiert auch FDP-Präsident Franz Steinegger: «Es braucht nicht neue Gesetze, sondern viel Detailarbeit an der Front.»


Für das Desinteresse der Bevölkerung machen die Bürgerlichen die Öko-Bewegung mitverantwortlich. «Sie hat mit unnötigen Beschwerden an Kredit verloren», so Durrer. Und Franz Steinegger glaubt, die Leute seien «verunsichert, weil in den achtziger Jahren mit Katastrophenbotschaften übertrieben wurde». Unter den Beschuss der Politiker gerät auch das Buwal, in den achtziger Jahren anerkannte Denkfabrik für Umweltprojekte. «Das Amt müsste aktiver an der Front mitwirken, statt an Kongressen ideologische Höhenflüge zu produzieren», kritisiert Durrer und verweist auf die «Milizpolitiker in den Gemeinden, die bei der Umsetzung der Umweltpolitik an ihre Grenzen stossen».

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Buwal-Chef Philippe Roch nimmt die Kritik ernst: «Wir sind tatsächlich manchmal zu juristisch und zu technisch.» Vielen Leuten seien «die einfachsten Umweltzusammenhänge nicht bekannt». Aber, mahnt Roch, «an der Verbesserung der Umweltsituation müssen alle gesellschaftlichen und politischen Akteure arbeiten.»


Inzwischen hoffen das Buwal und Umweltminister Moritz Leuenberger, mit einer «Neuausrichtung der Umweltpolitik» auf die Erfolgsstrasse einzubiegen. Sie wollen nicht noch mehr befehlen und verbieten, denn «die Kosten zusätzlicher Verbote wachsen, und die Akzeptanz nimmt angesichts der Regelungsdichte ab» (Roch).


Zur neuen Buwal-Strategie gehören Gütesiegel für umweltfreundliche Produkte (Ökolabel) oder mehr Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, aber auch die Lenkungsabgaben auf Heizöl und flüchtige organische Verbindungen und das Verursacherprinzip im Gewässerschutz.

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Umweltschutz via Portemonnaie - dieser Trend ist politisch unbestritten. Die Art und Weise aber schon. Die Grünen fordern hohe Abgaben, die Bürgerlichen tiefe - und die SP verlangt eine soziale Rückgabe der Steuereinnahmen ans Volk. Doch dieses wird kaum sofort auf den neuen Umweltkurs umschwenken. Zwei kurze Zeitungsmeldungen genügten, und der Concorde-Flug Paris-Zürich zum 50. Geburtstag des Flughafens Kloten war ausgebucht - zum symbolträchtigen, aber happigen Preis von 1948 Franken.