Konservendosen in den Container für Weissblech, PET-Flaschen in die blaue Sammeltonne, Rüstabfälle in den Kompost, Batterien zurück in den Laden: Das Trennen von Abfall ist Herrn und Frau Schweizer längst in Fleisch und Blut übergegangen. «Über die Hälfte der Siedlungsabfälle wird heute bereits separat gesammelt und verwertet. Der Anstieg der Abfallmenge, hervorgerufen durch das Bevölkerungswachstum, wird dabei mehr als kompensiert», stellt das Bundesamt für Um­welt (Bafu) auf seiner Website zufrieden fest. So wandern etwa 79 Prozent des Altpapiers, 82 Prozent der Konserven­dosen und gar 95 Prozent des Glases statt in den Mülleimer in die Recyclingtonne – im internationalen Vergleich eine Spitzenleistung.

«Abfall trennen» ist denn auch die­jenige Massnahme, die Schweizerinnen und Schwei­zer in einer Umfrage am häufigsten nannten. BeobachterNatur zeigt hier erstmals die Resultate der Befragung, mit der der WWF Schweiz die «be­lieb­testen Öko­hand­lungen» erforschte. 77 Prozent der Befragten geben an, ihren Abfall immer zu trennen, weitere 20 Prozent erklärten, sie täten dies häufig.

Umfrage: Wo Schweizerinnen und Schweizer ökologisch handeln – und wo eher selten

«Wie oft setzten Sie die folgenden Umweltmassnahmen in Ihrem Alltag um?», Durchschnitt aus den Antworten.

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Quelle: WWF Link-Studie Mai 2009 (524 Personen); Infografik: beo/dr

Quelle: Thinkstock Kollektion
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Fast alle tun «etwas Gutes»

Auch in anderen Belangen des täglichen Lebens beweisen die Leute gemäss der WWF-Studie durchaus Umweltbewusstsein: Einkaufstaschen mehrfach zu ver­wenden, nicht benötigte Lampen auszuknipsen oder die Wäsche an der Leine statt im Tumbler zu trocknen gehört in den Haushalten der rund 500 Befragten mehr oder weniger zum ökologischen Standardprogramm. Auf die Frage, ob sie das Gefühl hätten, in den vergangenen drei Monaten etwas Gutes für die Umwelt getan zu haben, antworteten 86 Prozent der Befragten denn auch mit einem überzeugten Ja.

«Die Resultate zeigen, dass der Umweltschutz für die Schweizer Bevölkerung sehr wichtig ist. Ausserdem ist die Bereitschaft gross, selber einen Beitrag zu leisten. Das ist toll», sagt WWF-Schweiz-Sprecher Fredi Lüthin. «Allerdings wirkt sich diese Bereitschaft noch nicht in allen Lebensbereichen auf das tatsächliche Verhalten aus.»

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In der Tat: Wenn umweltfreundli­che Mass­­nahmen keine direkten Einsparungen bringen, sondern im Gegenteil etwas kosten, nimmt die Bereitschaft rasch ab. Ebenso, wenn ökologisches Verhalten der eigenen Bequemlichkeit in die Quere kommt. Eine reduzierte Raumtemperatur im Winter, der Kauf von – teuren – Energiesparlampen oder ein Verzicht auf Ferienreisen mit dem Flugzeug rangieren in der Gunst des Publikums nur im Mittelfeld. «Sobald umweltfreundliches Verhalten den gewohnten Lebensstil zu stark verändert, tun sich Herr und Frau Schweizer schwer damit», sagt Lüthin. «So wollen beispielsweise nur wenige ein Mobility-Auto benutzen oder ihre Feriengewohnheiten um­stellen. Gerade im Bereich Mobilität gibt es deshalb noch viel zu tun.»

Die andere Wirklichkeit

Auch in anderen Bereichen ist Optimierungspotential vorhanden. Aufladbare Akkus statt Wegwerfbatterien, Wassersparköpfe beim Lavabo oder Produkte aus FSC-Holz werden von einer Mehrheit der Befragten immerhin «manchmal» verwendet. Bei den Fragen, ob sie ihr Geld nachhaltig investieren oder auf den Konsum von Fisch und Fleisch verzichten würden, gab jedoch nur eine kleine Minderheit an, dies häufig oder immer zu tun. Die grosse Mehrheit antwortete mit «nie».

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Und so steht den Absichten und Beteuerungen, man verhalte sich umweltfreundlich, die Realität gegenüber – und diese zeigt ein etwas anderes Bild. So stieg der Stromverbrauch in der Schweiz 2008 um 2,3 Prozent auf 58,7 Milliarden Kilowattstunden und war damit so hoch wie nie zuvor. Gewachsen ist auch der motorisierte Privatverkehr. Die zurückgelegten Distanzen nehmen ständig zu. Wurden 1990 in der Schweiz noch 77,8 Milliarden Personenkilometer zurückgelegt, so waren es 2007 schon 93,2 Milliarden. Die dafür verbrauchten Treibstoffe – total rund 5,5 Millio­nen Tonnen Benzin und Diesel – bedeuten ebenfalls einen neuen Rekord.

Auch beim Fleischkonsum siegte der Genuss über ökologische Bedenken: Knapp 62 Kilo Fleisch und Fisch pro Kopf kamen im vergangenen Jahr auf den Teller, knapp vier Prozent mehr als im Jahr 2000.

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«Was, wenn Sie die Lösung wären?», fragt der WWF deshalb in der aktuellen Kam­pagne, die auch von Beobachter­Natur unterstützt wird. «Drei Viertel aller CO2-Emissionen sind eine direkte Folge des privaten Konsums, und zwar weltweit. Das ist die schlechte Nachricht», sagt Fredi Lüthin – und denkt positiv: « Hier schlummert ein riesiges Sparpotential, und wir alle können einen Beitrag leisten, das zu ändern.»

Auf den Konsum kommts an

Zu dieser Erkenntnis kommt auch der öster­reichische Umweltökonom Edgar Hertwich, der die Treibhausgaseffekte des globalen Handels untersucht hat. Seine Ergebnisse lassen aufhorchen: 72 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verursacht der private Konsum. 18 Prozent entfallen auf die Infrastruktur (zum Beispiel Strassenbau), zehn Prozent erzeugt die öffentliche Hand, etwa im Gesundheits- und Schulwesen oder durch das Militär. Auf die globale Wirtschaft habe zwar eine Einzelperson kaum Einfluss, sagt Hertwich, «aber man kann durchaus emissionsmindernd konsumieren» (siehe Artikel zum Thema «CO2-Fussabdruck: ‹Man kann nicht sagen, bitte verdient weniger!›»).

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Dass dies durchaus nottut, zeigen weitere Berechnungen Hertwichs. Aufgrund der Exporte, Importe und der Konsum­güterproduktion hat er den CO2-Fussabdruck von 73 Ländern errechnet (nicht zu verwechseln mit dem ökologischen Fuss­abdruck). Anders als frühere Studien rechnen Hertwich und sein Co-Autor Glen P. Peters die CO2-Emissionen aber nicht den Produktionsländern zu, sondern jenen Ländern, in denen die Güter tatsächlich konsumiert werden.

Die Ergebnisse sind alarmierend: Gemäss Berechnungen des Weltklimarats ­(IPCC) dürfte pro Person und Jahr maximal eine Menge Treibhausgas ausgestossen werden, die einer Tonne CO2 entspricht. Nur so lässt sich das Ziel einhalten, dass sich die Erd­atmosphäre bis 2050 um nicht mehr als zwei Grad erwärmt. Allein schon dieser Temperaturanstieg würde bedeuten, dass zahlreiche Gletscher ganz abschmelzen und viele heute bewohnte Inseln im Meer versinken. Von den von Hertwich untersuchten Nationen erreichte jedoch nur gerade Malawi diesen Zielwert – eines der ärmsten Länder der Welt.

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«Gute Taten» sind gefragt

Schlecht lassen die Berechnungen die Schweiz dastehen: Pro Kopf und Jahr werden hierzulande 18,4 Tonnen CO2-Äquivalente ausgestossen – rund 18-mal mehr, als das Klima gerade noch erträgt. Als importabhängiges Land mit einer relativ kleinen Industrieproduktion schneide die Schweiz fast zwangsläufig schlecht ab, erklärt Hertwich. «Aber gerade am Beispiel der west­europäischen Länder zeigt sich auch, dass Wohlstand und ein damit verbundener höherer Lebensstandard halt auch deutlich mehr CO2-Emissionen verursachen.»

Als ganz so aussichtslos, wie die Zahlen auf den ersten Blick befürchten lassen, sieht der Klimaforscher die Sache nicht. Einen jährlichen CO2-Ausstoss von bloss einer Tonne pro Kopf hält er zwar für eine Illusion, die Reduktion in einem kleineren Massstab aber durchaus für realistisch. Ein paar Rezepte: weniger und dafür hochwertigere Produkte kaufen, weniger fliegen und den Fleischkonsum einschränken.

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Hertwichs Vorschläge gegen den Klimawandel decken sich somit über weite Strecken mit «guten Taten» für die Umwelt, zu denen in der WWF-Studie Schweizerinnen und Schweizer befragt wurden. Allerdings rangieren genau jene Massnahmen, die der Klimaforscher als am effizientesten bewertet, in der Beliebtheitsskala weit bis sehr weit hinten. «Die Lösung für unseren Pla­neten ist da», heisst es in der WWF-Kampagne: «Genau da, wo Sie sitzen.» Die «Lösung» müsste das jetzt nur noch merken.

Lebensstil: Wir leben auf viel zu grossem Fuss

Wie viele natürliche Ressourcen braucht der Mensch, um seinen Lebensstil führen zu können? Und wie viele Ressourcen stehen ihm dazu zur Ver­fügung? Diese Fragen beschäftigen den Schweizer Umweltökonomen Mathis Wackernagel seit Anfang der neunziger Jahre.

Zur Beantwortung hat er mit seinem amerikanischen Kollegen William E. Rees das Konzept des ökologischen Fussabdrucks entwickelt. Der Fussabdruck veranschaulicht, wie viel Land- und Wasserfläche eine Region, ein Land oder die ganze Menschheit effektiv benötigen würde, um den Ressourcenbedarf auf erneuerbare Art zu decken und die Abfälle zu neutralisieren.

Der WWF rechnet diese abstrakte Zahl in «Erden» um. Die Frage lautet: Wie viele Erden bräuchte es, wenn die ganze Menschheit so leben würde wie die Bewohner eines bestimmten Landes? Für die Schweiz lautet die Antwort 2,4 Planeten, die USA verbrauchen aktuell 4,5 Planeten.

Einen anderen Ansatz wählt der Umweltökonom Edgar Hertwich: Er untersucht die tatsächlich ausgestossenen CO2-Emissionen der einzelnen Länder aufgrund der weltweiten Handelsströme, rechnet diese in sogenannte CO2-Äquivalente um und errechnet den CO2-Fussabdruck und die «Klimafreundlichkeit» der Länder. Dabei werden die Emissionen den Ländern zugeschrieben, in denen die Güter konsumiert werden. Geht man von der – wissenschaftlich gestützten – Annahme aus, dass der Klimawandel nur zu bremsen ist, wenn pro Kopf und Jahr maximal eine Tonne CO2 ausgestossen wird, zeichnet Hertwichs Statistik ein düsteres Bild: Nur gerade Malawi überschreitet diesen Wert nicht. Die Schweiz dagegen weist einen Wert von 18,4 Tonnen aus, verbraucht also 18-mal mehr, als für das Klima langfristig verkraftbar ist.

www.wwf.ch/Lösung

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Was unseren Fussabdruck immer grösser macht

Privat­verkehr: 2008 wurde in der Schweiz Auto gefahren wie nie zuvor: rund 93 Milliarden Personenkilo­meter. Damit stieg auch der Benzin- und Dieselverbrauch auf einen Rekordwert: 5,5 Millionen Tonnen.

Abfallberge: Rund die Hälfte aller Siedlungsabfälle werden bereits getrennt gesammelt. Die Mengen sind jedoch beträchtlich: 720 Kilo Müll fallen in der Schweiz pro Kopf jährlich an, das sind zwei Kilo pro Tag.

Strom­verbrauch: Allen Effizienzkampagnen und Sparappellen zum Trotz: Der Stromverbrauch steigt stetig an. 2008 wurden 58,7 Milliarden Kilowattstunden benötigt, um Wirtschaft, Verkehr und Privathaushalte zu versorgen.

Fleischkonsum: Rund 62 Kilo­gramm Fleisch und Fisch verzehren wir im Schnitt jährlich – nicht schlecht im internationalen Vergleich, aber wegen des hohen Energiebedarfs und des grossen CO2-Ausstosses schlecht fürs Klima.