Am 29. Mai 2011 will es Greenpeace mal wieder wissen. Mit Schlauchbooten nähern sich Aktivisten der Ölbohrplattform «Leiv Eiriksson» vor Westgrönland. Sie wollen verhindern, dass der Konzern Cairn Energy in 1500 Metern Tiefe nach Öl bohrt. Die Umweltschützer schaffen es, eine Rettungskapsel an der Plattform anzubringen, in der sich zwei Aktivisten einrichten.

Die Folgen für Greenpeace sind gross: Die dänische Marine inhaftiert alle 20 Beteiligten. Und die Organisation wird dazu verknurrt, 50'000 Euro für jeden weiteren Tag zu zahlen, an dem sich Aktivisten erneut der Plattform nähern. Das hindert Greenpeace-Chef Kumi Naidoo nicht, nochmals mediengerecht die Ölplattform zu besteigen. Sofort wird auch er verhaftet – Greenpeace verbreitet die Nachricht live aus der Arktis. Das Medieninteresse hält sich in Grenzen: In der Schweiz drucken gerade mal sieben Zeitungen Kürzestmeldungen ab. Dennoch unterschreiben über 87'000 Menschen eine Online-Petition gegen Ölbohrungen in der Arktis.

Die Kassen sind gefüllt

Wie viel die Aktion gekostet hat, ist nicht bekannt. Billig war sie nicht: Allein das Greenpeace-Schiff Esperanza, das die Aktivisten vor Ort brachte, kostet um die 10 000 Euro pro Tag – sogar, wenn es im Hafen liegt. Auch ein zweites beteiligtes Schiff ist nicht billig. Anwaltsgebühren und Gerichtskos­ten fallen an. Flüge aus aller Welt. Materialien und Ausrüs­tungen. Ausbildungscamps. Löhne für Fotografen, Filmer, Blogger, Mediensprecher.

Alles kein Problem: Greenpeace ist längst zu einem Millionenkonzern geworden. 2009 nahm die Organisation knapp 200 Millionen Euro ein – Geld, das überwiegend von den drei Millionen Mitgliedern stammt. 1200 Mitarbeiter stehen auf der Lohnliste, in 41 Ländern gibt es inzwischen Greenpeace-Büros. Und noch immer wächst die Organisation, vor allem in Asien und in Lateinamerika. Da kann man sich pro Jahr problemlos mehrere Expeditionen in die Arktis leisten.

Vor genau 40 Jahren, im September 1971, führten die «Regenbogenkrieger» eine ähnliche Aktion durch: Von Vancouver aus stach eine Handvoll Umweltaktivisten in See, um Atomtests vor Alaska zu verhindern. Es war die Geburtsstunde von Greenpeace. Im Vergleich mit Kumi Naidoos Grönlandabenteuer fällt zweierlei auf: Die erste Aktion kostete viel weniger. Und das Medienecho war überwältigend.

Rex Weyler, Journalist in den USA und Gründungsmitglied von Greenpeace International, erinnert sich mit Wehmut: «Zu Beginn erreichten wir unsere Ziele durch die einzige Kraft, die wir besassen: den Willen, unsere Gegner mit kreativen Aktio­nen zu konfrontieren.» Später habe Greenpeace erfahren müssen, dass sich mit der ewig gleichen Taktik nicht immer wieder News generieren lassen. Dass sich die Welt ändert und mit ihr die Medien. Und dass sich Greenpeace stets erneuern muss, um noch gehört zu werden.

Als legitim gilt, was der Sache nützt

Gegründet wurde Greenpeace von Hippies und Quäkersöhnen, deren Denkweise die Organisation bis heute prägt: Rede nicht nur von deinen Überzeugungen, sondern lebe sie – egal, ob dein Verhalten legal ist oder nicht. Mit dabei waren auch Journalisten, die genau wussten, wie das Geschäft funktioniert. Sie luden Fernsehteams auf die Schiffe ein und bedienten die Medien mit perfekten Fotos und Filmen – oder auch mal mit selbstgeschriebenen Reportagen, die teilweise erfunden waren.

Die Erfolge blieben nicht aus: Greenpeace trug massgeblich dazu bei, dass die oberirdischen Atomtests aufgegeben wurden. Viele Länder verboten die Jagd auf Wale und Robben; die Giftmüllverklappung und -verbrennung wurde gestoppt. Und 1992 trat ein weltweites Verbot für die grossflächige Treibnetzfischerei in Kraft.

In Brasilien erreichte Greenpeace ein Exportverbot für Mahagoni. Furchtlose Aktivisten waren nachts in illegale Holzfällercamps eingedrungen und hatten die Baumstämme mit unsichtbarer UV-Farbe markiert. Wochen später konnte Greenpeace in den Häfen mit UV-Licht beweisen, dass ein Grossteil der Bäume aus illegalem Holzschlag stammte. Ein weiterer Coup glückte in der Nordsee: Mit im Meer versenkten riesigen Felsblöcken gelang es, die Grundschleppnetz-Fischerei zu behindern.

Greenpeace-Unterfangen werden oft im Geheimen vorbereitet. Sie erinnern in ihrem Witz und ihrer Kreativität manchmal an die Aktionen des rasenden Reporters aus «Tim und Struppi», wenn er Schurken aufs Kreuz legt. Das Vorgehen der Umweltschützer ist meist dasselbe: Man macht einen bekannten Konzern als Bösewicht aus, startet eine spektakuläre Aktion, um die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Im besten Fall setzt das einen Dominoeffekt in Gang, so dass auch andere Umweltsünder gezwungen sind, sich zu bessern.

Konfrontation hat bei Greenpeace immer wieder mit Gesetzesbruch zu tun. Mal dringen Aktivisten in ein Firmengelände ein, mal entwenden sie tonnenweise Getreide oder bekleben Tausende von Joghurt­bechern mit «Stop Gentech»-Stickern. «Wir haben immer das Gesetz gebrochen», sagt Rex Weyler. Ziviler Ungehorsam habe eine lange Tradition; es gehe darum, das ­öffentliche Interesse zu wahren. Aber: «Greenpeace-Aktionen sind immer gewaltfrei.»

Gewaltfrei heisst allerdings nicht ungefährlich. So starb 1985 ein Greenpeace-Fotograf bei einem Bombenattentat. Der französische Geheimdienst hatte eine Agentin in die Organisation eingeschleust und versenkte das Greenpeace-Schiff «Rainbow Warrior». Doch die geheime Kommandoaktion flog auf, und der Skandal führte zum Rücktritt des französischen Verteidigungsministers.

«Je mächtiger der Gegner ist, umso gefährlicher wird es», sagt Gerd Leipold, der von 2001 bis 2009 Greenpeace-Chef war. Wer bei Greenpeace-Aktionen teilnimmt, darf nicht zimperlich sein – und sollte wissen, dass sein Einsatz im Gefängnis enden kann.

Trainings simulieren den Ernstfall

Auch Schweizer reisen regelmässig ehrenamtlich in alle Welt, an die «Front». «Wir führen ‹Gewaltfreitrainings› durch», sagt Kaspar Schuler, 52, Kampagnenleiter bei Greenpeace Schweiz. Dort, erklärt er, lernten Freiwillige den Umgang mit Schlauchbooten und Kletterseilen, aber auch mit Journalisten, Polizisten, Juristen und Richtern. «Am Schluss einer Aktion stehen die Aktivisten vielleicht vor Gericht und müssen sich erklären können.» Und was, wenn ein jugendlicher Aktivist seine Stelle verliert, weil sein Chef ihn im Fernsehen gesehen hat? «Das können wir nicht ändern», sagt Schuler. «Jeder macht bei uns vollkommen freiwillig mit.»

An die letzte Grossaktion in der Schweiz kann sich Schuler aber nicht erinnern. «Hierzulande ist Greenpeace als konfrontatives Protestunternehmen nicht mehr wirklich nötig», stellt er fest. Das habe vor allem damit zu tun, dass viele Umweltprobleme gelöst seien. Aber auch damit, dass die Medien nicht mehr seitenlang darüber schreiben, wenn wieder irgendwo ein Spruchband hängt. «Einfach ein Banner an eine Brücke zu hängen oder einen Kühlturm zu besteigen ist heute kalter Kaffee», sagt Schuler.

Greenpeace Schweiz widmet sich deshalb vermehrt der Lobbyarbeit im Hintergrund und ist wie andere Umwelt­organisationen öfter in Konferenzräumen und Bundesratszimmern präsent. Nicht mit Spruchbändern, sondern mit Power-Point-Präsentationen und Mas­terplänen, in denen es um «Solutions» geht, um Lösungen statt Konfrontation.

Die Konsequenz ist aber auch, dass Greenpeace Schweiz immer mehr Mittel in die Kommunikation stecken muss, um noch gehört zu werden: Rund 60 der 73 Mitarbeiter sind im Bereich Kommunikation, PR und Administration tätig. «Wir sind heute nichts anderes als eine Kommunikationsagentur», sagt Schuler.

PR-Profis für die vernetzte Welt

Diese Analyse gilt weitgehend auch für Greenpeace International: Heute arbeiten bei Greenpeace keine langhaarigen Allrounder mehr, sondern PR-Fachleute, Marketingspezialisten, Communication Officers, Multimedia-Designer, Finanzspezialisten. Leute, die sicher sind, dass sich die Welt nicht nur mit Abseilak-tionen, sondern auch mit E-Mail-Kampagnen retten lässt. Mit aufwendig produzierten Zeichentrickfilmen. Mit Online-Petitio­nen. «Vor allem das Internet ist für Greenpeace heute enorm wichtig», sagt Gerd Leipold. «So können die Menschen auch ohne klassische Medien erreicht werden.»

Das Problem mit den Medien hat sich Greenpeace zumindest teilweise selber zuzuschreiben. 1995 erreichte die Organisation dank einer vielbeachteten ­Ak­tion, dass Shell den schwimmenden Öltank «Brent Spar» nicht in der Nordsee versenkte. Doch Greenpeace musste zugeben, falsche Zahlen veröffentlicht zu haben. Danach waren die Medien nicht mehr bereit, alle Informationen ungefiltert zu übernehmen.

Geblieben ist die Begeisterung für direkte Konfrontationen. «Einem Bösewicht Sand ins Getriebe zu schütten macht schon Spass», sagt Kaspar Schuler. Eben läuft die nächste Greenpeace-«Waffe» vom Stapel: die «Rainbow Warrior III» – ein Hightech-Motorsegelschiff. Es verfügt über einen Helikopterlandeplatz, einen Konferenzraum für 50 Personen, ein Spital und Kräne, die Schlauchboote blitzschnell ins Wasser hieven. Kostenpunkt: 30 Millionen Franken.

Und wenn es dann zu See oder zu Land mal wieder richtig Action gibt, ist die Vorfreude gross. «So eine Aktion mit Hunderten Gleichgesinnter gibt schon einen netten Adrenalinschub», so Schuler. Und er lacht: «Das ist gut, das ist geil.»