Seit der Mensch die Atomenergie nutzt, hat er sich selbst und den nachfolgenden Generationen ein groteskes Problem geschaffen: Er häuft Abfälle an, die noch für Hunderttausende von Jahren strahlen. Diese Abfälle sicher zu lagern, gehört zu den grössten Herausforderungen, welche die Menschheit je anzugehen hatte.

Einer, der seit 35 Jahren nach Standorten für ein Endlager sucht, ist der in der Schweiz lebende Nuklearphysiker Charles McCombie. Er ist der Hauptprotagonist im neuen Dokumentarfilm «Die Reise zum sichersten Ort der Erde» des Baslers Edgar Hagen. Sympathisch macht McCombie, den Befürworter der Atomenergie, dass er die gewaltige Aufgabe rechtschaffen angehen und offene Fragen nicht unter den Tisch wischen will. Nur schon seine Teilnahme im atom- und wissenschaftskritischen Film ist ihm hoch anzurechnen.

Ein Lehrstück über die kollektive Verdrängung

Der Dokumentarfilmer Hagen hat sich Charles McCombie über mehrere Jahre an die Fersen geheftet und sich in acht Ländern an Orte begeben, an denen Endlager geplant waren oder sind. So besuchte er ein Bohrgebiet in der Wüste Gobi, einen Projektstollen in Schweden, die atomare Fabrik von Sellafield in England, extrem verseuchte Gebiete in den USA oder auch Projektstandorte in der Schweiz. Diese Reise verwebt Edgar Hagen mit der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie seit 1956. Entstanden ist ein Lehrstück über die kollektive Verdrängung eines globalen ungelösten Problems. Gleichzeitig zeigt der Film, wie nah Wissenschaftler und Politiker immer wieder an der Grenze des gesellschaftlich Verantwortbaren agieren. Eine der zentralen Fragen, die im Film aufgeworfen werden, lautet denn auch: «Kann und darf man ein solches Projekt gegen den Willen der Bürger durchsetzen?» Dabei geht es letztlich um zentrale Aspekte der Demokratie.

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Obwohl Edgar Hagen sich als Gegner der Atomkraft positioniert, gelingt es ihm, die komplexe Materie ausgewogen und sachlich zu präsentieren. Dabei stellen sich insbesondere die historischen Aspekte als hochspannend heraus. Geheime Projekte in der amerikanischen oder australischen Wüste, Einblicke in den Hochsicherheitstrakt von Sellafield oder Archivmaterial aus dem deutschen Gorleben bilden Höhepunkte. Allerdings hätte es dem 100 Minuten langen Film gut getan, hätte man ihn etwas gestrafft.

Unklar bleibt, weshalb das einzige Endlager, das bereits im Bau ist, unerwähnt bleibt: jenes von Eurajoki (Finnland). Auch das Felslabor im Mont Terri (Schweizer Jura) kommt nicht zur Sprache, obwohl dort derzeit die Machbarkeit eines Schweizer Endlagers geprüft wird. So bleibt das Gesamtbild etwas unvollständig. Auch widmet sich der Film eher den zahlreichen Problemen und Unwägbarkeiten, statt dass er versuchte, Lösungen aufzuzeigen. Letztlich ist aber die Frage, ob das Atommüll-Problem dereinst verantwortungsvoll gemeistert werden kann, sowieso eher eine philosophische. Auch der beste Wissenschaftler kann nicht wissen, was in den nächsten hunderttausend Jahren mit dem eingegrabenen Abfall passieren wird.

Mit Sicherheit leistet der Film einen wertvollen Beitrag im aktuellen Diskurs um die hochgefährlichen Altlasten. Und er stellt wichtige Fragen zur Demokratie, die breit diskutiert werden müssen.

Trailer: Die Reise zum sichersten Ort der Erde

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