Häuser ohne Toiletten und Kanalisa­tion zu bauen käme niemandem in den Sinn. Analog dazu kann man sich fragen, wie seit knapp 60 Jahren Atomkraftwerke errichtet werden können, ohne dass ­jemand weiss, was mit dem strahlenden Müll geschieht. 350'000 Tonnen hochradioaktive Abfälle stapeln sich weltweit in den Zwischenlagern. Jährlich wächst der Berg um 10'000 Tonnen. Das Zeug muss für Hunderttausende von Jahren sicher gelagert werden. Die Frage ist nur, wie – und vor allem wo.

Der Basler Edgar Hagen geht dieser Frage in seinem neuen Film «Die Reise zum sichersten Ort der Erde» nach. Er hat Endlager­projekte in sieben Ländern besucht und ist überall auf Probleme und Widersprüche gestossen. Entstanden ist eine spannende Sicht auf ein Kapitel der Technikgeschichte, das noch lange nicht zu Ende geschrieben ist.

BeobachterNatur: Edgar Hagen, Sie sind auf die Suche nach dem «sichersten Ort der Welt» gegangen – nach einem Ort, an ­ dem sich ein sicheres Endlager für ­Atommüll bauen lässt. Sind Sie ­fündig geworden?
Hagen: Auch nach 40 Jahren Forschung hat man auf der ganzen Welt noch kein ­Gebiet gefunden, das sich wirklich dafür eignet. Und es wird noch sehr lange dauern, bis man guten Gewissens ein Endlager bauen kann. Denn es braucht den Nachweis, dass der Atommüll über Hunderttausende von Jahren sicher ­gelagert werden kann. Die Beweisführung ist unglaublich schwierig.

BeobachterNatur: Die Nagra, die nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle, sagt, ein Endlager sei in der Schweiz realisierbar.
Hagen: Auf dem Papier mag das so sein. Aber viele Aussagen basieren lediglich auf Hochrechnungen. Niemand kann vorhersagen, was in den kommenden 100'000 Jahren passieren wird. Zudem gibt es zum ­Beispiel im Zürcher Weinland, das als Standort im Gespräch ist, erst ein einziges Bohrloch. Wie der Untergrund dort aussieht, weiss man also gar nicht genau. Im Weiteren ist nicht klar, ob die Tonschicht dick genug ist, um eine Eiszeit unbeschadet zu überstehen. So vieles ist ungeklärt. Kann man da wirklich sagen, die Machbarkeit sei ­erwiesen?

BeobachterNatur: Warum behaupten dann Wissenschaftler das Gegenteil?
Hagen: Zu denken geben mir die Forscher, die sagen, es komme schon gut, obwohl sie um all die offenen Fragen wissen. Es gibt aber auch redliche Wissenschaftler. Etwa Charles McCombie, ein Protagonist im Film. Er arbeitet zwar für die Atomindustrie, aber er verschweigt die offenen Fragen nicht. Er sagt, man müsse bei Problemen jederzeit bereit sein, abzubrechen und neu anzufangen. Nur so kann die Wissenschaft in der Bevölkerung Vertrauen schaffen. Und nur dank Vertrauen kann schliesslich ein Endlager gebaut werden.

Quelle: Look Now
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BeobachterNatur: Viele Projekte scheinen aber alles ­andere als seriös zu sein, wie Sie in Ihrem Film zeigen. In Schweden will man ein Endlager unter dem Meer bauen, in Deutschland eines in einem wasserdurchlässigen Salzbergwerk, und in den USA war geplant, radio­aktive Abfälle in einer vulkanischen, erdbebengefährdeten Region oder mitten in einem Ölfeld einzulagern.
Hagen: Die Beispiele zeigen die ganze Ausweglosigkeit. Wo man bohrt, tauchen neue Probleme auf. Kommt hinzu, dass kaum ein Forscher in grossen Zusammenhängen denkt. Nehmen Sie das Projekt in Nevada, wo ein Endlager ­neben einem relativ jungen Vulkan ­geplant war. An diesem Projekt waren 2000 Wissenschaftler beteiligt, der Vulkan wurde nicht als Problem betrachtet. Um das Projekt zu beenden, reichte das Engagement einer kleinen Gruppe von ­Aktivisten. Sie waren nicht schlauer als die Forscher, aber sie sahen die Zusammenhänge. Ihr führender Kopf war sehr gut informiert, weil er sich sorg­fältig in die Materie eingelesen hatte. Ich denke, wir müssen als Gesellschaft lernen, dass wir nicht blindes Vertrauen in die Wissenschaft haben dürfen.

BeobachterNatur: Was haben Sie bei der Recherche über die menschliche Psyche gelernt?
Hagen: Der Mensch macht immer wieder Dinge, von denen er nicht weiss, wie sie ausgehen. Und wenn ein Problem da ist, schiebt er es vor sich hin, in der Hoffnung, dass es schon gut ausgeht. Aber das «Prinzip Hoffnung» reicht ­einfach nicht aus.

BeobachterNatur: Also ist es schlicht menschlich, dass wir AKWs bauen, ohne eine Lösung für den Atommüll zu haben?
Hagen: Bis in die siebziger Jahre dachte man, man könne die strahlenden Abfälle in Tanks füllen oder irgendwo deponieren. ­Damals gab es kaum Widerstand ­gegen die Atomenergie, sogar die SP war dafür. Erst um 1978 begann das Problem zu drängen, und die Politik verlangte von den AKW-Betreibern ­Lösungen. Da merkte man, dass die Entsorgung viel komplexer ist als angenommen. Die Kommunikation mit den besorgten Bürgern wurde zu ­einer politischen Herausforderung.

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BeobachterNatur: Wie beurteilen Sie die Kommunika­tion in der Schweiz?
Hagen: Bei uns können vordergründig alle mitreden. Dieses «Partizipationsmodell» wird global als beispielhaft gefeiert. ­Allerdings sieht es für mich eher danach aus, als wolle man eine Gemeinde so lange weichklopfen, bis sie Ja sagt.

BeobachterNatur: Und wenn das nicht gelingt?
Hagen: Es käme zu einer ­nationalen Abstimmung, in der die betroffene Region einfach überstimmt werden könnte. Das würde eine riesige Belastung für die ­Demokratie bedeuten. Es erstaunt deshalb nicht, dass der Nationalrat jetzt ein Vetorecht für die Standortkantone einführen will. In der Wintersession kommt das Anliegen in den Ständerat.

Quelle: Look Now

BeobachterNatur: Könnte ein solches Vetorecht die Standortsuche nicht blockieren?
Hagen: Vielleicht. Ich kann mir aber sowieso nicht vorstellen, dass es möglich sein soll, ein Endlager ­gegen den Willen der betroffenen ­Bevölkerung zu realisieren.

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BeobachterNatur: In Schweden hat eine Gemeinde ein Endlager befürwortet. Und in Finnland ist das erste Endlager der Welt bereits im Bau. Warum bleibt das ­finnische Projekt in Ihrem Film unerwähnt?
Hagen: Das ist im Kern das gleiche Projekt wie in Schweden. In beiden Ländern ist das Endlager noch nicht bewilligt. Und das könnte noch sehr schwierig werden. Man will an beiden Orten Lagerstollen in wasserdurchlässigen Granit bauen und die Abfälle dann mit Kupfer und Bentonit vor dem Wasser schützen. Die Frage, wie lange diese Ummantelung dicht sein wird, ist ungeklärt.

BeobachterNatur: 1998 machte das Projekt «Pangea» Schlagzeilen: ­Eine Firma wollte in Australien ein Endlager für alle hochradioaktiven Abfälle der Welt bauen. Doch sie scheiterte am Widerstand von ­Umweltaktivisten. Wäre das nicht die beste Lösung ­gewesen?
Hagen: Der Ort schien geeignet, weil sich dort seit Millionen von Jahren geologisch nichts verändert hat. Aber auch dort könnte radioaktiv verseuchtes Wasser ins Grundwasser gelangen. Deshalb willigte die lokale Bevölkerung nicht ein. Warum soll ein Land, das selber keine Atomkraftwerke betreibt, den Müll der anderen Länder aufnehmen?

BeobachterNatur: Aber es wäre einfacher und sicherer, ein einziges globales Lager zu bauen.
Hagen: Auch die Amerikaner wollten das schon machen. Aber das Vorhaben erwies sich als viel zu schwierig. Heute versuchen Forscher wie Charles McCombie immerhin noch zu erreichen, dass sich ­einige Länder zusammenschliessen.

BeobachterNatur: Was halten Sie von Umwelt­aktivisten, die sich allen Projekten entgegenstemmen?
Hagen: Solange ständig neue Fragen und Pro­bleme auftauchen, formiert sich selbstverständlich Widerstand. Man kann nicht über die Köpfe der betroffenen Menschen hinweg planen. Man muss die Bürger einbeziehen. Jeder sollte das Recht haben, sich bei ­einem so wichtigen Thema einzumischen.

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BeobachterNatur: Es gibt bereits sehr viel Atommüll. Ist es so schlimm, wenn man jetzt noch ein wenig mehr produziert?
Hagen: Das finde ich keine konstruktive Sichtweise. Es geht darum, verantwortungsvoll zu handeln, statt die Probleme ­weiter zu vergrössern und zu vertagen.

BeobachterNatur: Warum beschreibt Ihr Film vor allem die Schwierigkeiten, statt sich stärker den Lösungswegen zu widmen?
Hagen: Weil derzeit niemand die Lösung kennt. Aber immerhin kann ich zeigen, dass es Leute gibt, die sich des Problems ­annehmen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als den eingeschlagenen Weg ­offen und ehrlich weiterzugehen, bis vielleicht einmal alle Fragen geklärt sind.

Edgar Hagen

Mit «Die Reise zum sichersten Ort der Erde» hat Edgar Hagen, 54, seinen vierten langen ­Dokumentarfilm realisiert. Er ist seit 1989 als unabhängiger Filmer und Autor tätig. ­Zuletzt waren von ihm «Someone Beside You» (2007) und «Zeit der Titanen» (2001) im Kino zu sehen. ­Edgar Hagen studierte Philosophie und Germanistik und arbeitete als Journalist und Theaterdramaturg, bevor er bei mehreren Fernsehdokumentationen Regie führte. Er ist Vater zweier Söhne und lebt in seiner Geburtsstadt Basel.

Quelle: Look Now

Trailer: Die Reise zum sichersten Ort der Erde

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Filmrezension