Beobachter: Ihr Grossvater stieg als erster Mensch in die Stratosphäre auf. Und keiner ist so tief getaucht wie Ihr Vater. Ist ein solches Familienerbe nicht eine grosse Last?
Bertrand Piccard: Keine Last, sicher aber eine Verpflichtung. Meinem Grossvater und meinem Vater ging es auch nicht um die Rekordjagd. Sie verbanden ihre Vorstösse mit einer Botschaft.

Beobachter: Welche Botschaft?
Piccard
: Mein Grossvater hat schon 1943 Artikel zu Solarenergie verfasst. Mein Vater stieg mit seinem Tauchboot 10'916 Meter tief in den Marianengraben ab, um zu beweisen, dass dort Leben existiert und wir das Meer nicht als atomaren Abfallkübel missbrauchen dürfen. Ich wurde also in eine Familie hineingeboren, die zugleich Technologien erforschte und die Umwelt schützen wollte.

Beobachter: Bertrand Piccard bloss ein Erbverwalter? Das können wir nicht glauben.
Piccard
: Ich mache es einfach auf meine Art. Ich bin weder Ingenieur noch Physiker; als Arzt verfolge ich eher einen humanistisch-philosophischen Ansatz. Ich versuche zu zeigen, wie Entdeckergeist das Leben auf unserem Planeten besser machen kann.

Beobachter: Ist dieser Entdeckergeist heute nicht veraltet?
Piccard
: Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter der Eroberungen – Nordpol, Südpol, Mount Everest, Stratosphäre, Meeresgrund, der Mond. Jetzt ist die Welt erobert. Den gleichen Entdeckergeist sollten wir heute dazu nutzen, das Leben auf unserem Planeten zu verbessern. Die Helden der Zukunft werden Menschen sein, die sich um Menschenrechte, Nachhaltigkeit, erneuerbare Energien und den Kampf gegen Armut und Hunger verdient machen – keine Rekordjagden, sondern Dinge, die unsere Welt zwingend und dringend braucht.

Beobachter: Ihr Projekt «Solar Impulse» will also mehr, als mit einem Solarflugzeug die Welt zu umrunden?
Piccard
: Viel mehr! Wenn wir ohne einen Tropfen Benzin sogar um die Welt fliegen können, kann bei mutigen Ideen für Heizungen, Autos oder Computer niemand mehr sagen: «Das ist unmöglich.» Wir wollen nicht die Fliegerei revolutionieren, unser Ziel ist die Revolutionierung des Verhaltens.

Beobachter: Es geht Ihnen um den Beweis, dass Nachhaltigkeit und Technik keine Gegensätze sein müssen?
Piccard
: Genau. Das grosse Problem ist doch, dass sich Ökologen und Ökonomen in verfeindeten Lagern gegenüberstehen. Die meisten Leute glauben, dass Umweltschutz nur über Verzicht funktioniert – und dass darunter zwangsläufig die Wirtschaft leiden wird. Und dass man umgekehrt die Umwelt zerstört, wenn man wirtschaftliche Anliegen unterstützt. Beides ist falsch.

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Beobachter: Was wäre richtig?
Piccard
: Das Miteinander von Ökologie und Ökonomie. Der einzige Weg, die Wirtschaft profitabel zu halten, ist, Technologien zu entwickeln, die den Energieverbrauch – also den Erdölverbrauch – herunterschrauben. Um unabhängig vom Erdölpreis zu werden. Diese Wirtschaftskrise bietet eine grosse Chance zur Neuorientierung.

Beobachter: Inwiefern?
Piccard
: Es nützt nichts, jedem Schweizer 1000 Franken in die Hand zu drücken. Damit erreicht man nichts. Viel besser wäre es, in nachhaltige Technologie zu investieren, dort Arbeitsplätze zu schaffen und so neue Märkte zu erschliessen.

Beobachter: Was fordern Sie konkret?
Piccard
: Was wäre besser geeignet, als eine nachhaltige Infrastruktur zu bauen, mit Solarkraft, geothermischen Kraftwerken, Windenergie, Biomassenkraftwerken? Und unsere Häuser zu isolieren. Das wäre für die Umwelt gut, und die Rendite wäre auch unglaublich hoch. Denn jeder Franken, den man nicht für fremdes Erdöl ausgibt, könnte in die Schweizer Wirtschaft eingespiesen werden. Das ergäbe eine Win-win-win-Situation: für den Staat, für den Einzelnen, für die Umwelt.

Beobachter: Wieso wird denn nicht schon lange auf grüne Technologien gesetzt?
Piccard
: Wegen alter Gewohnheiten und des Fehlens einer langfristigen Vision. So müssen wir eben jetzt damit anfangen. Mit «Solar Impulse» wollen wir den Weg weisen: aufzeigen, was wir mit den neuen Technologien machen können, und einen Anlass schaffen, damit wir darüber reden können. Ohne «Solar Impulse» würde ich nicht die ganze Zeit Interviews zur Nachhaltigkeit geben und an Konferenzen wie kürzlich am Klimagipfel in Kopenhagen teilnehmen. Niemand würde mir zuhören.

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Beobachter: Laufen Sie nicht Gefahr, dass Sie mit «Solar Impulse» mehr Aufmerksamkeit auf Ihre Person lenken statt auf Ihr Anliegen?
Piccard
: Es ist wahr, dass es praktischer ist, mich als den mit dem Solarflugzeug auf ein Rednerpult zu stellen. Aber ich lenke die Aufmerksamkeit nicht auf mich persönlich, sondern dank meiner Persönlichkeit auf wichtige Themen. Ich werde eingeladen, Reden zu halten, Staatsmänner zu treffen, in Debatten mitzumachen, um über Nachhaltigkeit zu sprechen und die Zuhörer zu motivieren. Dabei vertrete ich mein ganzes Team und meine Partner. Auch Pascal Couchepin, Moritz Leuenberger, Doris Leuthard waren schon bei uns, um zu sehen, was wir hier in Dübendorf machen.

Beobachter: Was sollten Leuenberger und Leuthard tun, um der Nachhaltigkeit auf die Sprünge zu helfen?
Piccard
: Es sind nicht nur Moritz Leuenberger und Doris Leuthard, die etwas tun müssen, es sind die Regierungen generell. Sie müssen dringend strenge Regeln aufstellen, um neue Technologien zu fördern, die weniger CO2 produzieren und weniger Benzin oder Heizöl verbrauchen. Wir leben ja auch sonst mit festen Regeln. Man darf ja auch nicht einfach seinen Abfall im Wald entsorgen. Wieso also sollte es weiterhin erlaubt sein, unlimitierte Mengen CO2 in die Atmosphäre zu schicken?

Beobachter: Die Wirtschaft lässt sich doch nicht auf Benzin und Heizöl reduzieren.
Piccard
: Es geht um Grundsätzliches. Wenn man der Wirtschaft vorschreibt, wie viel Energie ein Auto bis in fünf Jahren maximal verbrauchen darf, wird sie bis 2015 die dazu notwendigen Motoren produzieren. Das wäre übrigens mit den bereits existierenden Technologien möglich. Dasselbe gilt für Heizsysteme oder Isolationen.

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Beobachter: Wie hoch wäre das Sparpotential?
Piccard
: Wenn wir alle bereits existierenden nachhaltigen Technologien einsetzen würden, könnte ein Land wie die Schweiz heute 50 Prozent der fossilen Brennstoffe einsparen. Das wäre extrem profitabel.

Beobachter: Warum nimmt die Wirtschaft diese neuen Chancen nicht wahr?
Piccard
: Weil niemand den ersten Schritt machen will, solange nicht auch die Konkurrenz gezwungen wird, das Gleiche zu tun. Aber wenn wir die Wirtschaft dazu verpflichten, sich zu verändern, dann muss sie! Und wenn für alle die gleichen Spielregeln gelten, wird kein Unternehmen wirtschaftlich benachteiligt werden. Darum ist es so wichtig, dass Regierungen zusammenspannen und gemeinsame Regeln aufstellen. Das würde auch der Wirtschaft zum Vorteil gereichen. Wenn man General Motors und Chrysler vor fünf Jahren verpflichtet hätte, Autos mit viel tieferem Treibstoffverbrauch herzustellen, wären sie jetzt nicht pleite.

Beobachter: Braucht es tatsächlich Zwang?
Piccard
: Kein Mensch will sich freiwillig verändern, besonders nicht in der Schweiz, wo noch alles so gut scheint. Wir müssen gepusht werden. Und wenn wir dann geschubst worden sind, dann danken wir dem, der uns dahin gebracht hat.

Beobachter: Sie glauben nicht an die Kraft der Vernunft?
Piccard
: Es ist ein grosses Paradoxon. Wir halten den Menschen für ein mündiges Wesen, wir geben dem Bürger viel Verantwortung. Doch sobald er vieles ändern müsste, will er diese Verantwortung nicht mehr wahrnehmen. Und nun sollen wir von der Wirtschaft plötzlich erwarten, dass sie freiwillig gegen die Marktgesetze arbeitet? Deshalb ist es zwingend, dass man erst Spielregeln aufstellt, an die sich alle halten müssen. Eine wichtige Regel wäre, dass alle Umweltkosten in den Warenpreis eingerechnet werden müssen.

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Beobachter: Klingt gut, nur: Was nützt es, wenn die Schweiz handelt, der Rest der Welt aber zusieht?
Piccard
: Wenn die Schweizer Regierung solche Regeln aufstellt, müssten von der Wirtschaft all die neuen Technologien eingesetzt werden, die derzeit in Laboratorien nur darauf warten, benutzt zu werden. Die Schweiz würde damit zwar nicht das globale Klimaproblem lösen, aber ihre Industrie erneuern, Arbeitsplätze schaffen und diese neuen sauberen Technologien in alle Welt verkaufen können.

Beobachter: Die Politik, umkreist von Lobbyisten, soll vorangehen und harte Regeln gegen den Widerstand der Wirtschaft durchsetzen. Das klappt nie.
Piccard
: Wir sollten deshalb nicht Parteien wählen, sondern Menschen. In jeder Partei gibt es Leute, die solche Ideen unterstützen. Die sollten wir wählen. Denn sie werden sich im Parlament zusammenraufen und die Sache gemeinsam vorantreiben können. Deshalb nehme ich mir auch so viel Zeit beim Wählen. Bei den letzten Nationalratswahlen etwa habe ich Kandidaten aus sechs Parteien ausgewertet: Wie haben sie sich verhalten, wofür stehen sie ein, wie interagieren sie mit anderen Parteien?

Beobachter: Eines der ältesten Regelwerke, die das Zusammenleben von Menschen ordnen, sind die Zehn Gebote. Reicht es nicht, wenn wir alle uns auf sie besinnen und uns an ihnen ausrichten?
Piccard
: Nein, es bräuchte auf jeden Fall noch ein elftes Gebot: Du sollst nachhaltig leben. Aus einem einfachen Grund: Wenn wir dieses Gebot ignorieren, werden wir bald gar nichts mehr haben, auf das sich die anderen Gebote anwenden lassen. Dann wird nicht nur die Umwelt zerstört sein, sondern auch die Wirtschaft.

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Beobachter: Was muss sich ändern?
Piccard
: Heute werden lauter Dinge produziert, die enorm viel Erdöl verschlingen. Wenn aber Öl in nicht so ferner Zukunft viel teurer wird, kommt die gesamte Wirtschaft zum Erliegen. Insofern zerstört sie nicht nur den Planeten, sondern auch sich selber. Daher braucht es das elfte Gebot: Du sollst Technologien verwenden, die Rohstoffe sparen.

Beobachter: Ihnen geht es aber um mehr als um Ökologie. Mit Ihrem Hilfswerk «Winds of Hope» setzen Sie auch ein Zeichen für gelebten Humanismus.
Piccard
: Ich bin ursprünglich Arzt. Menschen, die leiden, Schicksale von Menschen, die keine Chancen und keine Zukunft haben, das berührt mich zutiefst. Mit der Stiftung bekämpfen wir Noma, eine bakterielle Erkrankung, die sich in der Mundschleimhaut entwickelt und in ein paar Wochen das Gesicht zerfrisst. Dass Kinder allein wegen Unterernährung und mangelnder Hygiene so entstellt werden oder gar sterben, ist untolerierbar. Und das im 21. Jahrhundert! Auch hier geht es letztlich um Nachhaltigkeit. Denn wir können keine sichere Welt, keine stabile Weltordnung haben, wenn wir uns nicht um den Hunger und die Armut in der Dritten Welt kümmern.

Beobachter: Also ein Engagement auch aus Eigennutz?
Piccard
: Es geht nicht nur um Mitleid, es steckt auch eine gesunde Portion Eigennutz dahinter. Humanitäre Hilfe und Nachhaltigkeit sind ein Gewinn für alle Seiten.

Beobachter: Ein Zusammengehen von Humanismus und Ökologie?
Piccard
: Genau, im Ökohumanismus lassen sich diese beiden Konzepte vereinen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Als ich jung war, glaubte ich, dass sich Menschen prinzipiell vernünftig verhalten, weil es gut ist, das Richtige zu tun; dass jeder die Umwelt schützen wollen muss, weil die Welt so wunderschön und wundervoll ist. Das war idealistisch gedacht und vor allem sehr weltfremd.

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Beobachter: Heute dagegen dominiert eine rein marktwirtschaftliche Sicht.
Piccard
: Richtig. Du investierst Geld und willst dafür etwas – respektive: mehr – zurück. Meiner Meinung nach liegt der Königsweg für eine bessere Zukunft darin, diese beiden Haltungen zusammenzubringen. Wie im Taoismus: Wir müssen die Extreme zusammenbringen. Es geht nicht darum, wer recht hat: rechts oder links. Wir müssen die Vorteile von beiden Konzepten nützen. Wir müssen aufhören, einander zu bekämpfen. Wir müssen die Schnittmenge der beiden Seiten finden.

Beobachter: Das klingt etwas abgehoben.
Piccard
: Nein, nein! Ich will Ihnen ein konkretes Beispiel für die Schweiz geben: Wir verbrauchen jedes Jahr zwei Prozent mehr Energie. Die einen schliessen daraus, dass wir neue Kraftwerke bauen müssen. Es gibt aber auch einen anderen Zugang, der ökonomisch sinnvoller ist: Wir reduzieren den Energieverbrauch um zwei Prozent pro Jahr, dank Technologien und Isolierung von Häusern. Das wird Arbeitsplätze schaffen und profitabel sein.

Beobachter: Und was tun Sie persönlich im Alltag, um Energie zu sparen?
Piccard
: Ich fahre ein Hybridauto, heize den Swimmingpool mit Solarenergie, heize das Haus nicht über 20 Grad, wir werden das Haus bald besser isolieren. Das bringt mehr Rendite als jedes Engagement an der Börse. Es geht auch um kleine Dinge: Ich will meinen Kindern beibringen, dass sie immer das Licht löschen müssen, wenn sie einen Raum verlassen. Glauben Sie mir, das ist ein ewiger Kampf. Mittlerweile müssen sie sogar eine kleine Strafe zahlen, wenn sie vergessen, das Licht zu löschen.

Zur Person

Bertrand Piccard, 51, ist der jüngste Spross der Schweizer Forscher-Dynastie der Piccards. Sein Grossvater Auguste stieg 1931 mit einem Ballon als erster Mensch auf 15785 Meter Höhe. Sein Vater Jacques stellte 1960 mit dem selbstgebauten U-Boot Trieste den Tauchweltrekord von 10'916 Meter Tiefe auf. 1999 schaffte Bertrand Piccard mit Brian Jones die erste Nonstop-Ballonfahrt rund um die Welt. 2011 will er die Erde mit einem Solarflugzeug umrunden. Bertrand Piccard ist Facharzt für Psychiatrie. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Lausanne.

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